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Auf seiner neuen Platte "Faszination Weltraum" singt Farin Urlaub ohne die Ärzte - zum Beispiel über Burnout.
Auf seiner neuen Platte "Faszination Weltraum" singt Farin Urlaub ohne die Ärzte - zum Beispiel über Burnout.(Foto: Olaf Heine)
Freitag, 17. Oktober 2014

"Gehen wir in dieselbe Moschee?": Farin Urlaub wagt es nochmal alleine

Gut gelaunt sitzt Ärzte-Frontmann Farin Urlaub auf einer Couch in der Berliner Columbiahalle. Die gebleichten Haare hat der wie üblich in Schwarz gekleidete Musiker und fotografierende Weltenreisende zurückgekämmt. Und dafür, dass er so gerne reist, ist er ganz schön blass um die Nase. Sein Haifischgrinsen wirkt allerdings regelrecht ansteckend.

n-tv.de: Herr Urlaub, wann haben Sie gemerkt, dass man mit Ihrem Lächeln Geld verdienen kann?

Farin Urlaub: Och, das wäre schön, wenn ich damit Geld verdienen könnte. Dann könnte ich mir den ganzen Songwriter-Quatsch ja sparen!

Sieben Jahre haben Sie als Solist keine Platte mehr veröffentlicht.

Ja, mal sehen, ob sich noch jemand an mich erinnert!

Kempinski, Campino, Urlaub?
Kempinski, Campino, Urlaub?(Foto: Olaf Heine)

Selbst mein Taxifahrer kannte Sie.

Ich hatte einmal einen Taxi-Fahrer in Berlin, der meinte: "Ich kenne Sie!" Und ich so: "Keine Ahnung." Aber er blieb dabei: "Ich kenne Sie!" und ich sagte: "Vielleicht gehen wir in dieselbe Moschee?" Er: "Nein, nein, ich kenne Sie von woanders. Sie sind doch von den Toten Hosen. Sie sind doch der Kempinski." Das war bisher mein Favorit, da musste ich echt lachen.

Fühlten Sie sich geschmeichelt?

Ja, schon irgendwie, Kempinski zu sein, war ein gutes Gefühl.

Ich dachte eher, weil Campino von den Toten Hosen so gut aussieht.

Ey, was soll denn das jetzt heißen?

Den Gassenhauer "Tage wie diese" haben Sie zumindest nicht zu verantworten.

Richtig, aber der Song hat die ohnehin schon sehr erfolgreiche Band in ganz andere Dimensionen katapultiert.

"Heute tanzen" heißt ein Lied auf Ihrer Platte. Wie sieht es bei Ihnen mit dem Tanzen aus?

Wenn man sagt, ein Walfisch kann nicht Skateboard fahren, dann trifft das ungefähr meine Tanzqualitäten. Ich habe Rhythmusgefühl, sonst könnte ich ja nicht Musik machen. Aber das überträgt sich irgendwie nicht auf eine ansprechende Körperkoordination. Mir glaubt keiner, dass ich Musiker bin.

So schlimm?

Ja. Es gab da mal eine demütigende Begebenheit in Brasilien, wo die Leute sich ja nun wirklich gut bewegen können. Ich habe gedankenverloren in einer Diskothek getanzt. Und da haben sich drei Mädchen vor mich auf eine Bank gesetzt und mich so richtig herzhaft ausgelacht. So nach dem Motto "Guck dir diesen Bewegungs-Horst an!" Und da dachte ich: Vielleicht lasse ich das jetzt einfach mal.

Tanzen wäre bestimmt auch gut gegen Burnout! Im Lied "3000" heißt es: "Alle klagen ständig über Burnout-Beschwerden, doch nach Hause will keiner gehen." Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Nee. Wie soll das denn gehen? So nach dem Motto: Ach Gott der Gerechten, ich muss schon wieder verreisen? Ich beobachte aber in meinem Freundes- und Bekanntenkreis - von einer zugegeben sehr entspannten Position aus - den Virus der ständigen Erreichbarkeit. Nichts scheint mehr aufgeschoben werden zu können.

Sechs Jahre nach "Die Wahrheit übers Lügen" veröffentlicht Farin Urlaub eine neue Solo-Platte: "Faszination Weltraum".
Sechs Jahre nach "Die Wahrheit übers Lügen" veröffentlicht Farin Urlaub eine neue Solo-Platte: "Faszination Weltraum".

Und das macht Ihnen Sorge?

Absolut. Speziell die Altersgruppe der Teenager braucht ihren minütlichen Dopamin-Fix. Und dann ist immer auch ganz wichtig: Wer hat mein Foto geliked, und wer hat mein Foto nicht geliked? Und wann hat er es geliked, und warum hat er denn erst das Foto von dem Anderen geliked? Das sind so Welten, die sind mir völlig verschlossen. Da wird ja schon ein Stress rangezüchtet. Noch vor dem Berufsleben sind die Leute komplett in ständiger Panik und können sich überhaupt nicht zurücklehnen. Das beobachte ich wirklich mit Sorge.

Wie sind Sie denn erreichbar?

