Die große W-FrageWie geht es nach dem Abi weiter?

Das Schuljahr neigt sich dem Ende entgegen, für viele endet gleich die ganze Schulzeit. Abiturienten stellt sich damit die Frage nach dem Studienwunsch. Eine schwierige Frage, denn bis sich aus Interessen und Neigungen eine klare Vorstellung von der beruflichen Zukunft entwickelt, das dauert. Aber es gibt Hilfe.
Jedes Jahr verlässt ein neuer Abiturjahrgang die Schulen, mit der Vorgabe, sich ab jetzt selbst um den weiteren Bildungsweg zu kümmern. Das bedeutet viel Freiheit – und viel Verantwortung. Nicht wenige junge Menschen sind davon am Anfang überfordert. Denn die Studienlandschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Zu den klassischen Studiengängen wie Jura, Medizin und Germanistik sind Hunderte neue dazugekommen, so dass die Auswahl größer, unübersichtlicher und schwieriger geworden ist. Helfen kann da, neben einem Blick ins Studienverzeichnis und eigenen Überlegungen, die klassische Studienberatung.
Doch nicht jeder hat die Zeit und die Möglichkeiten, einen wirklich hilfreichen Termin bei der Beratungsstelle einer Hochschule zu ergattern. Dieses Problems ist sich auch Holger Walther, der Studienberater der Humboldt Universität Berlin, bewusst und hat deshalb ein Buch geschrieben. In "Abi, was nun? Das richtige Studium finden" bekommt der Leser die Möglichkeit, den Entscheidungsprozess zur Studienwahl von Anfang bis Ende unterstützt zu durchlaufen. Die langjährige Erfahrung von Walther mit Abiturienten und ihren Problemen gibt es dazu.
Dazu werden zuerst einmal die Grundlagen der Entscheidungsfindung erörtert und einige konkrete Ratschläge gegeben, von welchen Strategien man dringend Abstand nehmen sollte. Hierbei kommt eindeutig der Psychologe in Walther durch, denn er versetzt sich sehr aufrichtig in die Situation unsicherer Abiturienten hinein. Er versucht ihnen, so gut es geht, die Angst vor der "falschen" Entscheidung zu nehmen und ermutigt sie, bei ihrer Entscheidung neben rationalen Argumenten auch auf die innere Stimme zu vertrauen. Schließlich, so argumentiert er, sind die Biografien heute längst nicht mehr so gradlinig, wie sie einmal waren. Man kann also getrost erst mal anfangen etwas zu studieren und dann sehen, wohin das Leben einen führt.
Viele Fragebögen
Im zweiten Teil des Buches erwarten den Leser eine Reihe Tests und Aufgaben, die ihm helfen sollen, sich seiner Wünsche und Möglichkeiten besser bewusst zu werden. So gilt es zum Beispiel ein großes Schema auszufüllen, aus dem sich von Ebene zu Ebene mehrere, immer konkretere Fachrichtungen herauskristallisieren. Natürlich sind das keine fertigen Ergebnisse, die man sofort in die Tat umsetzen sollte. Vielmehr zeigt das Schema einem die Wege auf, die sich aus den eigenen Begabungen und Interessen zusammensetzen, und über die man sich mal Gedanken machen sollte. Dieses Schema ist vor allem für diejenigen sehr hilfreich, die überhaupt keine Vorstellung davon haben, was sie später machen wollen. Aber auch eine psychologische Einschätzung darüber, wie der spätere Arbeitsplatz aussehen soll, ist in den Tests enthalten. Denn, wie Walther schon schreibt: "Sie können sich sicher vorstellen, dass es einen Unterschied macht, ob Sie in der Wirtschaft viel Geld verdienen oder ob Sie sich vor allem für den lokalen Artenschutz einsetzen wollen." Ein besonders cleverer "Entscheidungsbogen" hilft bei mehreren zur Auswahl stehenden Fächern, die rationalen und emotionalen Argumente gegeneinander abzuwägen.
Doch das wirklich Hilfreiche an dem Buch ist nicht, dass der Leser sich angeleitet Gedanken über seine Zukunft macht. Vielmehr wird er mit dem Ergebnis dieses Nachdenkens, das er entweder im Laufe des Buches gefunden hat oder schon vorher hatte, nicht allein gelassen. Am Ende des Buches nimmt sich Holger Walther die Zeit, viele konkrete und hilfreiche Tipps und Informationen zu geben. So fasst er zum Beispiel auf mehreren Seiten die möglichen Fachrichtungen eines Berufsfeldes zusammen, was dem Leser die Möglichkeit gibt, zu schauen, was es denn zum Beispiel bei "Irgendwas mit Technik" noch so gibt. Außerdem regt er immer wieder dazu an, auch ein Sabbatjahr in Form von Au-pair und FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) in Betracht zu ziehen. Hinzu kommen hilfreiche Webseiten und Anlaufstellen.
Kein Wolkenkuckucksheim
Walthers Buch zeichnet sich vor allem durch Bodenständigkeit und Realismus aus, was bei der langjährigen Berufserfahrung des Autors auch keine Überraschung ist. Er hat ein gutes Gespür dafür, welche Fragen die jungen Leser beschäftigen und welche Anregungen ihnen weiterhelfen. Manchmal traut er den Lesern allerdings ein bisschen wenig zu. Da erscheinen die Fragen etwas zu flach und einseitig und manche der Schritte, die zur Selbstreflektion anregen sollen, zu klein.
Auch wäre es wohl sinnvoller, das Buch schon zu Beginn der Sekundarstufe zwei zu lesen, um der Entscheidungsfindung mehr Zeit zu geben. Dann kann man sich im oder nach dem Abitur immer noch stärker mit den Alternativen befassen und eben auch mithilfe des Buches in die Tat umsetzen. Denn obwohl es sicherlich einigem an Zeit und Aufmerksamkeit bedarf, um die im Buch beschriebenen Schritte zu durchlaufen, kann es durchaus hilfreich sein, vor allem für diejenigen, die noch völlig ohne Orientierung im Meer der vielen Möglichkeiten schwimmen.
Für alle diejenigen jedoch, die einfach noch ein paar mehr Anregungen brauchen, in welche Richtung sie auch gehen könnten, gibt es beispielsweise den Abi Powertest der Agentur für Arbeit, der auch im Buch lobend erwähnt wird. Dieser sehr gute und differenzierte Test schlägt am Ende in der Tat konkrete Berufe vor und benotet auch verschiedene Eigenschaften wie Leistungsbereitschaft und Sozialkompetenz. Aber, und auch das kann man bei Holger Walther lernen, auch wenn es verlockend ist: Man sollte auf keinen Fall einfach das noch so konkrete Ergebnis eines Onlinetests studieren.