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Bitte recht freundlich: Jennifer Rostock.
Bitte recht freundlich: Jennifer Rostock.(Foto: Four Music)
Donnerstag, 08. September 2016

Mit Silikon gegen Sexismus: Jennifer Rostock nehmen nichts zurück

"Genau in diesem Ton" kehren Jennifer Rostock zurück - mit gleichnamigem Album und dezidierter Meinung zu Themen wie Flüchtlinge, AfD oder Sexismus. Und auch im n-tv.de Interview nehmen Sängerin Jennifer Weist und der Komponist und Keyboarder der Band, Joe Walter, kein Blatt vor den Mund.

n-tv.de: In einem Interview, das wir vor fünf Jahren mit euch geführt haben, sagte Joe: "Da gab es welche, die meinten, wir würden das kein halbes Jahr durchhalten." Und Jennifer: "Und jetzt sind wir vier Jahre weiter, haben unser drittes Album und sind immer noch da." Jetzt sind nochmal fünf Jahre vergangen, demnächst erscheint euer fünftes Album - und ihr seid immer noch da. Was ist da los?

Jennifer Weist: (lacht) Ja, geil, oder?! Wir lassen uns nicht so leicht unterkriegen. Es macht uns nach wie vor Spaß und die Leute kommen ja auch zu unseren Konzerten, kaufen unsere Alben und folgen uns in den sozialen Medien. Wir können uns nicht beschweren.

Ich habe noch ein Zitat von Joe aus dem Interview von 2011: "Wir sind mit unserer Plattenfirma Warner komplett zufrieden" …

Joe Walter: Ja, das hat auch gestimmt.

Jetzt aber habt ihr euer Label gewechselt. Warum?

Joe Walter: Der Vertrag mit Warner ist einfach irgendwann ausgelaufen …

Jennifer Weist: … und keiner hat es gemerkt. Das war echt so. Wenn man da jahrelang ist, achtet man irgendwann nicht mehr so drauf. (lacht)

Joe Walter: Wir haben dann eine EP auf unserem eigenen Label gemacht, einfach um das mal selbst auszuprobieren. Aber danach stellte sich die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Wir haben darüber nachgedacht, auch unser neues Album alleine zu machen. Aber wir haben uns auch mit vielen Leuten zusammengesetzt.

Jennifer Weist: Wir haben wirklich mit allen Plattenfirmen zusammengesessen und geguckt, mit welchen Menschen wir uns wohlfühlen. Und letztendlich sind wir bei Four Music gelandet.

Ihr habt nicht nur euer Label gewechselt, sondern auch euren Produzenten …

Jennifer Weist: Mal wieder, ja.

"Genau in diesem Ton" wurde von Jay Maas produziert, bis vor Kurzem noch Gitarrist bei der US-Hardcoreband Defeater. Warum habt ihr euch für ihn entschieden?

Willkommen beim neuen Label.
Willkommen beim neuen Label.(Foto: Four Music / Jens Oellermann)

Joe Walter: Mit Chris Badami bei den beiden letzten Alben zusammenzuarbeiten, war super. Aber wir wollten jetzt einfach mal wieder etwas Neues. Unser Schlagzeuger meinte, er hätte für das neue Album ein bisschen eine andere Vorstellung vom Sound - in Richtung Defeater.

Jennifer Weist: Er hat gesagt: "Das ist der beste Schlagzeug-Sound, den es auf der Welt gibt."

Joe Walter: Dann haben wir gegoogelt, wer die Musik von Defeater produziert hat. Das war Jay Maas. Also haben wir ihn einfach auf blöd angeschrieben …

Jennifer Weist: … und er hat uns zurückgeschrieben und angelogen, dass er uns schon jahrelang verfolgen und total super finden würde. (lacht) Wir wussten zwar, dass er lügt, fanden es aber trotzdem cool.

Ihr habt euch vor einiger Zeit bei Facebook entschuldigt, dass ihr euch etwas rargemacht hättet. Es hätte sich bei euch viel geändert und ihr hättet Zeit gebraucht, euch neu zu finden. Hatte das über den Wechsel von Label und Produzent hinaus eine Bedeutung?

