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"Der Hobbit" mit seinen Gefährten: Bilbo Beutlin und die Zwerge.
"Der Hobbit" mit seinen Gefährten: Bilbo Beutlin und die Zwerge.(Foto: Warner Bros. Pictures)

Eine unerwartet lange Reise: "Der Hobbit" reißt die Messlatte

Von Volker Probst

Es ist das Leinwand-Ereignis des Jahres. Mit "Der Hobbit" erfüllt Regisseur Peter Jackson sich und dem Kino-Publikum den großen Traum von der Rückkehr nach Mittelerde. Im ersten Teil treten Bilbo Beutlin und seine tapferen Gefährten "Eine unerwartete Reise" an. Nur eins dürften sie alle sicher erwarten: dass sie am "Herrn der Ringe" gemessen werden.

Mit Tolkien für immer verbunden: Peter Jackson.
Mit Tolkien für immer verbunden: Peter Jackson.(Foto: picture alliance / dpa)

Als sich Peter Jackson kurz vor der Jahrtausendwende an die Dreharbeiten zum "Herrn der Ringe" machte, erging es ihm im Grunde wie seinem Hauptcharakter Frodo Beutlin. So wie der kleine Hobbit aus dem idyllischen Auenland in die große, weite Welt von Mittelerde aufbrach, so trat der Regisseur aus dem beschaulichen Neuseeland den Weg ins schillernde Hollywood an. Bis dahin hatte sich Jackson eigentlich nur mit einigen Insider-Produktionen einen Namen gemacht. Vor allem sein grandioser und vor Kunstblut triefender Splatter-Trash-Streifen "Braindead" (alternativ auch "Dead Alive" genannt) war schon damals Kult.

Seine Aufgabe, den "Einen Ring" bis ins Herz von Mordor zu tragen, war für Frodo enormes Privileg und unfassbare Bürde zugleich. Und auch für Jackson war es Gunst und Last in einem, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Lange Zeit galt "Der Herr der Ringe" als "unverfilmbar". Lediglich eine Zeichentrick-Adaption wagte sich mit durchwachsenem Ergebnis daran. Die Nachlassverwalter des 1973 verstorbenen J.R.R. Tolkien achteten mit Argusaugen darauf, dass nichts, was ihrer Ansicht nach dem Geist des Autors - oder ihren finanziellen Interessen - widersprechen würde, das Licht der Kinoprojektoren erblickt. Und auch die Fangemeinde auf der ganzen Welt, die größer kaum hätte sein können, verfolgte mit kritischem Blick, was Jackson aus "ihrem" Standardwerk der Fantasy-Literatur wohl machen würde. Hätte er sie enttäuscht, dann wäre die "Der Herr der Ringe"-Trilogie womöglich zu einem Millionen-Grab geworden. Und zu seinem als Regisseur gleich mit. Ganz wie bei Frodo: Hätte er der Versuchung des Rings nicht widerstanden, hätte er nicht nur seine Gefährten und Mittelerde in die Katastrophe gestürzt, sondern auch sich selbst in eine Zukunft als Gollum.

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Doch Frodo triumphierte. Phänomenal und kolossal. Ganz so wie Peter Jackson. Dass angesichts der berechtigten Begeisterungsstürme für seine "Der Herr der Ringe"-Verfilmung früher oder später auch Tolkiens "Der (kleine) Hobbit" eine daran angelehnte Leinwand-Umsetzung erfahren würde, war notorisch. Allein schon aus wirtschaftlichen Erwägungen. Denn statt zum Millionengrab wurde "Der Herr der Ringe" zu einem milliardenschweren Franchise. Und auch wenn "Der Hobbit" mit geschätzten Produktionskosten von bis zu 500 Millionen Dollar eines der teuersten Filmprojekte aller Zeiten ist, dürfte wohl niemand daran zweifeln, dass er diese Kosten in jedem Fall zigfach wieder einspielen wird.

Wie Lena beim Song Contest

Peter Jackson persönlich indes ging mit der erneuten Übernahme der Regie zweifellos abermals ein Wagnis ein. Schließlich könnte er sein mit dem "Herrn der Ringe" errichtetes Denkmal ebenso noch ein Stück höher bauen wie einreißen. Mittelerde und der Eurovision Song Contest haben bestimmt nicht viel gemein. Aber Jackson und Lena haben es. Es geht um keine geringere Frage als die nach der Titelverteidigung - und nach den Konsequenzen bei einem Scheitern. Tatsächlich war Jackson das bewusst. Ursprünglich sollte beim "Hobbit" Guillermo del Toro den Hut aufhaben. Erst nachdem der wegen fortwährender Verzögerungen des Filmprojekts das Handtuch warf, übernahm Jackson am Ende doch noch das Steuer.

Natürlich darf er auch im "Hobbit" nicht fehlen: Gollum.
Natürlich darf er auch im "Hobbit" nicht fehlen: Gollum.(Foto: Warner Bros. Pictures)

Der Hobbit, um den sich in der Vorgeschichte des "Herrn der Ringe" alles dreht, ist nicht etwa Frodo, sondern der junge Bilbo Beutlin. Eines schönen Tages taucht unverhofft der Zauberer Gandalf bei ihm auf. Der Magier und eine 13-köpfige Bande ungebetener Gäste im Kleinwuchs-Format überreden den Hobbit zur Teilnahme am Abenteuer seines Lebens - die Befreiung des Zwergenreichs Erebor, das von einem Drachen unterworfen wurde. Doch bis zur möglichen Konfrontation mit dem feuerspeienden Ungetüm ist es ein langer Weg, auf dem noch ganz andere Unwägbarkeiten und Gefahren lauern: Elben, Trolle und natürlich die ganz und gar unfreundlichen Orks.

