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"Fukushima lässt grüßen": Was wäre, wenn?

von Solveig Bach

Gleich in drei Reaktoren von Fukushima kommt es am 11. März 2011 zur Kernschmelze. Japans Regierung und der AKW-Betreiber spielen die Katastrophe herunter. Susan Boos ist in die verseuchten Gebiete gereist und hat mit Behörden und Betroffenen gesprochen. Vor allem aber fragt sie: Was wäre, wenn ein solches Unglück bei uns geschehen würde?

Verstrahlte Arbeiter werden am 25. März vom AKW Fukushima ins Krankenhaus gebracht.
Verstrahlte Arbeiter werden am 25. März vom AKW Fukushima ins Krankenhaus gebracht.(Foto: dpa)

Ein Atomunglück mitten in eng besiedeltem Gebiet, vor dem Reaktorunglück von Fukushima war das kaum vorstellbar, und wenn, dann nur ganz weit weg. Westliche Industrienationen würden einen Reaktor-Störfall doch schnell unter Kontrolle bringen, so die weit verbreitete Meinung.

In ihrem Buch "Fukushima lässt grüßen" geht die Journalistin Susan Boos der Frage nach, wie die Schweiz mit ihren Atomkraftwerken auf den Notfall vorbereitet ist. Und weil die Radioaktivität kaum an der Grenze halt machen wird, geht das auch Deutschland etwas an, argumentiert Boos durchaus nachvollziehbar. Zumal viele Dinge ähnlich organisiert sind.

Strahlung kennt keine Grenzen

Boos spricht dazu unter anderem mit dem der Chef des Regionalen Führungsorgans (RFO) Aare-Rhein, Kim Kuhn. In seinen Zuständigkeitsbereich fällt das AKW Leibstadt direkt am Rhein. Ein Zwanzig-Kilometer-Kreis wie in Fukushima betrifft hier nur zur Hälfte Schweizer Gebiet, die andere Hälfte des Kreises ist schon auf deutschem Boden.

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Kuhn erzählt, dass es im Atomnotfall Alarm geben würde, wahrscheinlich würden viele Menschen versuchen, das Gebiet zu verlassen. Mit Autos und Megafonen würden Sicherheitskräfte durch die Gegend fahren und die Menschen auffordern, sich zur Evakuierung vorzubereiten. Haus- oder Nutztiere müssten zurückbleiben, vielleicht schaffen es die Bauern auch, den Transport selbst zu organisieren.

Anders sieht die Situation in einem Fall ähnlich dem von Tschernobyl aus. Kuhn lässt keinen Zweifel daran, dass dann das Gebiet rund um das AKW mit all seinen Menschen aufgegeben würde, so wie es auch die Betreiberfirma Tepco mit Fukushima gern getan hätte. Der RFO-Mann ist nicht sicher, ob all seine Leute dann überhaupt zur Arbeit kämen. Er ist noch nicht einmal sicher, ob er selbst käme.

Nichts ist planbar

Der Katastrophenschutz folgt Szenarien, die die jeweiligen Aufsichtsbehörden am Schreibtisch entwickelt haben. Es gibt Szenarien für leichte Zwischenfälle und welche für den schlimmsten Fall. Boos nennt sie alle eine "imposante Illusion", weil die Vorgänge in Fukushima belegten, dass es sowieso ganz anders kommt. Dort gab es nicht nur eine Freisetzung von Radioaktivität, sondern mehrere. Die am intensivsten strahlende Wolke zog sogar erst vier Tage nach dem "Ereignis" über bewohntes Gebiet. In Tschernobyl wurde die Entscheidung zur Evakuierung erst 48 Stunden nach der Explosion des Reaktors getroffen, weil alle Beteiligten mit der Entscheidung komplett überfordert waren. Ein Phänomen, dass auch nach den Reaktorproblemen in Fukushima zu beobachten war.

Das Buch ist im Rotpunktverlag erschienen und kostet 19,80 Euro.
Das Buch ist im Rotpunktverlag erschienen und kostet 19,80 Euro.

Weil nach Fukushima klar wurde, dass Atomunfälle meist sehr viel komplexer verlaufen, als in den bisherigen Szenarien vorgesehen, werden vielerorts die Katastrophenpläne überarbeitet. Doch einige Fragen bleiben unbeantwortet, beispielsweise die nach dem Ein Einsatz, der nie vergeht . In Tschernobyl wurden Tausende für den Einsatz zwangsverpflichtet, in Fukushima wurden sie immerhin unter Druck gesetzt. Eine Anfrage von Boos an den Schweizer Verteidigungsminister ergab, dass Verpflichtungen durchaus vorgesehen sind. Für Deutschland sieht es so aus, dass wohl nicht angeordnet werden kann, "in den Herr Ouchi stirbt den Strahlentod zu gehen". Wer die möglicherweise entscheidende Arbeit vor Ort dann machen soll, ist damit aber auch ungeklärt.

Wer zahlt?

Ebenso wie die Frage, wer für die Schäden aufkommt, die bei einem Atomunfall entstehen würden. Diese Schäden wären mitten in Europa wahrscheinlich noch gravierender, als sie jetzt in Japan ausfallen, wo die radioaktive Wolke weitgehend auf das Meer hinauszog. Laut einer Studie des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums könnte ein schwerer Kernschmelzunfall in einem deutschen AKW Schäden bis zu 5550 Milliarden Euro verursachen. Die deutschen AKW-Betreiber müssen bisher aber nur für Schäden bis zu 2,5 Milliarden Euro gerade stehen. Privat kann man sich für den Super-Gau gar nicht erst versichern, weil die Versicherungen "Schäden durch Kernenergie" von jeder Haftung und Ersatzleistung ausnehmen.

Boos ist weit davon entfernt, Panik zu verbreiten. Trotzdem stellt sich beim Lesen ein leicht panisches Gefühl ein. Zwar hat Deutschland einen beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen, doch die Energiewende verläuft stockend. Noch sind aber Atommeiler in Deutschland in Betrieb. Und gerade wurde die Veröffentlichung der Ergebnisse der Stresstests verschoben, die klären sollen, ob die Reaktoren Naturkatastrophen, Flugzeugabstürze und Bedienungsfehler überstehen. 

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Quelle: n-tv.de

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