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Urteil im "Fliegengitter-Fall": 70.000 Euro für Amazon-Bewertung?

Negative Kundenbewertungen können Händler bei Ebay oder Amazon teuer zu stehen kommen. Ein Kunde soll 70.000 Euro bezahlen, weil er sich öffentlich über einen Satz in einer Montageanleitung geärgert hatte.

Wer Bewertungen schreibt, sollte sich an die Wahrheit halten. Aber die ist bekanntlich subjektiv.
Wer Bewertungen schreibt, sollte sich an die Wahrheit halten. Aber die ist bekanntlich subjektiv.(Foto: imago stock&people)

Abwertende Kundenurteile sind der Albtraum jedes Online-Händlers. Wenn ein Produkt schlecht bewertet wird, gehen die Kunden eben zur Konkurrenz. Kein Wunder, dass Verkäufer bisweilen empfindlich auf Kritik reagieren. Ein Amazon-Händler ist nun vor Gericht mit der Klage gegen einen Kunden gescheitert. Er wollte 70.000 Euro Schadensersatz erstreiten (AZ: 021 O 4589/13).

Anlass des Streits war ein Fliegengitter im Wert von gerade mal 22 Euro, oder besser: dessen Montageanleitung. Der Kunde hatte das Gitter für 22 Euro bei Amazon erworben. Der Versuch, es fachgerecht anzubringen, scheiterte aber und nach ein paar Fehlversuchen war das Fliegengitter auch nicht mehr zu gebrauchen. Der Mann war der Ansicht, die Montageanleitung sei falsch gewesen und beschwerte sich zunächst telefonisch beim Händler. Nachdem ihn die Reklamation nicht weiterbrachte, machte er seinem Unmut via Amazon Luft: "Die Ware selbst macht guten Stabilen Eindruck. Der Verkäufer nie wieder", so sein Fazit.

Jetzt schrillten beim Verkäufer die Alarmglocken. Er forderte den Käufer auf, den Text wieder zu löschen oder wenigstens zu ändern. Doch der Kunde dachte gar nicht daran, obwohl ihm der Händler mit einer Anzeige drohte. Stattdessen beschwerte sich der Mann bei Amazon über den Verkäufer.

Amazon fackelte nicht lange und sperrte das Konto des Verkäufers. Der machte daraufhin Ernst und verklagte den Kunden. Die Bewertung sei eine rechtswidrige falsche Tatsachenbehauptung und habe ihm fünfstellige Umsatzeinbußen beschert. Deshalb solle der Kunde 40.000 Euro Schadensersatz für die bisher aufgelaufenen Kosten zahlen und außerdem für die künftigen Schäden haften. Insgesamt summierte sich die Forderung auf 70.000 Euro.

Händler brachte keine Beweise

Es kam zunächst zur Vergleichsverhandlung, in der sich der Unternehmer mit 30.000 Euro zufrieden erklärte. Doch der Kunde wollte es lieber auf einen Prozess ankommen lassen – und den hat er jetzt auch gewonnen. Der Verkäufer hätte die vermeintlich falsche Tatsachenbehauptung nicht beweisen könne, so das Gericht. Grundsätzlich müsse zwar derjenige, der eine Behauptung aufstellt, deren Richtigkeit belegen. Hier behaupte aber der Händler, die Bewertung sei inhaltlich falsch und verlange auf dieser Grundlage Schadensersatz.

"Im Ergebnis stärkt das Urteil das Recht auf freie Meinungsäußerung und bestätigt, dass Verbraucher, die kritische Bewertungen schreiben, nicht ohne weiteres mit Schadensersatzansprüchen rechnen müssen", so Käufer-Anwalt Alexander Meyer. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht, denn der Händler kann jetzt vor dem Oberlandesgericht Berufung einlegen. Kann der Händler dann nachweisen, dass die Anleitung unmissverständlich ist, könnte der Fall noch anders ausgehen.

"Ob das Urteil Klarheit dazu bringt, unter welchen Voraussetzungen […] Schadensersatzansprüche überhaupt denkbar sind, kann erst nach Vorliegen der schriftlichen Begründung beurteilt werden", sagt Meyer. Ein Freibrief für Pöbeleien oder gar Rufmord ist das Urteil aber auf keinen Fall. Denn grundsätzlich müssen Bewertungen im Netz der Wahrheit entsprechen. Bei Beleidigungen, Schmähkritiken oder ersichtlichen Lügen kann sich der Betroffene auf seine Persönlichkeitsrechte berufen.

Quelle: n-tv.de

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