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Ihr Tagebuch machte Anne Frank nach ihrem Tod weltberühmt - im Film wird sie nun von Lea van Acken verkörpert.
Ihr Tagebuch machte Anne Frank nach ihrem Tod weltberühmt - im Film wird sie nun von Lea van Acken verkörpert.

Und es bewegt einen noch immer: "Das Tagebuch der Anne Frank" - im Kino

Von Volker Probst

Wer "Das Tagebuch der Anne Frank" gelesen hat, weiß: Es ist nicht nur das schreckliche Schicksal des Mädchens, das einen betroffen macht. Es ist auch Annes gewiefte Lebensfreude, die einen ansteckt. Ein neuer Film will das im Kino abbilden. Kann das gutgehen?

Geplant war das so ganz sicher nicht. Trotzdem hätte die neue Verfilmung des "Tagebuchs der Anne Frank" kaum zu einem besseren Zeitpunkt in die Kinos kommen können. Zu einem Zeitpunkt, an dem Themen wie Krieg, Verfolgung und Flucht wieder ganz weit oben auf der politischen Agenda stehen. Und Themen wie Hilfe, Zuflucht und Asyl.

Gefühlt war "Das Tagebuch der Anne Frank" immer da. Kaum einer, der in der Schule nicht zumindest darüber gesprochen hätte. Viele, die es im Unterricht oder privat auch wirklich gelesen haben. Aber wie viele haben eigentlich schon mal einen Film über die Geschichte des in Frankfurt am Main geborenen und im Konzentrationslager Bergen-Belsen elendig verendeten Mädchens gesehen? So viele Verfilmungen des Themas, wie man meinen könnte, gibt es nämlich gar nicht.

Komplett deutsche Produktion

Okay, da war der bereits 1959 entstandene US-Streifen, der im Folgejahr drei Oscars erhielt und in dem Millie Perkins in die Rolle der Anne geschlüpft war. 1980 erlebte er ein deutlich weniger beachtetes Remake. Überdies widmeten sich einige Fernsehfilme dem "Tagebuch". Just im vergangenen Jahr zeigte die ARD etwa die gelungene Dokumentation "Meine Tochter Anne Frank", die außer mit Zeitzeugen-Interviews auch mit zahlreichen Spielszenen aufwartete. Hier war es die mittlerweile 19-jährige Mala Emde, die der zum Zeitpunkt ihres Todes keine 16 Jahre alten Anne ein Gesicht gab.

Der Film zeigt Anne auch noch in der Zeit außerhalb des Verstecks.
Der Film zeigt Anne auch noch in der Zeit außerhalb des Verstecks.(Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Dennoch ist der nun nur ein Jahr später erscheinende Streifen mit dem schlichten Titel "Das Tagebuch der Anne Frank" von Regisseur Hans Steinbichler etwas Besonderes. Er will schließlich nicht nur ein Dasein in der Glotze fristen, sondern als richtiger Spielfilm auch das Kinopublikum erobern. Das hat bis dato tatsächlich noch keine rein deutsche Produktion, realisiert mit ausschließlich deutschen Hauptdarstellern und in deutscher Sprache, in Angriff genommen. Für dieses Wagnis mussten erst einmal 71 Jahre seit Anne Franks Tod ins Land ziehen.

Ganz dicht an Anne

Natürlich hätte man bei der Erzählung der Geschehnisse im Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht 263 viel verkehrt machen können. Das jedoch macht der Film nicht. Steinbichler bettet die Erinnerungen und Gedanken, die Anne während ihrer knapp zwei Jahre im Versteck vor den Nationalsozialisten niedergeschrieben hat, zwar in eine lose Rahmenhandlung ein - angefangen bei der Flucht aus Deutschland und aufgehört im KZ. Ansonsten aber bleibt er dicht am "Tagebuch". Und vor allem dicht an Anne.

Das tragische Ende der Geschichte ist bekannt.
Das tragische Ende der Geschichte ist bekannt.(Foto: Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions)

Entstanden ist so ein Film von großer Intensität. Ein Film, der einen in Annes Welt förmlich hineinzieht. In ihre subjektive, ebenso immer irgendwie humorvolle wie bisweilen tieftraurige Sicht der Dinge. In ihre Gefühlswelt eines pubertierenden Mädchens, das zu schnell erwachsen werden muss. In ihre jüdische Identität. Und auch und gerade in ihre unbändige Lebensfreude, die ihr so brutal geraubt wird.

Großartige Lea van Acken

Dass das so gut gelingt, ist insbesondere dem hervorragenden Ensemble um alte Schauspielhasen wie Ulrich Noethen (Otto Frank), Martina Gedeck (Edith Frank) oder Margarita Broich (Petronella van Daan) zu verdanken - allen voran aber Anne-Jungdarstellerin Lea van Acken. Gerade erst 17 geworden, absolviert sie in dem Streifen nach ihrem ebenfalls dramatischen Debüt "Kreuzweg" 2014 erst ihre zweite große Kinorolle. Und man fragt sich, wo der Teenager, der bislang noch keine Schauspielschule von innen gesehen hat, sein Talent her nimmt. Nicht nur optisch scheint van Acken der Anne Frank, wie man sie von alten Bildern kennt, durchaus zu ähneln. Auch wie sie es hinbekommt, ein scheinbar authentisches Abbild der historischen Figur auf der Leinwand zu erschaffen, ist famos. Regisseur Steinbichler meinte dazu lapidar: "Ohne Lea van Acken wäre dieser Film nicht möglich gewesen." Und er hat Recht.

Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer Anne, ihre Schwester und Eltern sowie die vier weiteren Mitbewohner im Amsterdamer Hinterhausversteck verraten und kein Jahr vor Kriegsende dem beinahe sicheren Tod im KZ ausgeliefert hat - nur Annes Vater Otto Frank überlebte den Holocaust. Steinbichler ist so klug, sich auf keine der Spekulationen festzulegen. Er lässt die Frage, wer für den Verrat verantwortlich war, offen.

"Das Tagebuch der Anne Frank" wird sich womöglich nicht zum Blockbuster in den deutschen Kinos mausern. Nicht alle wollen sich bei Popcorn und Cola mit einem historisch schweren Thema wie diesem auseinandersetzen. Ein größeres Publikum hätte der Film jedoch allemal verdient. Auch und gerade weil manche, die derzeit ganz besonders laut gegen Flüchtlinge wettern, gut daran täten, sich mal wieder mit der deutschen Geschichte zu befassen. Dass auch hier Menschen flüchten mussten und auf Hilfe angewiesen waren, ist kaum mehr als 70 Jahre her. Allein deshalb kann man "Das Tagebuch der Anne Frank" eigentlich noch immer nicht oft genug auf die Leinwand bringen.

"Das Tagebuch der Anne Frank" läuft ab 3. März 2016 in den deutschen Kinos

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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