Unterhaltung
Bob Dylan hat noch was zu erzählen. Wir sind gespannt.
Bob Dylan hat noch was zu erzählen. Wir sind gespannt.(Foto: AP)
Mittwoch, 21. Mai 2014

Muss man gehört haben : Bob Dylan: Meister der Verwandlung

Von Anja Kleinelanghorst

"It's only Rock 'n' Roll (But I Like It)" - wir stellen Bands, Genres, Künstler und ihre wichtigsten Werke vor, lassen die Reinfälle nicht unerwähnt und geben damit einen Überblick, welche Werke in keiner Plattensammlung fehlen sollten.

Bob Dylan (2.v.r.) mit u.a. Dennis Hopper (l) 1974 im Madison Square Garden in New York.
Bob Dylan (2.v.r.) mit u.a. Dennis Hopper (l) 1974 im Madison Square Garden in New York.(Foto: AP)

Nach den Rolling Stones soll nun Bob Dylan unter die Lupe genommen werden - auch "His Bobness", wie der 72-Jährige von seinen Fans liebevoll genannt wird, verfügt über ein veritables Werk. Gerade hat er mit dem Cover "Full Moon and Empty Arms" einen neuen Song auf seiner Webseite veröffentlicht und es sieht ganz so aus, als ob er uns bald mit seinem 36. Studio-Album beehren wird. Dazu kommen noch elf Live- und 3 Compilation-Alben, von den zehn offiziellen und unzähligen inoffiziellen Bootleg-Alben mal ganz zu schweigen.

Als Dylan 1962 sein Debütalbum abliefert, finden sich mit "Talkin' New York" und "Song to Woody" zwar nur zwei Eigenkompositionen unter den Folk- und Bluesklassikern, aber die versprechen schon viel. Mögen manche über die näselnde Stimme des US-Amerikaners maulen - man kann dem jungen Mann aber nicht absprechen, dass er mit Sprache umgehen kann. Lieferte sein musikalischer Held Woody Guthrie mit "This Land is Your Land" 1940 die ultimative Lagerfeuerhymne ab, mag sein Jünger ihm in nichts nachstehen und schickt auf seinem zweiten Album "The Freewheelin' Bob Dylan" das beeindruckende "Blowin' in the Wind' in die Welt. Mit "Masters of War" und "A Hard Rain's Gonna Fall" etabliert sich Dylan als politischer Sänger, der einer rebellierenden Jugend den passenden Soundtrack zum Protest gegen den drohenden Atomkrieg und die damals immer noch bestehende Rassentrennung liefert.

Dylan goes electric

Bilderserie

"The Times Are A-Changin'", so lautet der trotzige Titel des dritten Albums und die Zeiten ändern sich auch - für die Fans. Auf dem nächsten Album "Another Side of Bob Dylan" gibt es keine explizit politischen Songs und auf dem folgenden "Bringing It All Back Home" hört man - Schreck lass nach - elektrische Gitarren. Das ist schon ein Schlag ins Gesicht für Leute, die Rockmusik mit kommerzieller Musik gleichsetzen und so buhen sie auch munter, als ihr Idol weltweit mit seiner neuen Band, die sich damals noch The Hawks nennt und später schlicht The Band heißt, den neuen Sound präsentiert - in Großbritannien rufen sie sogar "Judas"!

Dabei liefert Dylan mit mit "Highway 61 Revisited" ein richtiges Meisterwerk ab. Das Magazin "Rolling Stone" kürt 2010 den Eingangssong "Like A Rolling Stone" zur Nummer eins unter den 500 besten Liedern aller Zeiten - was wenig verwundert, denn das Werk liefert schließlich den Namen für das berühmte Musikmagazin. Aber der Song mit seinem schmetternden Orgel-Intro haut damals wirklich alle um - die Beatles erkennen nach eigenen Aussagen, dass man textlich mehr wagen kann. Und die Radiosender erkennen, dass man auch Singles über sechs Minuten spielen kann statt der üblichen drei. "Like A Rolling Stone" mit seinem vor Sarkasmus nur so triefenden Text ist Dylans großer Wurf, wie er selbst in einem Interview erklärt, aber auch die anderen Songs wie "Ballad of a Thin Man" und besonders das surrealistische "Desolation Row" müssen sich nicht verstecken.

