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Dienstag, 30. September 2014

Smiths-Gitarrist Marr im Interview: "Mein Album soll wie eine Jukebox klingen"

Mit den Smiths schrieb er Hits für die Ewigkeit, doch er kann es auch alleine. Im Interview spricht Gitarristen-Ikone Johnny Marr über sein neues Album "Playland" und stellt klar, was er von U2s Gratis-Album hält.

Johnny Marr bei den NME Awards Big Gig 2008 in London.
Johnny Marr bei den NME Awards Big Gig 2008 in London.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

n-tv.de: Dein Solo-Debüt ist erst ein gutes Jahr alt, da gibt es mit "Playland" bereits den Nachfolger.

Johnny Marr: Ich mag es, Aufnahmen zu machen, wenn man gerade von einer Tour zurückkommt. Eigentlich weiß das jeder, es ist nur etwas schwierig, das auch durchzuziehen. Einige der Bands, in denen ich gespielt habe, nein, eigentlich alle, wollten nach der Tour immer erst einmal eine Pause machen. Das war einer der Gründe, warum ich diese Bands verlassen habe. Ich bin nach der letzten Show der "Messenger"-Tour gleich ins Studio.

Wie sieht es mit Songwriting unterwegs aus?

Oh, ich schreibe eine Menge. Es ist jedoch gerade, wenn es ums Texten geht, schwierig. Du steckst so in deinen Routinen, musst dich um ganz andere Sachen kümmern: die Gigs, Promotion, Interviews. Dennoch: Wenn du diszipliniert genug bist und dich reinhängst, dann geht das. Nachdem die Aufnahmen zu "The Messenger" beendet waren, habe ich direkt weitergemacht mit dem Songwriting. I just kept it going, man.

Ging es darum, an den Vorgänger anzuknüpfen oder gab es da schon Dinge, von denen du dachtest: Das will ich diesmal besser machen?

Die Drums sind diesmal ein großes Thema. Einige Songs fangen mit Schlagzeug und sind von daher um einiges massiver und lauter. Ich wollte für "Playland" einen Sound, der mehr nach einer Liveband klingt.

Den richtigen Drummer dafür hast du anscheinend.

Max James ist der beste Schlagzeuger, den Manchester je hervorgebracht hat. Ich hab seine Band damals produziert, da war er erst 17 Jahre alt und bereits ein Ass. Als ich die Band für "The Messenger" zusammengestellt habe, war mir klar, dass er mein Mann für den Beat ist.

Es hat 30 Jahre gedauert, bis du dein erstes, richtiges Solo-Album veröffentlicht hast. Wie hast du die Reaktionen darauf erlebt?

Oh Mann, das war ziemlich erstaunlich, dass es so populär wurde. Ich wusste, dass die Fans, die auf meine Gitarrenarbeit stehen, es mögen würden. Aber ich hatte nicht unbedingt erwartet, dass auch Journalisten so positiv reagieren würden.

Wenn Musiker, die lange Zeit in Bands gespielt haben, als Solisten arbeiten, geht das stilistisch oftmals in die Breite, wird gern mal experimentell, zuweilen vielleicht sogar konfus. Du scheinst da klarere Vorstellungen gehabt zu haben.

Je erfolgreicher und bekannter ich wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, ich muss dieser Reputation gerecht werden. Das war gut für mich.

Es gibt sicher Leute, die das eher als Druck empfunden hätten.

Es gibt auch solche, die dann sagen: Ich haue mich jetzt erstmal an den Pool und ruhe mich aus. Das ist nichts für mich. Ich würde mich völlig abgeschnitten fühlen von dem, was ich liebe. Ich will etwas abliefern, von dem ich denke: Das hätte ich auch gut gefunden, als ich damals angefangen habe. Sicher gibt es da Leute, die von Johnny Marr siebenminütige Workouts auf der klassischen Gitarre erwarten. (lacht) Oder irgendetwas mit Orchester. Dabei klingen meine Platten jetzt mehr nach einer Jukebox. Aber genau so sollte sich die Band anhören, in der ich immer sein wollte. Bei meinen Soundtrack-Arbeiten für "Inception" und "Spiderman" konnte ich genug experimentieren.

Was hat es mit dem Titel "Playland" auf sich?

All die Dinge, mit denen wir uns im Leben beschäftigen - iPhone, Flatscreens, Sex, Entertainment, Kicks aller Art – sind einerseits "Spielkram". Gleichzeitig bauen sie aber so viel Druck auf, entfremden sie uns voneinander. Es sind Lustobjekte, die uns doch eigentlich ein gutes Gefühl geben sollen, dabei stehen sie für innere Zerrissenheit und das Gegenteil von echter Kommunikation.

Kannst du dich davon frei machen?

Nein, im Gegenteil. Ich bin Teil davon, ich bin auch ein Resultat dieser Kultur. In dem Moment, da ich es infrage stelle oder nur benenne, finde ich es ebenso ja auch gut. Auch ein Song wie "Easy Money" ist nicht wirklich eine Kritik an bestehenden Verhältnissen, es ist mehr eine Bestandsaufnahme.