Joe Walter: Es ging um viele Sachen. Private und persönliche, aber auch Dinge, die die Band betreffen. Auch unser Management-Team hat sich vor zwei Jahren aufgelöst, sodass wir erst einmal ein komplett neues Team finden und aufbauen mussten. Und es ging um Dinge, die mit der Musik zu tun haben. Nach dem letzten Album haben wir intensiv überlegt, wo die Reise jetzt hingehen soll. Wir mussten viel ausprobieren. Wir verbringen ja echt viel Zeit miteinander - aber letzten Herbst haben wir es noch einmal schwer übertrieben und uns einen Monat lang im Studio eingesperrt. Wir hatten keinen Kontakt zu anderen Menschen und zur Außenwelt. Da waren nur wir in einem Kaff in einem Studio.

Klingt, als würde man sich irgendwann an die Gurgel gehen …

Joe Walter: Am Anfang war es noch Euphorie, dann war es irgendwann das komplette Gegenteil und dann kam irgendwann eine ganz komische Phase, in der wir ein bisschen durchgedreht sind. Wir haben dabei auch viel gesoffen …

Jennifer Weist: Oh ja.

Joe Walter: Wir dachten uns einfach "Scheiß drauf" und haben auch musikalisch allen möglichen Blödsinn gemacht. Dabei sind ganz wichtige Songs entstanden, die für die musikalische Neuausrichtung des Albums entscheidend sind.

Wie würdest du diese musikalische Neuausrichtung beschreiben?

Joe Walter: Es geht weg von dem Schwermütigen, das auf den beiden Alben zuvor dominiert hat. Es schwankt mehr zwischen Leichtfüßigkeit und geballter Faust und holt musikalisch wie inhaltlich den rebellischen Faktor nach vorne. Es drückt mehr Lebensfreude aus, was uns gerade eben einfach auch ausmacht.

In einem Song wie "Silikon gegen Sexismus" bewegt sich Jennifer dabei in stimmlichen Höhen, die man so bisher von ihr nicht kannte …

Jennifer Weist: Ja, stimmt, oder? Das ist genau so ein Song, der entstanden ist, als wir schon ein bisschen crazy waren. Bei dem Song stand die Musik schon vor Text und Melodie. Das ist bei uns ganz selten. Joe war bereits ziemlich verzweifelt, wie wir das mit dem Refrain machen. Ich sagte: "Ich bleibe einfach mit der Stimme oben." Dann habe ich das genau einmal eingesungen …

Joe Walter: Ich habe mich nur gefragt: Was macht die da?

Jennifer Weist: Aber es hat tierisch gut gepasst. Und jetzt ist das auf jeden Fall einer meiner Lieblingssongs auf dem Album. Ich höre das und denke mir: "Geil, das wäre früher niemals ein Jennifer-Rostock-Song geworden." Und jetzt gehört es total zu uns. Eine geile Facette, die wir zuvor noch nie gezeigt hatten.

Hoch singen kannst du auf jeden Fall, aber ist es auch wahr, dass du nicht rülpsen kannst? Das kann doch jeder …

Für die Aufnahmen zum neuen Album reiste die Band nach Boston.
Für die Aufnahmen zum neuen Album reiste die Band nach Boston.(Foto: Four Music)

Jennifer Weist: Nee, kann ich wirklich nicht. Bei mir kommt das zwar hoch, macht aber nur so ein komisches Geräusch. Aber dafür kann ich jetzt Flaschen mit einem Feuerzeug öffnen.

Das kann ja wohl auch jeder.

Jennifer Weist: Na ja, vielleicht lerne ich dann auch irgendwann noch rülpsen.

Ihr habt das Album mal wieder in den USA aufgenommen. Das scheint inzwischen eine gewisse Kontinuität bei euch zu haben ...

Jennifer Weist: Das ist Zufall. Das lag bei uns noch nie an den USA, sondern an den Produzenten - ob das Chris Badami war oder jetzt Jay Maas. Bei der Arbeit mit Maas befanden wir uns ungefähr eine Dreiviertelstunde von Boston entfernt. Wir haben in Doppelstockbetten in Vier-Quadratmeter-Zimmern geschlafen. Wir sind also nicht dort hingefahren, weil es da so megageil ausgesehen hätte, sondern weil dort der Produzent war, der einen geilen Sound macht.

Nach fünf Alben kann man euch noch eine andere Kontinuität attestieren: Ihr seid die Großmeister darin, deutschen Redewendungen eine neue Deutung zu verpassen. Wo holt ihr das her?

Jennifer Weist: Ich bin auch immer wieder davon begeistert, wo du das herholst, Joe.

Joe Walter: Ich mag einfach Sprache. Und ich mag es, mit ihr zu spielen. Das passiert sowieso ständig in meinem Kopf. Ich muss mir nichts zusammensuchen oder in einen anderen Modus verfallen, um einen Text zu schreiben. Aber am Ende hören Tausende Menschen unser Album. Da fände ich es schade, nicht am Text zu feilen. Natürlich macht das auch Arbeit und dauert manchmal ewig. An manchen Texten fürs Album habe ich ein Jahr gesessen, bis sie wirklich auf dem Punkt waren.

Ihr habt auch mit eurer politischen Meinung nie hinterm Berg gehalten. In euren Texten bislang eher zwischen den Zeilen, auf dem neuen Album aber auch sehr explizit. "Silikon gegen Sexismus" müsst ihr mir trotzdem nochmal erklären …

Jennifer Weist: Es geht darum, dass ich mit meinem Körper einfach machen kann, was ich möchte. My body, my rules. Das ist wie die Sache mit dem kurzen Rock. Nur weil ich einen kurzen Rock anhabe, darf man mir nicht an den Arsch grapschen. Und nur weil ich Silikon-Brüste habe, heißt das noch lange nicht, dass man mich darauf reduzieren kann.

Ihr hattet ja auch einen kleinen Disput mit der "Bild"-Zeitung nach einem Artikel über einen Festival-Auftritt, bei dem Jennifer ihre Brüste gezeigt hat. Ist der Song auch noch einmal eine Abrechnung damit?

Jennifer Weist: Ach nö, mit der "Bild"-Zeitungs-Geschichte sind wir eigentlich durch. Aber natürlich war das auch so eine Nummer. Die "Bild" schreibt einfach nur tumb: "Jennifer hat ihre Brüste gezeigt!" Aber warum denn? Ging es dabei vielleicht auch um was oder ging es nur um die Titten? Das hat mich natürlich genervt. Es geht schließlich nicht ums Schockieren nach dem Motto: "Hier, fresst meine Brüste …"

Joe Weist: (lacht) "Fresst meine Brüste." Ich weiß jetzt schon die Überschrift für den Artikel.

Ziemlich schockiert hat indes ein Ereignis, das Jennifer vor knapp einem Jahr widerfahren ist. Da wurde ein Freund von dir auf dem Berliner RAW-Veranstaltungsgelände niedergestochen. Zunächst einmal: Wie geht es ihm heute?

Jennifer Weist: Es geht ihm gut. Man sieht auch fast gar nichts mehr von seiner Verletzung. Er hat Megaglück gehabt. Und ich bin extrem froh, dass das so ausgegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich jetzt hier sitzen würde, wenn er in meinen Armen gestorben wäre. Und auch wenn ich dafür viel Gegenwind bekommen habe, würde ich im Nachhinein mit der Sache wieder genauso umgehen. Ich habe da echt Aufklärungsarbeit geleistet und es ist seitdem am RAW-Gelände viel passiert.

Der Angriff auf deinen Freund war schlimm. In anderer Weise schlimm war aber auch die Diskussion, die danach auf deiner Facebook-Seite entflammt ist, die von Häme bis hin zu übelsten rassistischen Ausfällen reichte. Wie sehr hat dich das getroffen?

Jennifer Weist: Ich weiß noch, dass ich gerade bei der Polizei war, um eine Aussage zu machen, als Christoph mich anrief: "Alter, auf deiner Facebook-Seite geht es gerade mega ab." Das hat mich in dem Moment einen Scheißdreck interessiert. Ich konnte das in der Situation nicht gebrauchen und habe auch gar nicht verstanden, was da passiert. Ich habe mir Sorgen um meinen Freund gemacht, ob er zum Beispiel überhaupt noch arbeiten gehen kann. Was da bei Facebook passiert, hat mich als allerletztes interessiert.

Ihr seid in den sozialen Medien natürlich auch schon so Einiges gewöhnt …

Jennifer Weist: Eben, darüber bin ich hinweg. Und ich habe nicht zu Hause gesessen und deswegen geheult. Wie viele Shitstorms haben wir als Jennifer Rostock in unserem Bandleben nicht schon überlebt?! Und ich bin immer im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, wenn ich etwas schreibe. Von daher habe ich das auch in dem Fall genau so gemeint und habe nichts davon zurückzunehmen, nur weil sich irgendwelche Leute vielleicht daran stoßen.