Es gibt wenige Leute, die meine Nummer haben. Die meisten davon schicken mir eine SMS, bevor sie mich anrufen, so von wegen: "Kann ich Dich anrufen?" Und wenn mein Handy an ist, rufe ich sie zurück oder schicke ein "Ja!" zurück. Nachts ist mein Handy sowieso aus und auf Reisen auch sehr oft: Ich nehme dann die SIM-Karte raus und hole mir eine lokale, und dann haben nur noch zwei Leute auf dem Planeten meine Nummer, und für die anderen bin ich dann einfach ein Vierteljahr nicht erreichbar.

Und E-Mails? Checken Sie die etwa nicht halbstündlich?

Wäre die halbe Stunde denn jetzt schon rum? Oh Gott, ich muss sofort ... Ha! Nein! Es gibt aber Phasen wie jetzt bei der Albumveröffentlichung, da muss ich sie natürlich sehr oft lesen, denn wenn ich etwas mache, mache ich es richtig. Der Zeitraum ist aber überschaubar. Und sobald diese Phase vorbei ist - nein, danke! Dafür habe ich schließlich Leute im Büro.

Sind Sie diszipliniert, was Termine betrifft?

Sehr, extrem sogar. Ich bin der unangenehme Typ, der zehn Minuten vor dem Termin vor der Tür steht. Weil ich lieber zu früh komme als zu spät. Das ist zwar auch nicht höflich, Sie können es auch gern spießig nennen. Aber ich denke immer, andere Leute warten zu lassen, heißt ja automatisch, dass ich mich wichtiger nehme als sie und ihre Zeit mir egal ist. Das finde ich nicht richtig.

Das klingt typisch Deutsch, ne?

Moment, ich kann mich kulturell aber total anpassen. Wenn ich reise, muss ich das sogar. Wenn mir da in manchen Kulturen jemand sagt: "Wir sehen uns morgen!", heißt das nicht, dass wir uns morgen sehen. Das heißt, dass wir uns gefühlt in naher Zukunft sehen. Ich kann natürlich nicht mit meinem deutschen Verständnis in Spanien einen Handwerker um 14 Uhr bestellen und dann davon ausgehen, dass er um 14 Uhr da ist.

Das Lied "3000" handelt von Überlebensstrategien für das dritte Jahrtausend. Haben Sie welche parat?

Brauchen Sie Hilfe? Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Denn unser Büro hilft mir auch nicht, mein Privatleben zu organisieren. Ich gehe selber aufs Amt. Das Hauptproblem ist doch, wenn Leute zu viel zusagen, weil sie Angst haben, sich mit Nein-Sagen unbeliebt zu machen. Ich sehe das bei vielen Leuten. Und wenn sie dann tatsächlich mal etwas ablehnen, haben sie Angst, das auch wirklich durchzuziehen. Dabei ist es gar nicht schlimm, wenn man sein Handy mal ausmacht. Es müssen nur alle Bescheid wissen, dass man auch mal nicht erreichbar ist.

Wie ist es denn bei Ihnen mit dem Ja-Sagen?

Ich mache Ansagen und kann gut Nein sagen. Ich sage sogar zu neun von zehn Sachen Nein.

Wann denn zuletzt?

Wollen Sie das wirklich wissen? Meine Pressedame wollte unbedingt, dass ich in einer bestimmten Frauenzeitschrift erscheine. Aber ich fühle mich in dem Umfeld nicht wohl und habe Nein gesagt. Wahrscheinlich ist das die Arroganz, die sich aus meinem glücklichen Leben ergibt, aber ich möchte nicht um jeden Preis noch eine Platte mehr verkaufen. Da ist für mich leicht mal die Grenze zur Prostitution überschritten.

Um Klarheit darüber zu erlangen, brauchen Sie also nicht mal Yoga oder so?

Um Himmels Willen, in mir selbst ist alles immer total klar!

Schon mal den Sinn des Lebens hinterfragt?

Als Hedonist? Nö! Der Sinn des Lebens liegt doch ganz klar auf der Hand: Spaß haben! Irgendwann ist's vorbei, also gebt Gas, Leute!

Im vergangenen Jahr sind Sie 50 Jahre alt geworden. Haben Sie da Bilanz gezogen, so nach dem Motto: Die Ärzte - läuft. Fotografie - läuft. Alles läuft!?

So ungefähr schon. Was soll ich sagen? Stell dir vor, du hast als Heranwachsender Träume, Wünsche und Fantasien und denkst: Das ist so absurd, das kann gar nicht in Erfüllung gehen! Und dann kommt das Leben und sagt: "Nicht nur das, mein Lieber! Sondern wir werden deine Träume einfach noch massiv übertrumpfen!" Irgendwann stehst du dann da und machst nur noch: "Boah!" Ich bin wirklich von meinem eigenen Leben komplett aufs Glücklichste überwältigt!

Mit Farin Urlaub sprach Katja Schwemmers

Farin Urlaub geht 2015 auf Tour:

11.05. Siegen, Siegerlandhalle
14.05. Köln, Palladium
16.05. Würzburg, Arena
22.05. Saarbrücken, E-Werk
23.05. Erfurt, Thüringen-Halle
26.05. Bremen, Pier 2
27.05. Hannover, Swiss Life Hall
29.05. Leipzig, Arena
02.06. Münster, Messe+Congress Centrum
03.06. Frankfurt, Jahrhunderthalle
05.06. Wien, Arena Wien Open Air
11.06. Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
12.06. Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle
19.08. Dresden, Filmnächte am Elbufer

Quelle: n-tv.de

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