Ein bisschen kauzig vielleicht, aber erfolgreich damit: Bob Dylan.
Ein bisschen kauzig vielleicht, aber erfolgreich damit: Bob Dylan.(Foto: REUTERS)

Auch mit der nächsten Platte schreibt das ehemalige Folk-Idol Musikgeschichte - "Blonde on Blonde", das im Mai 1966 herauskommt, ist das erste Doppelalbum der Rock-Geschichte und es geht ziemlich scheppernd los: Das fröhlich dahingerotzte "Rainy Day Women #12 & 35" mit Blaskapelle und der unsterblich gemachten Zeile "Everybody must get stoned" ist meilenweit von "Blowin' in the Wind" entfernt, aber man hört auch sanftere Töne mit "Visions of Johanna" oder "Sad Eyed Lady of the Lowlands." Man erwartet, dass Dylan mit diesen glorreichen Folkrock-Arrangements weitermacht - dazu hat er aber keine Lust. Wenn es eine Weisheit über den Mann gibt: Er macht nie das, was andere von ihm erwarten. Und so wird "John Wesley Harding" ein ruhiges Album.

Singen wie Caruso

Zu der Zeit erholt er sich gerade von einen Motorradunfall, wird wiederholt Vater und zieht sich mit den Jungs seiner Begleitband "The Band" in die Hippie-Kommune von Woodstock zurück. "John Wesley Harding" merkt man das beschaulichere Leben auch an, aber unterschwellig rumoren die Lieder - das erkennt auch Jimi Hendrix, der sich "All Along The Watchtower" schnappt und das Lied mit seinem großartigen Gitarrenspiel auf eine andere Ebene bringt. 1969 erstaunt Dylan wieder - er kann auch schön singen. Das beweist er mit "Lay Lady Lay" auf dem von Countrytönen geprägten "Nashville Skyline". Was ist passiert? Der Meister lässt das Rauchen mal sein und seiner Meinung nach "klingt dann jeder wie Caruso". Aber die weiche Stimme hält nicht lange an und viele seiner Fans stöhnen 1970, als "Self Portrait" erscheint, ein Album, auf dem sich Dylan Coverversionen von Songs wie Simon and Garfunkels "The Boxer" widmet - mit zweifelhaftem Erfolg.

Die nächsten Werke besänftigen ein wenig, "Knockin' on Heaven's Door", für den Soundtrack zu "Pat Garrett and Billy the Kid" aufgenommen, wird ein großer Hit, aber es dauert einige Jahre, bis Dylan alte Form beweist und 1975 eines der traurigsten und schönsten Alben der Musikgeschichte abliefert - "Blood on the Tracks". Seine Ehe mit Sara Lowndes liegt in Scherben und die Songs, seien sie mal sehnsuchtsvoll wie "If You See Her Say Hello" oder wütend wie "Idiot Wind", sind allesamt kleine Juwelen, getragen von schönstem akustischen Folkrock. Hier scheint sich das Klischee mal wieder zu bestätigen, dass großer Schmerz große Kunst schafft.

Meisterwerke und dicke Brocken

It's all over now, Baby Blue ...
It's all over now, Baby Blue ...(Foto: REUTERS)

Die kreative Schaffenskraft hält an und manifestiert sich 1976 im Nachfolgeralbum "Desire" - hier fleht Dylan in "Sara" seine Noch-Ehefrau an, bei ihm zu bleiben. Mit "Hurricane" kehrt der von Liebeskummer Geplagte auch wieder zu gesellschaftskritischen Liedern zurück - er klagt an, dass der Boxer Rubin Carter zu Unrecht hinter Gittern gelandet ist. Keine Geringere als Emmylou Harris liefert den Backgroundgesang zu seinen Geschichten und die fantastische Scarlet Rivera veredelt die Lieder mit ihrem mitreißendem Geigenspiel. Die Anhänger sind begeistert, wissen aber nicht, dass sie einige Jahre später dicke Brocken schlucken müssen - musikalisch und textlich kann man Dylans christliche Phase von 1979 -1981 mit den dazugehörigen Alben "Slow Train Coming", "Shot of Love" und "Saved" nicht wirklich als Werke großen Schaffens erklären und viele möchten auch eher den Mantel des Schweigens darüberlegen.