Ein klassisches Marr-Riff. Ich muss nur an den Song denken und habe einen Ohrwurm. Unglaublich.

Oh, vielen Dank. (lacht) Über Geld wurde halt schon so irre oft gesungen. Ich dachte mir, wenn ich über Kohle singe, dann muss das auch kommerziell und eingängig klingen. As simple as that. Ich mag die Idee, dass Leute nach einem Song über Geld tanzen. Gleichzeitig wollte ich jenen Leute Respekt zollen, für die Geld sicher kein Thema ist, dass sie zum fröhlichen Tanzen anregt. So kam das Video mit der Spielhalle und diesem etwas tristen Tanzsaal zustande. Diesen Gegensatz wollte ich herausstellen.

Die Daddelhalle im Clip - ein Ort deiner Jugend?

Oh ja, ganz sicher. "Playland" ist der Name dieser Kette von Arcades in Großbritannien. Ende der 70er waren das ziemlich obskure Locations voller Betrügereien, Prostitution, Drogen. Für mich als Kid ein überaus faszinierender Ort und eine passenden Metapher für uns als 'human toys' im Spieleland. Und was den Ohrwurm angeht: Ich wollte das Gefühl der Rock'n'Roll-Euphorie mit dem Gefühl eines Orgasmus kombinieren.

Ein Kombi, die auch deine musikalische Prägezeit, die 70er-Jahre, charakterisierte. Hörst du noch viel T.Rex?

Auf jeden Fall. Ich habe immer noch den Gedanken, dass mich eines Tages Mike Chapman (Hitfabrikant für Sweet, Suzi Quatro u.v.m.) produziert. Du musst dir nur mal seine Demos anhören von "Block Buster", von Songs von Mud oder Blondie - sie klingen genauso wie die fertige Platte. Chapman ist ein Genie.

Ein großer Einfluss für dich?

Hundertprozentig. Was dich in jener Frühphase prägt, bleibt Teil von dir. Meine Songs müssen sich an "Ballroom Blitz" messen lassen. Punkt. Ich will den Sound nicht nachbauen, aber in technischer Hinsicht, was die Arrangements angeht, die Stops und Breaks, die Dramaturgie - das ist das Maß aller Dinge.

Du erwähntest die Reaktionen der Presse, wie haben deine ganzen Wegbegleiter reagiert?

Ausgesprochen positiv. Ich habe viele Mails bekommen.

Hat Morrissey dir eine E-Mail geschickt?

Nein, Morrissey und ich mailen eher nicht. Ich meine - sprichst du noch mit Leuten von vor 25 Jahren?

Mit einigen schon.

Das ist aber doch eher die Ausnahme. Ich meine, ich habe auch mit Matt Johnson zu "Mindbomb"-Zeiten (1989) zusammengespielt und wir sehen uns echt nur selten.

Jimmy Page sagte jüngst, du könntest irgendeine Gitarre über irgendeinen Verstärker spielen - man würde dich immer erkennen. Woher stammt dieser Sound Marke Johnny Marr?

Unmittelbar bevor ich die Smiths gegründet habe, begann ich an diesem Sound zu arbeiten. Postpunk war ein riesiger Einfluss.

Warst du beim legendären Sex-Pistols-Gig 1976 in der Lesser Free Trade Hall?

Nein, das waren schon die Älteren, die da hingingen. Für Andy Rourke und mich ging es so richtig erst mit Postpunk los. Bands wie Magazine, Psychedelic Furs, auch frühe Simple Minds. (singt) "Life in a Daaay". Aber auch die waren alle schon älter. Unter Leuten meines Alters starteten damals Roddy Frame oder auch Billy Bragg. Und George Michael. (lacht)

Welche Konzerte prägten dich damals?

Patti Smith war ganz sicher ein riesiger Einfluss. Ich meine, hey … The Smiths. (grinst) Siouxsie & the Banshees waren huge, auch die frühen Cure, als sie noch zu dritt waren.

Letzte Frage: Was wäre, wenn Tim Cook morgen anriefe und dich fragt, ob du dein nächstes Album via Apple verschenken willst?

No way. Ich will ganz sicher nicht wie U2 sein. Und dann für Apple? Die sind ja nun wirklich nicht mehr auf der Höhe. Die haben es nicht mehr drauf. Und junge Leute fühlen sich doch zunehmend verarscht von Apple. Die haben uns zu diesen schrägen Typen gemacht, die den Produkten hinterherhecheln, wenn wir ehrlich sind. Sie waren vielleicht mal ok, but they turned into fuckers.

Mit Johnny Marr sprach Ingo Scheel

"Playland" erscheint am 3. Oktober bei Rykodisk/Warner auf CD und Vinyl - bei Amazon bestellen

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Quelle: n-tv.de

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