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Steht im Mittelpunkt von "Son of Saul": Saul ist Mitglied des Sonderkommandos in Auschwitz - er muss etwa die Gaskammern säubern und die Leichen zu den Krematorien bringen.
Steht im Mittelpunkt von "Son of Saul": Saul ist Mitglied des Sonderkommandos in Auschwitz - er muss etwa die Gaskammern säubern und die Leichen zu den Krematorien bringen.(Foto: 2016 Sony Pictures Releasing GmbH)

"Son of Saul": Kein Entkommen aus Auschwitz

Von Markus Lippold

Saul arbeitet in Auschwitz. Er ist Mitglied des Sonderkommandos, das die Ermordung der Juden vorbereitet und deren Leichen verbrennt. Dann entdeckt er in der Gaskammer seinen Sohn. Der Film "Son of Saul" zeigt ein Schicksal - und meint Millionen.

Man hört das Schnaufen der Lok. Viele Menschen reden durcheinander. Zwischendurch sind Schreie zu hören und laute Befehle. Dieser Bahnhof ist der Vorort zur Hölle: Es ist die Station des Konzentrationslagers Auschwitz, wo soeben ein Zug mit deportierten Juden angekommen ist. Mittendrin steht Saul. Er ist Teil des Sonderkommandos, jener jüdischen Zwangsarbeiter, die den Nationalsozialisten beim Massenmord helfen müssen.

Sauls Suche nach einem Rabbi bringt auch die anderen Häftlinge in Gefahr.
Sauls Suche nach einem Rabbi bringt auch die anderen Häftlinge in Gefahr.(Foto: Sony Pictures Releasing GmbH)

Saul, intensiv dargestellt von Géza Röhrig, und die anderen treiben die angekommenen Deportierten in die Duschen, wo sie einen qualvollen Gastod sterben werden. Währenddessen durchsucht das Sonderkommando die Habseligkeiten, die die Ermordeten in den Umkleideräumen zurückgelassen haben, nach Wertgegenständen. Dann räumen sie die Gaskammern leer, bringen die toten Leiber zu den Verbrennungsöfen und putzen die Räume. Angetrieben werden sie von den deutschen Wachen, die Befehle brüllen und keinen Widerspruch dulden. Und von den Kapos, die ihm Auftrag der SS die Einheiten des Sonderkommandos anleiten.

Fast schon mechanisch folgt Saul den Anweisungen, er macht das alles nicht zum ersten Mal. Doch ein Junge, der überlebt hat und nun röchelnd auf dem Boden der Gaskammer liegt, reißt ihn aus seiner Lethargie. Es ist, so sagt er später, sein Sohn: "Son of Saul". Das ist der Titel des ungarischen Films von László Nemes, der nach vielen anderen Preisen kürzlich auch den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann.

Mehrmals entgeht Saul nur knapp der Exekution durch die SS.
Mehrmals entgeht Saul nur knapp der Exekution durch die SS.(Foto: 2016 Sony Pictures Releasing GmbH)

Der Sohn wird zum letzten Lebensinhalt von Saul: Er will ihm ein angemessenes Begräbnis ermöglichen, ihn vor der - in der jüdischen Religion untersagten - Verbrennung im Krematorium bewahren. Er schafft es irgendwie, den Leichnam in die Unterkunft der Häftlinge zu bringen - gegen den Willen der Mitinsassen. Dann versucht er das eigentlich Unmögliche: Mitten in Auschwitz, inmitten der gnadenlosen Vernichtungsmaschinerie, sucht er nach einem Rabbi, der für den Sohn das Kaddisch, das jüdische Totengebet, spricht.

Kein Ausweg

"Son of Saul" ist ein intensiver Film, ein schmerzhafter Film, weil er schonungslos die Mechanismen des Massenmords in Auschwitz zeigt - weit mehr, als es etwa "Schindlers Liste" getan hat. Das liegt vor allem daran, dass Nemes' Film eine ungewöhnliche Form wählt: Saul steht im wahrsten Sinne des Wortes im Mittelpunkt. Die Kamera ist stets entweder auf ihn gerichtet - oft ist dabei in Nahaufnahme sein Gesicht zu sehen -, oder sie zeigt seine Perspektive, indem sie ihm etwa über die Schulter schaut oder als seine Augen agiert. Gerade die letztere Variante erinnert an subjektive Einstellungen, sogenannte Point-of-View-Shots, in Videospielen. Wie man dort aus der Perspektive des Spielers das Territorium erkundet, nimmt man in "Son of Saul" das Konzentrationslager Auschwitz durch die Augen des Protagonisten wahr.