"Infidels", das 1983 erschien, war zumindest frei von missionarischem Eifer - Dire Straits' Mark Knopfler produziert es ziemlich glatt. Das Album erweist sich nicht als großer Reißer, was es umso unverständlicher macht, warum Dylan ausgerechnet "Blind Willie McTell" nicht daraufpackt - das Lied mit seinem einfachen Klavierspiel greift mitten ins Herz und wird von vielen als eines der besten Songs des Künstlers gewertet. Die 80er-Jahre gehören nicht zu den Glanzzeiten der Musiklegende und er gibt dies auch in seiner Autobiografie "Chronicles" offen zu. Das Zusammenspiel mit Grateful Dead im Jahr 1987 und deren Art, wie sie Gitarre spielen und seine Songs interpretieren, gibt ihm jedoch neue Denkanstöße, wie er Musik komponieren könnte. Und siehe da - er kann es noch. Dazu hat er 1989 noch das Glück, in Daniel Lanois den passenden Produzenten für sein großartiges "Oh Mercy" gefunden zu haben - die Musik ist sehr atmosphärisch, die Texte sind es auch.

Ein Weihnachtsalbum?

Cate Blanchett als Bob Dylan in "I'm Not There".
Cate Blanchett als Bob Dylan in "I'm Not There".(Foto: imago stock&people)

Leider hält er das Niveau für die nächsten Alben nicht, "Red Sky" ist eher mittelmäßig und "Good as I Been to You" sowie "World Gone Wrong" sind nur Cover-Songs von Blues- und Folk-Klassikern. Aber Dylan wäre nicht Dylan, wenn er nicht überraschen würde und das passiert 1997 mit "Time Out of Mind", einem grandiosen Album, das sich textlich in Songs wie "Not Dark Yet" mit dem Altwerden und Tod auseinandersetzt. Bei "Time out of Mind" hat Daniel Lanois als Produzent wieder seine Finger im Spiel, ein Garant für atmosphärische Töne von Blues-Rock und Americana. Und auch der Nachfolger "Love and Theft" enttäuscht nicht mit den Geschichten über den US-amerikanischen Süden.

Im Studio greift der zehnfache Grammy-Gewinner auf seine Band zurück, die ihn auf seiner "Never Ending Tour" begleitet - seit 1988 bereist Dylan die Bühnen dieser Welt. Das bedeutet musikalische Stabilität und Qualität, die 2005 für "Modern Times" mit Platz 1 der US-amerikanischen und britischen Charts belohnt wird - die Käufer lieben den Bluesrock- und Rockabilly-Sound ihres Idols, dem er auch auf "Together Through Love" von 2009 und "Tempest" aus dem Jahr 2012 treu bleibt. Nicht unerwähnt soll allerdings sein Weihnachtsalbum bleiben, bei dem man sich 2009 verwundert die Augen reibt - ein Nat King Cole wird Dylan nicht mehr. Aber er macht halt das, was er will und so kann es sein, dass sich sein "Full Moon and Empty Arms" als Vorgeschmack auf ein Album mit Sinatra-Klassikern entpuppt. Wir sind gespannt.

Buchtipps: Bob Dylan - "Chronicles: Vol.1" - der Meister spricht selbst und macht es sehr unterhaltsam, keine chronologische Abfolge, sondern Stippvisiten.

Olaf Benziger: "Bob Dylan: Die Geschichte seiner Musik", ein guter Einblick in die Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke.

Filmtipps:

"Don't Look Back" - die berühmte Dokumentation von D.A. Pennebaker, die Dylan im April 1965 während seiner Tour durch Großbritannien und auf dem Höhepunkt seines Ruhms begleitet und ihn schlecht gelaunt zeigt, wenn man ihm doofe Fragen stellt.

"No Direction Home" - Dokumaterial, zusammengestellt von Martin Scorsese, ausführliches Interview mit Dylan, was das Ganze besonders macht, denn "His Bobness" spricht ungern in der Öffentlichkeit. Alte Kumpel kommen zu Wort und berichten, wie Dylan Anfang der 60er Jahre ihre Plattensammlungen räubert.

"I'm Not There", genialer Schachzug von Regisseur Todd Haynes, gleich mehrere Schauspieler Dylan spielen zu lassen und somit eher ein Gefühl zu vermitteln, wer dieser leicht grummelig wirkende Typ eigentlich ist.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen