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Friends made in Hollywood: Der Quentin und der Christoph.
Friends made in Hollywood: Der Quentin und der Christoph.(Foto: dpa)

Die blutigsten Szenen fehlen!: Django Unchained, brutal und witzig

Quentin Tarantino hat wieder zugeschlagen, und wie immer liegen Comedy, Ekel, Drama und harte Realität so nah beieinander, dass man es kaum fassen kann. n-tv.de traf die Schauspieler und den Regisseur in Berlin. Und hat dabei erfahren, dass Tarantino den Sommer in Kreuzberg verbringen will.

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Worum es geht, weiß inzwischen ja jeder. Wer da mitspielt auch. Dass "unser" Christoph, der Herr Waltz, bereits einen bedeutenden Preis dafür kassiert hat, ist hinreichend gewürdigt worden. Er ist einer der besten Darsteller, die wir in Europa haben, und das hat Quentin Tarantino, der übrigens auch einen Golden Globe für seinen Film "Django Unchained" mit nach Hause nehmen durfte, schon vor einiger Zeit bemerkt.

Nicht wahr dagegen ist die Mär, die sich hartnäckig hält, dass Christoph Waltz eigenhändig am Drehbuch zu dem blutrünstigen Streifen, der im Gewand eines Liebesfilmes mit Western-Optik und coolster Filmmusik daherkommt, mitgeschrieben hat. "Ich weiß auch nicht, warum das so erzählt wurde. Wahr ist, dass Quentin mir immer die Teile gegeben hat, die bereits fertig waren. Wissen Sie, wenn wir zum Essen verabredet sind, dann hol' ich ihn manchmal ab, und bei 'Django' war es so, dass manchmal genau dann, wenn ich vor der Tür bei ihm stand, die frischen Seiten aus dem Drucker gekommen sind. Ich durfte sie dann lesen - das darf sonst niemand - und ja, es hat mir schon geschmeichelt, dass Quentin immer meine Meinung hören wollte", erzählt Waltz beim Gespräch in Berlin.

Tarantino, der blutige Meister des Martial Arts Trash, der Spötter über die Nazi-Zeit, der Mann, der dem Nahkampf auf den Tod ein menschliches, fast ästhetisches Gesicht gibt, sagt: "Natürlich habe ich beim Schreiben der Rolle des Dr. King Schultz an Christoph gedacht, nur an ihn", lächelt Tarantino fast versonnen, und das ist ungewöhnlich, denn Quentin Tarantino hat eine unglaublich schnelle, quasi atemlose Art, zu reden. Und stimmt es, dass er die blutigsten Szenen aus dem fertigen Film geschnitten hat? "Ja, das stimmt", gibt er zu. Wegen der Oscars? "Nein, auf keinen Fall", empört er sich lachend. "Für das Publikum, es war einfach zu heftig." Ja, das können wir bestätigen, es ist auch so schon heftig genug.

Siegfried und Brunhilde mal anders ...
Siegfried und Brunhilde mal anders ...(Foto: dapd)

Aber zuerst nochmal zu Christoph Waltz, der seine Rolle natürlich schon längst synchronisiert hat (und man möchte trotzdem dazu raten, sich den Film im Original anzuschauen): "Die einzige Schwierigkeit dabei war, wenn ich mit Broomhilda, die ja natürlich eigentlich Brunhilde heißen muss, gesprochen habe. Das machte aber nichts. Dieses Springen zwischen deutsch und englisch fällt in der Übersetzung natürlich weg, aber das muss eben auch gehen. Und es geht! Das Wichtigste bei solch einem Film ist doch, dass man sich am Set gut versteht, das spürt der Zuschauer nämlich in jeder Sprache. Und das war der Fall!" Nochmal angesprochen auf das Drehbuch, freut sich Christoph Waltz, der total angekommen zu sein scheint in Kalifornien, dass er der Erste war, der es komplett lesen durfte: "Ja, gut, dass Sie mich drauf ansprechen, da kann ich reinen Herzens behaupten: Es stimmt, ich habe es zuerst gelesen!" Er lacht. "Das ist übrigens nur dann ein Vergnügen, wenn Quentin das bereits in den Computer getippt hat, denn er beginnt immer damit, handschriftliche Manuskripte zu verfassen, es ist unglaublich!"

Warum hat er denn bei ihm so eine Ausnahme gemacht? "Das müssen Sie ihn fragen", sagt Waltz. Brauchte er vielleicht einen deutschen Korrektur-Leser, denn immerhin geht es hier um die Nibelungen? "Bestimmt nicht", erwidert Waltz. "Er interessiert sich dafür. So, wie wir uns zum Beispiel für Mark Twain interessieren", sagt der 56-Jährige und guckt amüsiert. "Aber ich verrate Ihnen, dass ich mit ihm in Los Angeles in der Oper war, Walküre, und da ist ihm so eine Analogie in den Kopf gekommen, von der er sich hat tragen lassen. Ich habe ihm gar nichts gesagt, ich wäre ja doof, wenn ich solch einen Einfluss nehmen würde. Da würde ich mir doch das Wasser abgraben. Ich will wissen, was aus ihm rauskommt, denn der kann Geschichten erzählen wie kein Zweiter!" 

Gutes Stichwort: Angesiedelt in den Südstaaten, zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg, erzählt "Django Unchained" die Geschichte von Django (Oscar-Preisträger Jamie Foxx), einem Sklaven, dessen brutale Vergangenheit mit seinen Vorbesitzern dazu führt, dass er dem deutschstämmigen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz gegenübersteht. Schultz verfolgt gerade die Spur der mordenden Brittle-Brüder, und nur Django kann ihn ans Ziel führen. Der unorthodoxe Schultz sichert sich daher Djangos Hilfe, indem er ihm verspricht, ihn zu befreien, nachdem er die Brittles gefangen genommen hat - tot oder lebendig. Nach erfolgreicher Tat löst Schultz sein Versprechen ein und setzt Django auf freien Fuß.

Samuel L. Jackson (r.) ist kaum wiederzuerkennen.
Samuel L. Jackson (r.) ist kaum wiederzuerkennen.(Foto: dapd)

Dennoch gehen die beiden Männer ab jetzt nicht getrennte Wege. Stattdessen nehmen sie gemeinsam die meistgesuchten Verbrecher des Südens ins Visier. Während Django seine Jagdkünste verfeinert, verliert er dabei sein größtes Ziel nicht aus den Augen: Er will seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) finden und retten, die er einst vor langer Zeit an einen Sklavenhändler verloren hat, an Calvin Candie (Leonardo DiCaprio). Candie ist der Eigentümer von "Candyland", einer berüchtigten Plantage. Als Django und Schultz das Gelände auskundschaften, wecken sie das Misstrauen von Candies Haussklaven und rechter Hand Stephen (Samuel L. Jackson). Jede ihrer Bewegungen wird fortan genau überwacht von dieser bigotten und auf schlimmste Art und Weise an Onkel Tom erinnernde Dienerfigur, und eine heimtückische, Ku-Klux-Klan-mäßige Organisation ist ihnen auch bald dicht auf den Fersen. Wenn Django und Schultz mit Broomhilda entkommen wollen, müssen sie sich zwischen Unabhängigkeit und Solidarität, zwischen Aufopferung und Überleben entscheiden.

Tarantino kommt nach Kreuzberg

Eine Freundschaft entsteht, die ungewöhnlicher nicht sein kann. Aber das ist die Spezialität von Tarantino und auch von Waltz. Begibt man sich auf dem Set eines Quentin Tarantino nicht in eine komplett andere Welt? "Ja, aber das ist fast immer so bei einem Dreh. Nur, dass es bei ihm noch mal spezieller ist", gibt Waltz zu und lacht. "Im Filmbusiness ist es außerdem immer so: Einer gibt den Ton an, und die anderen folgen. Idealweise ist es der Regisseur, der den Ton angibt! Allerdings gestehe ich, dass es wirklich etwas Besonderes mit ihm ist, das mag schon sein." Und wie kommt man da wieder raus, wenn man sich erstmal in die Welt von Tarantino begeben hat? "Ach, das ich nicht so dramatisch. Am besten ist es, wenn man gleich wieder an den nächsten Film denken muss, dann besteht überhaupt keine Gefahr, abzudrehen", erzählt Waltz.

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Es ist aber schon etwas Besonderes, in Hollywood Fuß zu fassen, oder? "Ja, das kann man sagen", freut sich Waltz, mit dem das Gespräch vor seinem Golden-Globe-Gewinn stattfand. Vermisst er, der jetzt mit seiner Familie nach Los Angeles gezogen ist, nicht ein kleines bisschen Berlin? Oder Österreich? "Soll ich ehrlich sein? Nein. Obwohl, das Wetter ist zu eintönig, ich vermisse die Jahreszeiten. Und dass es auch mal so richtig lange hell bleibt wie im Sommer hier. In L.A. wird um 19 Uhr das Licht ausgeknipst - jeden Abend! Das nervt."

So etwas wie Wetter scheint Quentin Tarantino gar nicht zu tangieren: Man hat das Gefühl, dieser Mann lebt in seiner eigenen Welt, egal wo. Und dabei will er es immer den anderen auch so gemütlich wie möglich machen: "Wenn wir schon so anstrengende Dreharbeiten haben, dann soll sich die Crew auch wohlfühlen. Ich zeige dann gerne ein paar Filme. Das habe ich auch so gemacht, als ich hier in Berlin mal eine ganze Zeit gelebt habe." Kommt er denn zur Berlinale wieder? "Ich fürchte nicht, wir reisen gerade so viel herum mit 'Django', dass ich danach auch mal zu Hause sein muss und mich um den nächsten Film kümmern will. Aber ich komme im Sommer! Und dann will ich unbedingt in Kreuzberg wohnen!" Und welches Thema könnte der nächste Film haben, und wird Christoph Waltz wieder mitspielen? "Das ist eine hervorragende Idee", strahlt er, "ich werde ihn gleich fragen. Vielleicht mache ich so eine Art Trilogie. Erst die 'Inglorious Basterds', dann 'Django' und jetzt, wer weiß? Vielleicht eine Story über Drogen? Im Gefängnis? ..."

Ungewöhnliches Dream-Team: Tarantino und Waltz.
Ungewöhnliches Dream-Team: Tarantino und Waltz.(Foto: Joel Ryan/Invision/AP)

Zurück zum Film: "Ich bin sehr stolz auf diesen Film, denn er weckt viele Emotionen im Betrachter. Und das darf der Zuschauer auch verlangen für sein Geld! Von Romantik über Spannung bis hin zu sehr heftigen Szenen ist alles vorhanden", sagt Tarantino stolz. Aber alle führen zum glücklichen Ende und zum Triumph von Django. "Ich möchte, dass der Zuschauer am Ende begeistert ist", sagt er, und man nimmt ihm sofort ab, dass es ihn sehr treffen würde, wenn dies nicht der Fall wäre.  Mit Tarantino müssen wir aber auch unbedingt über Christoph Waltz reden: "In den habe ich mich verguckt, als er für die Basterds gecastet wurde. Einfach,  weil ich ihn für den Besten für seine Rolle in dem Film befunden habe. Wäre Christoph nicht gekommen, dann hätte ich 'Inglorious Basterds' nicht drehen können, denn niemand hätte die Rolle des Hans Landa so spielen können wie Christoph. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt. Christoph hat mir meinen Hans Landa gegeben, so wie ich ihn wollte, deswegen habe ich mich in ihn verknallt", lacht Tarantino mit seinem unbeschreiblich schrägen Lachen. "Und deswegen habe ich jetzt extra diese Rolle des Dr. Schultz geschrieben, Stück für Stück."

In der Pressekonferenz hatte Tarantino erwähnt, dass er die Sklaverei, die in seinem neuen Film quasi die Hauptrolle spielt, für vergleichbar mit dem Holocaust hält: "Ja, absolut. Das war ein 250 Jahre dauernder Holocaust. Das ist das Schlimmste, was Amerika jemals verbrochen hat in der Vergangenheit. Und die Ausrottung der Indianer." Und jetzt, was ist jetzt das Schlimmste, was in den USA verbrochen wird? "Ganz ehrlich, es ist die Drogenpolitik. Wie Drogen in Gefängnissen gehandelt werden, wie Menschen abhängig gemacht werden, ruhiggestellt werden, vor allem Schwarze, und die Zustände in diesen privaten Gefängnissen, wo es keine staatliche Kontrolle, sondern nur noch Gemauschel gibt, das ist eine Katastrophe, ein Drama! Das ist moderne Sklaverei!" Und was ist mit dem Besitz von Waffen in privaten Haushalten? "Ich habe eine Waffe, ich möchte mich verteidigen können, wenn jemand in mein Haus einbricht. Das Perverse nur ist, dass es Menschen gibt, die zu Hause Waffen haben, die es normalerweise nur in der Armee oder in einem Krieg gibt, automatische Waffen. Das geht gar nicht."

Was auch gar nicht geht, ist die Digitalisierung im Kino: "Das ist nicht das, wofür ich mich jahrelang hergegeben habe. Ich habe keine Frau und keine Kinder, weil ich mich dem Kino mit Haut und Haar verschrieben habe. Wenn jetzt aber alles digitalisiert daherkommt, dann muss ich aufhören, dann hat meine Leidenschaft da nichts mehr verloren."

Cheetah safed my life!

Zu den Themen Sklaverei und Leidenschaft haben Kerry Washington, Jamie Foxx und Samuel L. Jackson auch eine Meinung, natürlich, und man bemerkt die Leidenschaft, mit der alle am Set gearbeitet haben: "Ich zum Beispiel konnte das Set erst verlassen, wenn Christoph zufrieden war mit meinen 'deutschen Szenen'", erzählt Washington lachend. "Er hat mir sehr geholfen."

Harter Dreh, weiche Kerle: Kerry Washington mit ihren Beschützern.
Harter Dreh, weiche Kerle: Kerry Washington mit ihren Beschützern.(Foto: dpa)

Und Jamie Foxx zeigt in dem Gespräch am meisten Leidenschaft, wenn er von den Szenen, die er auf dem Pferderücken verbringen musste, erzählt: "Zum Glück habe ich ein eigenes Pferd, das hat mir unheimlich geholfen. Aber Sie können sich nicht vorstellen, wie verwöhnt das Vieh nach den Dreharbeiten war, alle haben es gepäppelt. Ich war allerdings froh, dass ich auf meinem eigenen Pferd saß, bei den Szenen ohne Sattel, das ging echt ab! Pferde sind wie Menschen, aber sie sind viel schneller", lacht Foxx. "Und der Stuntman war bereits vom Pferd gefallen! Ich habe mich wie ein echter Cowboy gefühlt. Aber Reiten ist sowieso gut für mich, von 2004 bis 2008 hat es mir das Leben gerettet, da hatte ich eine echt besch*** Zeit!" Foxx spricht so, dass man immer hofft, er würde gleich anfangen zu singen: "Cheetah, so heißt mein Pferd, ist wirklich wichtig für mich!"

"Ja, aber sie ist eine richtige Diva jetzt", ergänzt Kerry Washington. "Ich habe mich gefreut über jeden einzelnen Tag am Set, obwohl es echt anstrengend war. Ich hatte manchmal wirklich Angst. Ich meine, wir haben Sklaven gespielt, das ist nicht einfach, da muss man sich hineinversetzen, und an den Drehorten, an denen wir waren, hat die Sklaverei wirklich stattgefunden. Ich bin Jamie und den anderen unendlich dankbar, dass sie so vorsichtig mit mir umgegangen sind. Obwohl ich am Telefon schon geheult habe, als Quentin mir die Rolle anbot. Es war so eine Mischung aus Vorfreude, Ehre und Angst vor dem, was da kommt." Hat sie sich denn wohlgefühlt mit so vielen Männern am Drehort? "Oh ja, sie waren alle reizend zu mir. Es war ein tolles Team. Und ich musste mich auf das Reiten und das Deutschlernen konzentrieren", lacht Washington. 

Von der Stärke und dem Stolz

"Mein Stiefvater war ein Geschichtslehrer, und er hat mir als Junge schon unheimlich viel über die Zeit der Sklaverei erzählt, es hat mich umgehauen", wirft Jamie Foxx ein. "80 Millionen sind in dieser Zeit gestorben, und das sind nur die, die dokumentiert werden konnten." Foxx gerät ins Erzählen: "Es ist erstaunlich, was Menschen alles ausgehalten haben. Und was sie immer noch aushalten." - "Der Typ, der mich am Set auspeitschen musste, war nach der Szene ein Wrack", berichtet Kerry Washington, "ich habe ihn danach in die Arme genommen und beruhigen müssen, er konnte nicht aufhören zu weinen, weil er es so grausam fand, was Menschen sich antun können." 

Aber Liebe überwindet alles? Ja, da sind sich alle einig, denn Set und Story sind nach Bekunden der Darsteller voller Liebe. Sie könnten unendlich viele Geschichten erzählen, darüber, wie cool Leonardo DiCaprio ist, dass er so eine Hollywood-Legende ist, und dass er eigentlich ein echter HipHopper ist, wie absurd es oft war, zwischen Lachen und Weinen, wie heftig die Reaktionen auf den Film waren und da kommt dann auch nochmal Samuel L. Jackson ins Spiel: "Ich finde nur, Spike Lee soll die Klappe halten, wenn er den Film nicht gesehen hat. Wenn er ein Problem mit der Art des Films hat, soll er ihn erstmal angucken, mehr sage ich dazu nicht." (Spike Lee findet den Film verantwortungs- und respektlos.)

Das Schlusswort hat US-Präsident Barack Obama, denn den wird Jamie Foxx demnächst verkörpern: "Liebe Landsleute, es wird hart, Amerika, es wird nicht einfach, aber, seht mal …" Er macht den Präsidenten nach, sehr schön, gar nicht respektlos. Alle lachen.

Mit Quentin Tarantino, Christoph Waltz, Kerry Washington, Samuel L. Jackson und Jamie Foxx sprach Sabine Oelmann

Der Film startet am 17. Januar in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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