Die Kamera ist permanent an der Seite von Saul, zeigt sein Gesicht oder seine Perspektive.
Die Kamera ist permanent an der Seite von Saul, zeigt sein Gesicht oder seine Perspektive.(Foto: 2016 Sony Pictures Releasing GmbH)

Sauls immer verzweifelter werdender Versuch, seinem Sohn ein jüdisches Begräbnis zu ermöglichen, bringt ihn in verschiedene Bereiche des Lagers - und mit ihm den Zuschauer. So erfasst man erst nach und nach diesen Ort und das brutale Ausmaß des Mordens: Es beginnt am Bahnhof, wo die Deportierten ankommen, dann folgen die Umkleideräume und Gaskammern, die Untersuchungsräume, in denen Leichen obduziert werden, die Verbrennungsöfen, die kargen Unterkünfte der Häftlinge, Außenbereiche, wo Insassen arbeiten müssen, die Frauen-Baracken, schließlich Massenerschießungen auf dem Areal.

Für die Zuschauer gibt es kein Entrinnen, keinen Ausweg: Weder gibt es eine Vogelperspektive, die eine Orientierung oder Einordnung ermöglichen würde, noch gibt es Totalen, aus denen man objektiv beobachten könnte. Die Subjektivität wird sogar noch verstärkt, indem in vielen Einstellungen nur Saul scharf zu sehen ist, während die Menschen und Orte um ihn herum verschwimmen und nur akustisch wahrgenommen werden. So erlebt man per wackeliger Handkamera, wie Saul die Gaskammern schrubbt und Leichen wegbringt, wie er durch ein Krematorium geht, wie er angetrieben wird von Befehlen, mehrmals fast exekutiert wird - und trotzdem versucht, dem Jungen eine Bestattung zu ermöglichen. Einem Jungen, von dem man bis zuletzt nicht weiß, ob er tatsächlich Sauls Sohn ist oder ob er für ihn nur ein Grund ist, am Leben zu bleiben.

Kann man den Holocaust so zeigen?

Die Machart des Films ist nicht unumstritten: Kann man den Holocaust so zeigen? Gaukelt ein Film, der diese extrem subjektive Perspektive einnimmt, nicht nur Realismus vor? Kann ein Spielfilm das Grauen der Vernichtungslager überhaupt annähernd darstellen? Natürlich kann er das nicht. Schon weil die optische Wahrnehmung nicht alles ist - sie kann den Gestank verbrannten Fleisches ebenso wenig zeigen wie die physische wie psychische Belastung der Häftlinge. Die Zuschauer mögen nah an der Hauptfigur dran sein, doch letztlich sitzen sie ja im Kinosessel.

Trotzdem ist "Son of Saul" ein starker Film, da seine radikale Form eine ungemeine Intensität vermittelt. Es ist nicht möglich, den Schrecken nachzuempfinden, den Häftlinge eines Vernichtungslagers erleben. Aber man bekommt einen Eindruck davon. Nicht nur vom alltäglichen Morden, sondern auch von der permanenten Angst, der Panik, der Gewissheit, dass jeder Moment der letzte sein könnte - und von den komplexen Verhältnissen der Häftlinge untereinander.

Denn auch davon handelt der Film: Mitgliedern des Sonderkommandos wurde von einigen Mitinsassen vorgeworfen, sie machten sich zu Handlangern der Nazis, indem sie deren Drecksarbeit erledigen. Doch der Film zeigt, dass sie dies nicht freiwillig machten, um besser dazustehen. Auch sie mussten permanent um ihr Leben fürchten. Ihnen war klar, dass sie früher oder später auch ermordet werden würden - schon deshalb, weil die SS Zeugen des Massenmords systematisch beseitigte. So ist ihr Handeln ein Mischung aus gegenseitiger Hilfe und Egoismus. Und einige planen - das ist historisch verbürgt - die Sabotage der Krematorien und die Flucht.

Der Film mag in seiner Form subjektiv sein. Doch man ist nicht nur vom Schicksal Sauls' ergriffen. Je länger man seinen Schritten folgt, je mehr man von dem Schrecken sieht, dem er permanent ausgesetzt ist, desto klarer wird auch: So wie ihm erging es Millionen Menschen. Gerade indem man ein einzelnes Schicksal hautnah, ja geradezu physisch miterlebt, wird erst bewusst, wie grausam nicht nur das Morden war, sondern jeder einzelne Moment, den die Häftlinge in Auschwitz erleben mussten.

"Son of Saul" läuft seit heute in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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