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Die Welttournee mit den neuen "Anti"-Songs startet im Februar.
Die Welttournee mit den neuen "Anti"-Songs startet im Februar.(Foto: Instagram/badgalriri)

Miss Tanzbar in der "Anti"-Phase: Rihannas Sound klingt nach Kiffen im Dunkeln

Von Anna Meinecke

Wer viel Wert auf gute Laune legt, der sei bereits an dieser Stelle gewarnt: Rihanna zieht runter. Mit 13 neuen Songs kämpft sich die Sängerin aus der kommerziellen Ecke des Pops. Ihr neuer Minimalismus ist aufregend, aber auch schwer verdaulich.

"Rated R", "Loud", "Talk That Talk", "Unapologetic" - vier Jahre in Folge hat Rihanna stets im November ein Album herausgebracht und damit Erfolge gefeiert, wie die meisten sie sich nur erträumen. Da darf sie sich nicht wundern, wenn die Enttäuschung in Jahr Nummer fünf groß ist, weil keine neue Platte kommt. Rihanna hat Pause gemacht. Drei Jahre ließ sie ohne ein neues Studioalbum verstreichen.

Als Rihanna zu Beginn des vergangenen Jahres mit neuem Material auf der Bühne stand, gemeinsam mit Kanye West und Paul McCartney, da priesen sie die Kritiker vor lauter Wiedersehensfreude an, als habe sie sich musikalisch völlig neu erfunden, als Person um Meilen weiterentwickelt. Das neue Album konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. So dachten alle - und alle lagen falsch.

In der vergangenen Nacht war es nun so weit. "Anti" steht seit einigen Stunden zum kostenlosen Download bereit. 13 neue Songs - weder "FourFiveSeconds" noch "Bitch Better Have My Money" oder "American Oxygen" haben es in die Auswahl geschafft. Die "Anti"-Rihanna verzichtet auf ihre großen Hits aus 2015 und macht im Opening-Track "Consideration" schon mal vorab die Ansage, dass sie die Dinge von nun an auf ihre eigene Art anpacken wird - was auch immer das heißen soll.

Mit Joint in der Sofaecke

Zwei große Popdamen haben in der jüngeren Vergangenheit mit dem ungewöhnlichen Release ihres Albums für Wirbel gesorgt. Zum einen wäre da Beyoncé, die ihr gleichnamiges Album 2013 ohne Vorankündigung im iTunes-Store verfügbar machte, zum anderen Miley Cyrus, die seit dem Sommer mit "Miley Cyrus & Her Dead Petz" gleich 23 Songs dauerhaft umsonst via Soundcloud streamen lässt. Rihanna hat sich bei "Anti" die beiden großen Alleinstellungsmerkmale beider Platten zunutze gemacht: den Überraschungseffekt und die künstlerische Freiheit eines Albums, dessen primäres Ziel erstmal nicht ist, die Fans zum Kauf zu animieren.

Die erste Single von "Anti" ist eine Kooperation mit Rapper Drake: "Work".
Die erste Single von "Anti" ist eine Kooperation mit Rapper Drake: "Work".(Foto: Twitter/Rihanna)

Ein fettes Marketing-Paket ist "Anti" natürlich trotzdem. Die werbelastigen Ankündigungsclips kommen von Samsung, die Vermarktung läuft über Jay Zs Streaming-Dienst Tidal, an dem Rihanna beteiligt ist. Die Welttournee ist bereits angekündigt. "Anti" fühlt sich nicht ganz so unaufgeregt und persönlich an, wie es wirken soll. Ohne Großraumdisko-Abmischung, ohne große Gaststars - mal abgesehen von Kumpel Drake - scheint das neue Album mit experimentellen Sounds bewusst gestrickt für Kritiker und Awards.

Fans, die Rihanna für ihre animierenden Tracks lieben, werden hingegen über "Anti" erschrecken. Die ersten Songs sind für R'n'B-Freunde noch sicher verdaulich, gen Mitte wird es dann schummrig bis bizarr. Wer zwei Nächte durchgetanzt hat und sich nach Genuss eines Narkotika-Cocktails mit Joint in irgendeine Sofaecke verkriechen will, dem liefert "Anti" den perfekten Soundtrack mit Songs zum Pulsader-Aufschlitzen.

In ihrem neuen Minimalismus ist die sonst so exzentrische Rihanna am besten, wenn sie fatalistisch atmosphärisch klingt wie in "Desperado". Da ist sie Cowgirl und das steht ihr. Zwischen den ungewöhnlichen Clubsounds von "Woo", für die offenbar Travis Scott, The-Dream und The Weeknd verantwortlich sind, wirkt Rihanna hingegen ein bisschen verloren.

Lieber schwer verdaulich als belanglos

Dass "Anti" sich etwas fremd anfühlt, lässt sich nicht bestreiten. In düsteren Synthesizer-Sounds ist Rihanna genauso wenig zu Hause wie in der puren Ehrlichkeit von "Never Ending". Wenn sie nach altem Soul klingt, wie bei "Love on the Brain", dann passt das im Kopf schon besser, und bei der finalen Klavierballade "Close To You" ist man beinahe versucht, den Vergleich zu "Unfaithful" von 2006 zu ziehen. Es wäre ein Fehler.

Kein Song auf "Anti" funktioniert wie Rihannas alte Stücke. Manche Songs funktionieren gar nicht, auf andere muss man sich eine Weile einlassen, um sich schließlich von der Stimme überzeugt zu finden. "Anti" soll sperrig sein, ein Kunstwerk, dass lieber anspruchsvoll und schwer verdaulich als schön, aber belanglos sein will. Die alte Rihanna hätte mit großer Dramatik von Herzschmerz gesungen, die neue nimmt die Trauer mit einem Achselzucken hin. Was "Anti" über die Sängerin verrät, ist, dass es ihr eigentlich überhaupt nicht egal ist, dass sie ernst genommen werden will. Das Ergebnis sind ziemlich deprimierende Songs. In dem Sinne ist "Anti" auch noch im Januar endlich wieder eine richtige Rihanna-November-Platte.

"Anti" von Rihanna steht im Tidal Store zum Download bereit.

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Quelle: n-tv.de

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