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Charlotte Roche liebt es, zu provozieren, doch hinter dem Aufreger stecken kluge Gedanken.
Charlotte Roche liebt es, zu provozieren, doch hinter dem Aufreger stecken kluge Gedanken.(Foto: picture alliance / dpa)

Betäubungsmittel: Koks und Serien: Was, wenn man sein Kind nicht liebt?

Von Anna Meinecke

Geld allein macht nicht glücklich. Die Familie aber kann auch nicht entscheidend sein, jedenfalls nicht für Chrissi. Mit "Mädchen für alles" erzählt Charlotte Roche die Geschichte einer Frau, die vor allem keinen Bock hat.

Manchmal muss man ein bisschen Zeit ins Land gehen lassen. Mit Charlotte Roches dritten Roman zum Beispiel war das so. Wenn man all die Stimmen verklingen lässt, die sich sicher sind, die Ficki-Ficki-Nummer ließe sich nicht mehr verkaufen, und auch diejenigen, denen ein bisschen schmuddeliger Sex ohnehin glatt den Roman verdirbt, dann ist "Mädchen für alles" wirklich ein ziemlich großartiges Buch.

Der Roman ist bei Piper erschienen und kostet 14,99 Euro.
Der Roman ist bei Piper erschienen und kostet 14,99 Euro.

Der Leser begegnet der Protagonistin Christine Scheider, sie nennt sich selbst Chrissi, auf einer Party. Sie ist betrunken und sie hat keine Lust - keine Lust darauf, in ihrer eigenen Küche die Liebe der verhassten Verwandtschaft zu feiern, keine Lust, ihren Mann zu lieben, keine Lust ihrem Kind eine Mutter zu sein.

"So entspannend wie tot"

"Dunkel ist fast so entspannend wie tot", sagt Chrissi, wenn ihre eigene Existenz ihr mal wieder zu viel wird. Sie hat es gut, ein schönes Haus, eine nette, kleine Familie, Geld ist auch genug da. Doch während anderen die bürgerliche Existenz das sichere Nest ist, ist sie Chrissi ein Käfig, aus dem es auszubrechen gilt.

Den unbedingten Wunsch, sich von Erwartungen zu befreien, den hat Chrissi mit Helen Memel aus "Feuchtgebiete" und Elizabeth Kiel aus "Schoßgebete", Roches ersten Romanen, gemeinsam. Schrieb die Autorin damals etwa noch gegen pervertierte Reinlichkeitsvorstellungen an, denen sich Frau vermeintlich zu unterwerfen hat, hinterfragt sie heute vor allem die Rolle der Mutterschaft. Was, wenn die Fortpflanzung der weiblichen Existenz nicht die Kirsche auf der Sahnehaube ist? Und was, wenn man das nicht von vornherein weiß, sondern erst dann merkt, wenn es eigentlich schon viel zu spät ist?

Verdrängung per Youtube-Tutorial

In einem fortwährenden inneren Monolog seziert Chrissi ihre Lebensrealität - nicht leidend, sondern grausam analytisch. Sie ist faul, sie ist undankbar, und wenn sie es auch besser machen will, meist schafft sie es nur bis zum nächsten Bier, zur nächsten Nase Koks, zur Couch, wo sie dann lethargisch zwischen amerikanischen Fernsehserien und Youtube-Tutorials in den Schlaf der Verdrängung gleitet.

Roches wahres Talent liegt entgegen ihrer zugegebener Maßen recht plakativen Selbsteinschätzung nicht im Schreiben von Sexszenen, sondern im Erdenken sperriger Frauencharaktere. Sprachlich überschlägt sie sich dabei nicht. Chrissis locker naiver Sprech gespickt mit ein paar Vulgaritäten lässt den Leser schon mal ernüchtert die Pupillen ins Augeninnere verdrehen. Chrissi nervt - doch genau das macht die Figur so brillant.

"Mädchen für alles" beweist gekonnt, dass man den Protagonisten hassen und sich trotzdem in seiner Geschichte verlieren kann. Wer an dem Roman Freude haben will, darf ihn nicht wegen Roches zuweilen ungenauer Oberflächlichkeiten abschreiben. Der Leser muss sich auf all den grottigen Schnodder einlassen - nicht dass er am Ende noch die tote Oma bei Google Street View verpasst.

"Mädchen für alles" von Charlotte Roche bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

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