"Warum habe ich nichts bemerkt?""Nirgendland" ist die Hölle
Es ist kaum nachzuvollziehen: Ein Mädchen wird vom eigenen Vater missbraucht. Sie verdrängt das Thema - doch dann passiert das Gleiche ihrer Tochter: Der Großvater missbraucht die Enkelin. Die Mutter sieht es nicht. "Nirgendland" von Helen Simon versucht eine Erklärung.
Der Ort, an dem man sich wohlfühlen sollte, an dem man sicher ist, das Zuhause, das soll der Hort des Bösen sein? In manchen Fällen ja. Es passiert in den unauffälligsten Gegenden, hinter Jägerzäunen, Weihnachtsdekorationen, im Kinderzimmer, während Mama schläft oder Oma Kuchen bäckt, und wenn dann alle fragen: "Hast du nichts gesehen? Warum hast du nichts gesagt?" beantworten die Betroffenen, wie in diesem Film, solche Fragen zum Beispiel damit, dass sie sich einfach gewünscht haben, Teil einer normalen Familie zu sein. Das kann man verstehen, wenn man persönlich von Missbrauch betroffen ist - wie man seine Augen davor verschließt, dass dem eigenen Kind nochmal dasselbe passiert, erzählt dieser Film auf berührende Art und Weise.
Dass Missbrauch in "den besten Familien" vorkommt, ist kein Geheimnis: Tina wurde schon früh eingetrichtert, dass nichts, was in ihrer gutsituierten Familie passiert, nach außen getragen wird. So erleidet sie die Tortur, hält still, als ihr eigener Vater sie in ihrer Kindheit über Jahre hinweg sexuell missbraucht und verdrängt diesen Teil ihres Lebens, vergräbt das Trauma vollständig in ihrem Unterbewusstsein und erhält sich so die Illusion einer heilen Familie. Tina vergräbt es allerdings so tief, dass sie die verzweifelten Signale ihrer Tochter Floh nicht zu interpretieren weiß, als diese unter dem gleichen Täter ebenfalls eine jahrelange Tortur durchleidet.
Nach langen Jahren des Schweigens fassen Tina und Floh den Mut und beschließen gemeinsam den Teufelskreis zu durchbrechen: Sie klagen den Täter an. Doch der Täter wird freigesprochen. Tina, inzwischen 57 Jahre alt, muss zusehen, wie in ihrer Tochter Floh langsam der verbliebene Lebenswille dahinschwindet. Nachdem Floh sich in Drogen und Prostitution geflüchtet hatte, sah sie leider keinen anderen Ausweg mehr, als sich das Leben zu nehmen.
Tina, eine Frau die so wirkt, als würde sie mit beiden Beinen im Leben stehen, nimmt den Zuschauer mit in ihre Welt, in die Tiefe ihres kaum zu ertragenden Traumas. Tina, die sich in diese Welt geflüchtet hatte um die Illusion einer Familie, eines Glücks, zu bewahren, das nie existiert hatte, verlor ihre Tochter. Und auch den Kampf von Mutter und Tochter, denn der Täter ist frei; aber die Lehre, die daraus gezogen werden muss, ist endlich sichtbar, und sie wird nicht mehr totgeschwiegen.
"Nirgendland" feierte auf dem HotDOCS Filmfestival in Toronto seine Weltpremiere und setzte sich beim Münchner DOK.Filmfest 2014 als bester deutschsprachiger Beitrag durch. Auf dem renommierten Dokumentarfilmfestival in Amsterdam IDFA erhielt "Nirgendland" den Preis für den Besten Studentenfilm 2014, denn: "Helen Simons Film enthüllt die Tragödie einer schuldlos Schuldigen und deckt ein skandalöses Gerichtsurteil auf. Der Mut, dieses schwierige Thema filmisch aufzugreifen und seine betont sachliche Umsetzung verdient den Preis der Jury," so lautete die Begründung.
"Das ist ein wichtiger Film, ein sehr wichtiger Film", findet Katy Karrenbauer, Schirmherrin von "Nirgendland". Sie ist am 1. Mai dabei, wenn Premiere in Berlin gefeiert wird. Um 16.30 Uhr werden außerdem die Regisseurin Helen Simon und Protagonistin Tina für die Diskussion nach der Vorstellung zur Verfügung stehen.