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Sia will kein Star sein. Dabei ist sie längst schon einer - die Perücke kann sie sich sparen.
Sia will kein Star sein. Dabei ist sie längst schon einer - die Perücke kann sie sich sparen.(Foto: Sony Music)

Popstar ohne Gesicht: Sia ist die bessere Adele

Von Anna Meinecke

Sie zeigt ihr Gesicht nicht, lässt lieber ihre Stimme wirken. Die Sängerin Sia ist schüchterner, als es das Musikgeschäft erlaubt. "This Is Acting" heißt ihr neues Album. Der Titel ist Programm - und das ist trotz all der großartigen Songs auch das Problem.

Ein Star, der das Rampenlicht scheut, ist ungewöhnlich. Einer, der - wenn irgendmöglich - das eigene Gesicht verbirgt, noch mehr. Die Sängerin Sia macht das so und zwar schon eine ganze Weile lang. Die meiste Zeit über arbeitet sie ohnehin hinter den Kulissen des Showgeschäfts als Songschreiberin. Nachdem ihr Album "1000 Forms of Fear" 2014 aber zum absoluten Popknaller avancierte, war eigentlich klar, dass die 40-jährige Australierin sich in naher Zukunft mit neuem Material auf die Bühne wagen würde.

"This is Acting" enthält Songs, die eigentlich Adele oder Rihanna singen sollten.
"This is Acting" enthält Songs, die eigentlich Adele oder Rihanna singen sollten.(Foto: Sony Music)

"This Is Acting" ist Sias siebtes Studioalbum. Der Name ist Programm. Auf der Platte finden sich nämlich vor allem Songs, die Sia einmal einer anderen Interpretin zugedacht hatte. Es braucht nur ein paar Takte von "Move Your Body", da sieht man Shakira vor dem inneren Auge mit den Hüften kreisen. Gekonnt imitiert Sia die kehlige Stimmfärbung der Kolumbianerin. "Footprints" könnte, lässt man mal den denkbar banalen Text außer Acht, auch eine Beyoncé singen. Auch dass die karibischen Beats von "Cheap Thrills" mal Rihanna angeboten wurden, ist alles andere als überraschend. Der Song ist eine Party-Hymne, die man der Sängerin noch bis vor wenigen Tagen, vor ihrer neuen Platte "Anti", noch ohne Hinterfragen hätte zurechnen können.

Weniger Maskerade, mehr Sia

Vielleicht ist das ein bisschen das Problem von "This Is Acting": Sia ist eine großartige Schauspielerin, das perfekte Chamäleon. Man würde aber so gerne wissen, wie sie klingt, wenn sie nicht in eine Rolle schlüpft, welche Musik sie für sich statt für andere schreibt. Auf ihrer neuen Platte ist lediglich "One Million Bullets" ein Indiz, denn das Lied wollte sie niemals loswerden.

In ihrer Gesamtheit fügen sich die neuen Songs nicht zu einem runden Album. Viele wirken, als wären sie auf einer anderen Platte besser eingebunden gewesen, was sie - und das darf hier nicht unter den Tisch fallen - nicht minder großartig macht, was doch aber ein größeres Konzept jenseits der Imitationskunst vermissen lässt.

Dass Sia die Hit-Formel gefressen haben muss, ist bekannt. Sie schrieb Rihannas "Diamonds", sang für David Guetta "Titanium". Nur wünscht man sich von einem Musiker eben manchmal etwas anderes als die ganz großen Kracher. Ein Album kann nicht nur Hit-Singles haben. "Ich singe für die Liebe, ich singe für mich", heißt es in einem der besten Songs der Platte. Man wird das Gefühl nicht los, dass Sia die Fähigkeit, wirklich nur für sich zu schreiben, verloren hat.

Der Bob bleibt ihr Schleier

Klar, Titel, die Sia einmal loswerden wollte, kann sie durchaus fabelhaft ausfüllen. Das gilt vor allem für die beiden ersten und zugleich vielleicht auch besten Tracks der Platte, "Bird Set Free" und "Alive". Beide Songs hätte eigentlich Adele singen sollen - und deren Erfolgsplatte "25" hätte durchaus noch ein paar schmissigere Nummern gebrauchen können. Auf Dauer wird das für die Sängerin Sia nicht reichen.

Sias Stimme ist aufregend, dann wenn sie bricht und auch dann, wenn sie ganz klar ist. "This Is Acting" ist ein Popfeuerwerk der Extraklasse, das Musikvideo zu "Alive" verspricht bereits, an die große Kunst von "Elastic Heart" & Co anzuknüpfen. Sias Bob ist jetzt nicht mehr nur platinblond, sondern schwarz-weiß. Wenn sie ihn trägt, bleibt er Gardine vor ihren Augen. Sia hat schon als viele Personen Erfolge erzielt, vielleicht muss sie aber endlich einmal nur eine einzige sein, um sich nicht als Songschreiberin, sondern als Popstar gerecht zu werden.

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Quelle: n-tv.de

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