Als die Gruppe in die Gefangenschaft der Orks gerät, stürzt Bilbo in die Tiefe. Wieder erwacht, findet er sich nicht nur in einem verzweigten Tunnelsystem wieder, er macht auch die Bekanntschaft mit einer schauerlich-skurrilen Kreatur: Gollum. Zunächst unbemerkt schnappt sich der Hobbit den Ring, den das unerklärliche Wesen verloren hat. Als Gollum jedoch den Verlust bemerkt, wird Bilbo rasch klar, dass er lieber Reißaus nehmen sollte. Der Ring leistet ihm dabei unverhoffte Hilfe, verleiht er dem Hobbit doch die Macht, sich unsichtbar zu machen. Zurück bei Gandalf und den Zwergen, setzt die Gemeinschaft, nach wie vor von Orks verfolgt, ihre Reise fort. Weder Bilbo noch seine Begleiter ahnen, welch zweifelhaften Schatz sie mit sich führen …

Bilderflut und Spielfreude

Während die Gerüchteküche brodelt, dass "Der Herr der Ringe" schon bald nachträglich noch einmal eine in 3D konvertierte Wiederauferstehung feiern soll, wurde "Der Hobbit" natürlich bereits im dreidimensionalen Format gedreht. Und nicht nur das: Erstmals kam bei dem Film ein neues Verfahren zum Einsatz, das 48 Einzelbilder pro Sekunde - statt der bisher üblichen 24 - erzeugt. Das Ergebnis ist revolutionär. Schärfer, detailreicher und plastischer war Kino wirklich noch nie. Gleichwohl hat dies auch einen Nebeneffekt, den viele schon von ihrem HD-Fernseher her kennen dürften: Je genauer man etwas sieht, umso durchschaubarer wird es auch. Kulissen wirken dann stärker wie Kulissen, Kostüme wie Kostüme, Schauspiel wie Schauspiel, Computergebilde wie Computergebilde. Was früher der gnädige Schleier der Unschärfe kaschierte, tritt nun schonungslos zutage.

Für den Film entstanden atemberaubende Fantasiewelten.
Für den Film entstanden atemberaubende Fantasiewelten.(Foto: Warner Bros. Pictures)

Das ist zumindest gewöhnungsbedürftig. Und für manch künftigen Film, der auf diese Art und Weise realisiert wird, könnte es tatsächlich zum Bumerang werden. Allerdings nicht für den "Hobbit". Dafür ist nicht nur die Ausstattung mit all ihren künstlichen Welten und Figuren handwerklich zu perfekt, sondern auch das Ensemble zu brillant. Allen voran Martin Freeman, der Bilbo spielt, als wäre er tatsächlich als Hobbit geboren worden. Doch auch Richard Armitage als Zwergenführer Thorin Eichenschild überzeugt, ganz abgesehen von den bereits bekannten Darstellern wie etwa Ian McKellen (Gandalf), Andy Serkis (Gollum), Cate Blanchett (Galadriel) oder aber Christopher Lee (Saruman). In der Summe präsentiert sich "Der Hobbit" als gigantische Bilderflut mit blendend aufgelegtem Personal.

So weit, so fantastisch. Das Manko des Films lauert woanders. Es ist die Geschichte. Dass Tolkien "Der Hobbit" eigentlich als Kinderbuch verfasst hat, lässt sich - mit dem Willen zur weitgehenden Originaltreue - auf der Leinwand leider kaum retuschieren. Die Handlung bleibt bei aller ausgefeilter 3D-Technik weitgehend eindimensional und neigt zur Redundanz. Angesichts der Unterschiede in den literarischen Vorlagen mag das unfair erscheinen, doch den Vergleich mit dem "Herrn der Ringe" kann man kaum ausblenden. Möglicherweise wäre man gnädiger, wären die Verfilmungen in umgekehrter Reihenfolge in die Kinos gekommen. So aber fällt "Der Hobbit" einfach nur stark ab.

Lachen statt gruseln

Wer einmal die schwarzen Reiter der Nazgûl oder die von Saruman gezüchteten Orks in Jacksons "Der Herr der Ringe"-Trilogie gesehen hat, wird bei den Orks im "Hobbit" kein vergleichbares Unbehagen mehr verspüren. Statt dem Zuschauer wohlige Schauer über den Rücken zu jagen, trainiert der erste Teil von "Der Hobbit" vielfach die Lachmuskeln. Mit der Folge, dass man sich in manchen Szenen eher an die Absurditäten in "Fluch der Karibik" erinnert fühlt als an die Wirren in Mittelerde.

Für all das könnte man Jackson und seine Crew unter Hinweis auf Tolkiens Erzählung in Schutz nehmen. Keine Entschuldigung gibt es jedoch dafür, dass die dürre Handlung allein im ersten Teil auf drei Stunden gestreckt wird. Ja, Sie haben richtig gehört - für diesen Film können Sie die "Hobbit"-Füße ruhig zu Hause lassen, aber bringen Sie viel Sitzfleisch mit. Bis der Film einigermaßen in die Gänge kommt, dauert es lange. Zu lange. Locker hätte man den Streifen um eine Stunde eindampfen können. Er hätte dadurch nichts verloren, aber viel gewonnen.

Es ist schade, aber wahr: Würde Peter Jackson mit "Der Hobbit" noch einmal bei einem Wettbewerb antreten, den er mit dem "Herrn der Ringe" einst überlegen gewonnen hatte, würde es ihm in etwa ergehen wie Lena beim Song Contest. Der zehnte Platz wäre allemal drin, sicher auch noch ein Rang weiter vorne. Aber die Titelverteidigung? Leider nein.

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Quelle: n-tv.de

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