Die Sache ist auch deswegen so hochgekocht, weil gleichzeitig die Flüchtlingsdiskussion in Deutschland getobt hat. Ihr habt euch frühzeitig mit "Refugees welcome" positioniert. Und mit dem Song "Wir sind alle nicht von hier" gibt es auch auf eurem neuen Album ein klares Statement dazu …

Jennifer Weist: Ja, weil wir auch da nichts zurückzunehmen haben. 

Joe Walter: Man kann über alles Mögliche diskutieren - über Zahlen, einzelne Vorfälle, was auch immer. Aber am Ende des Tages geht es doch um die ganz einfache, naive Frage: Sind wir nicht alle gleich und sind nicht alle Menschenleben gleich viel wert? Und daran kann man eben nicht rumdiskutieren. Fertig. Deswegen ist auch der Refrain ganz einfach gehalten: "Wir teilen uns diese Erde, komm, wir teilen uns noch ein Bier." Genau darum geht es.

Das Album "Genau in diesem Ton" ist ab 9. September 2016 erhältlich.
Das Album "Genau in diesem Ton" ist ab 9. September 2016 erhältlich.(Foto: Four Music)

Ihr seid alle inzwischen auch neben Jennifer Rostock ziemlich umtriebig. Jennifer zum Beispiel als Moderatorin beim Musiksender Deluxe. Macht dir das Spaß?

Jennifer Weist: Ja, das ist megageil. Ich liebe es schon immer total, in die Kamera zu sprechen. Wenn sie angeht, bin ich da. Und jetzt kann ich das wieder mit Musik verbinden. Ich kann da Songs und Videos reinbringen, die ich geil finde. Ich kann Leute interviewen. Das finde ich klasse.

Joe hingegen schreibt auch für andere Künstler Musik. Für wen zum Beispiel?

Jennifer Weist: Da kannst du auf seine Webseite gucken. Der Joe hat jetzt nämlich auch eine eigene Webseite: joewalter.de.

Joe Walter: Das ist ganz unterschiedlich. Für Christina Stürmer zum Beispiel, Yvonne Catterfeld, aber auch "Bonfire", die neue Single von Felix Jaehn, habe ich mitgeschrieben.

Stehen die Zeichen also künftig eher auf Selbstverwirklichung und weniger auf Jennifer Rostock?

Joe Walter: Nein, das denke ich nicht. Wir sind total happy, jetzt in einer Situation zu sein, in der jeder persönlich auch nochmal die Chance hat, andere Sachen für sich auszuprobieren. Aber ich würde nicht sagen, dass wir uns deshalb weniger auf Jennifer Rostock konzentrieren.

Im Song "Kaleidoskop" auf der gleichnamigen EP singt Jennifer: "Ich geh' oft zu lange aus und ansonsten auf die 30." Du wirst in diesem Jahr noch 30. Wie fühlt sich das an? Flaues Gefühl, Selbstmordgedanken …

Jennifer Weist: (lacht) Nein. Ich freue mich total darauf - schon seit Jahren. Da geht's jetzt endlich los. Es muss keine 2 vorne stehen. Würde ich gern nochmal 19 sein? Nein, um Gottes willen! Ich finde es gut, älter zu werden.

Womit wir den Kreis zum Anfang des Gesprächs schließen können: Ihr seid mit Jennifer Rostock immer noch da. Wie lange denn noch?

Joe Walter: So lange Leute zu unseren Konzerten kommen, wird es uns weiter geben. Wenn das mal nicht mehr der Fall sein sollte, müssen wir uns was Neues überlegen.

Mit Jennifer Weist und Joe Walter sprach Volker Probst

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Jennifer Rostock gehen Anfang 2017 in Deutschland und Österreich auf Tour: Graz (26.01.), Ulm (27.01.), Saarbrücken (31.01.), Frankfurt (02.02.), Köln (03.02.), Nürnberg (04.02.), Stuttgart (09.02.), München (10.02.), Wien (11.02.), Hamburg (15.02.), Dresden (17.02.), Erfurt (18.02.), Berlin (19.02.), Hannover (23.02.), Leipzig (24.02.), Rostock (25.02.)

Quelle: n-tv.de

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