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Dezent im weißen Smoking: Chris Rock beherrschte die Oscar-Show.
Dezent im weißen Smoking: Chris Rock beherrschte die Oscar-Show.(Foto: REUTERS)

Oscar-Gala fürs Geschichtsbuch: Die Preise der weißen Menschen

Von Markus Lippold

Rassismus, sexueller Missbrauch, Umweltschutz: Politische Themen ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Oscarverleihung. Ganz vorne mit dabei: Chris Rock, der die weißen Mitglieder der Academy ziemlich dumm dastehen lässt.

Es war klar, dass diese Oscar-Verleihung nicht einfach so über die Bühne gehen konnte. Nicht nach diesem Skandal, nicht nach diesem Protest: Kein farbiger Darsteller war nominiert worden, genau wie im vergangenen Jahr. Immer noch sind farbige Künstler in der vermeintlichen Traumfabrik stark benachteiligt. Erst recht sind sie in der Minderheit in einer mehrheitlich weißen, männlichen und alten Filmakademie.

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Der Protest gegen diesen Rassismus war das bestimmende Thema dieser Show. Und nein, sie geriet deshalb nicht zum Abend der erhobenen Zeigefinger, sondern zur besten und witzigsten seit Jahren. Dank Chris Rock. Der schwarze Komiker, der zum zweiten Mal eine Oscarvergabe moderierte, nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Er tat es auch diesmal nicht. Gleich zu Beginn kam er im weißen Smoking auf die Bühne und legte los mit einem der besten Eröffnungsmonologe der Oscar-Geschichte: Willkommen bei den "White People's Choice Awards" - den Preisen der weißen Menschen - war sein Einstieg und der saß.

Auf dem Weg ins Kino erschossen

Und dann ratterte er los, ließ eine Spitze der anderen folgen: Warum etwa, fragte er, führe man nicht einfach neue Kategorien ein, um mehr schwarze Preisträger zu haben? "Wie wäre es mit der Kategorie des schwarzen Freundes?" Eine Anspielung auf die oft schwarzen Kumpel der weißen Hauptdarsteller. "Wenn sie den Moderator nominieren würden, würde ich auch diesen Job erst gar nicht bekommen", witzelte er. Und warum wurde nicht schon früher gegen den Hollywood-Rassismus protestiert? Weil man andere, richtige Probleme hatte, so Rock: "Wir waren damit beschäftigt, vergewaltigt und gelyncht zu werden. Wenn deine Großmutter an einem Baum hängt, dann ist es einem egal, welche die beste ausländische Kurzdokumentation ist." Die traditionelle Erinnerung an verstorbene Filmschaffende, sagte er dann mit ironischem Ton, werde sich diesmal den Schwarzen widmen, die auf dem Weg ins Kino von Polizisten erschossen wurden.

DiCaprio bekam den Oscar als Hauptdarsteller, Iñárritu als Regisseur von "The Revenant".
DiCaprio bekam den Oscar als Hauptdarsteller, Iñárritu als Regisseur von "The Revenant".(Foto: AP)

"Wir wollen, dass schwarze Schauspieler dieselben Möglichkeiten bekommen wie weiße", forderte Rock schließlich. Nicht nur einmal im Leben - sondern wie Leonardo DiCaprio einen guten Film pro Jahr, fügte er an und bekam dafür lauten Applaus. Nach schwachen Moderationen in den vergangenen Jahren war Chris Rock einer der großen Gewinner des Abends.

Die anderen: "Spotlight" gewann überraschend den Oscar für den besten Film und schlug damit dem Favoriten ein Schnippchen. Doch "The Revenant - Der Rückkehrer" ging nicht leer aus: Leonardo DiCaprio konnte sich endlich seinen Goldjungen abholen, wurde gefeiert und warb für sein Lieblingsthema, den Klimaschutz: "Lasst uns diesen Planeten nicht als selbstverständlich ansehen", sagte er auf der Bühne.

Drei Oscars in drei Jahren

Lady Gaga bekam für ihren Auftritt viel Applaus.
Lady Gaga bekam für ihren Auftritt viel Applaus.(Foto: REUTERS)

Auch "The Revenant"-Regisseur Alejandro G. Iñárritu wurde grundsätzlich: "Lasst uns dafür sorgen, dass die Hautfarbe genauso unwichtig wird wie die Länge der Haare", sagte der Mexikaner, als er sich im zweiten Jahr in Folge den Regie-Oscar abholte. Das wurde aber noch von seinem Landsmann und Kameramann Emmanuel Lubezki übertroffen, der nach "Gravity" und "Birdman" nun für "The Revenant" den dritten Oscar in drei Jahren bekam. Das sind große Leistungen zweier Vollblutfilmemacher.

Nicht zu vergessen Brie Larson, die für "Raum" als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Der legendäre Ennio Morricone, der erstmals einen Musik-Oscar erhielt. Und "Son of Saul", das ungarische Drama um einen Häftling im Konzentrationslager Auschwitz, das den Preis für den besten fremdsprachigen Film bekam. Die meisten Oscars gingen aber an "Mad Max: Fury Road": Das verrückte Actionspektakel erhielt sechs Preise in technischen Kategorien.

Bewegender Auftritt von Lady Gaga

Für den emotionalen Höhepunkt sorgte aber eine andere, wieder mal: Lady Gaga sang das Oscar-nominierte Lied "Till It Happens To You" aus einer Doku über sexuelle Gewalt an US-Colleges. Mit ihr auf der Bühne standen Missbrauchsopfer, die Standing Ovations bekamen. Zuvor hatte der begeistert empfangene US-Vizepräsident Joe Biden für eine Aktion gegen sexuellen Missbrauch geworben. Den Oscar erhielt Gaga aber nicht. Stattdessen holten sich Sam Smith und Jimmy Napes den Preis für ihren Song aus dem James-Bond-Film "Spectre" ab. Und wieder wurde es politisch: "Ich stehe hier als stolzer, schwuler Mann, und ich hoffe, dass wir alle eines Tages gleichberechtigt nebeneinander stehen können", sagte Smith.

Ja, diese Oscar-Show war überaus politisch. Da gerieten andere Einlagen glatt in den Hintergrund. Etwa der wunderbare Auftritt der Minions, die die beiden Animations-Preise verteilten. Oder der leise Auftritt von Dave Grohl, der die Erinnerung an die gestorbenen Academy-Mitglieder auf der Gitarre begleitete.

Es war eine gute Oscar-Show: witzig, politisch, mit würdigen Preisträgern und sogar ein paar Überraschungen. Ob jedoch die vielen Seitenhiebe von Chris Rock und die Reden anderer Schauspieler irgendjemanden aufgerüttelt haben und irgendetwas bewirken werden - man muss es leider bezweifeln. Die Zusammensetzung der Academy lässt sich nicht von heute auf morgen verändern. Das ist ein jahrelanger Kraftakt. Immerhin zeigte diese Oscar-Show, dass es in Hollywood eine vielfältige, offene Generation gibt, die die Macht der weißen, alten Männer überwinden wird.

Quelle: n-tv.de

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