Ratgeber

Riester-Rente: Die Fassade bröckelt

von Alexander Klement

1,5 Millionen Sparer müssen Riester-Zulagen zurückzahlen, Geringverdiener zahlen ein und bekommen nichts raus, Rendite-Produkte werfen nicht zwangsläufig Erträge ab und jetzt kommt auch noch die Angst vor Inflation ins Spiel. Die staatlich geförderte Altersvorsorge lohnt sich nicht für jeden.

Mit der Riester-Rente fördert der Staat in erster Linie die Versicherungs- und Finanzbranche, sagen Kritiker.
Mit der Riester-Rente fördert der Staat in erster Linie die Versicherungs- und Finanzbranche, sagen Kritiker.(Foto: wilhei, pixelio.de)

"Die Renten sind sicher" verkündete einst der Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. Damals war Helmut Kohl noch Bundeskanzler und wenn jemand privat vorsorgte, dann meist über eine Betriebsrente oder eine private Renten- oder Lebensversicherung. Zu seinem vielfach zitierten Satz steht Blüm im Grundsatz noch heute – nur Geschenke gebe es nicht zu verteilen.

Fast jedem ist inzwischen klar, dass die umlagefinanzierte staatliche Rente im Alter nicht ausreichen wird, um den heutigen Lebensstandard zu halten. Wer 40 Jahre lang durchschnittlich verdient, erhält eine Bruttorente von rund 1100 Euro. Davon müssen noch Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge gezahlt werden.

Bundesarbeitsminister war auch Walter Riester. Er ist Namensgeber der Riester-Rente. Die Riester-Rente ist ein Versuch, die staatliche Rente durch ein privates Vorsorgeprodukt zu ergänzen. Um es attraktiver zu machen, unterstützt der Staat Riester-Sparer mit Zuschüssen. Wenn es etwas umsonst gibt, sind viele zur Stelle. 14 Millionen Riester-Sparer bekommen die jährlichen die Zulagen allerdings nicht geschenkt. Sie müssen dafür zum geförderten Personenkreis gehören, der überwiegend aus Arbeitnehmern besteht. Außerdem müssen sie selbst Beiträge einzahlen, deren Höhe vom Einkommen abhängt.

Staat zieht gezahlte Zulagen wieder ein

In der Vergangenheit wurde offensichtlich aber nicht immer geprüft, ob die Person, die einen Riester-Vertrag abgeschlossen hat, überhaupt die Voraussetzung für den Erhalt der staatlichen Zulagen erfüllt. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks fordert der Staat jetzt bei 1,5 Millionen Riester-Sparern bereits gezahlte Zulagen zurück. Unterm Strich soll eine halbe Milliarde Euro zu viel ausgezahlt worden sein. Aufgefallen ist dies einer Sprecherin des Bundesfinanzministeriums zufolge erst, seit die Zulagenstellen vollständig mit den Meldebehörden, der Rentenversicherung, den Familienkassen und den Finanzämtern vernetzt seien.

Die Behörden gehen hier offenbar streng nach dem Motto "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht" vor. Dem Fernsehbericht zufolge versuchen nur Wenige mit falschen Angaben an die Riester-Zulagen zu kommen. Die meisten kommen bestimmten Verpflichtungen aus Unwissenheit nicht nach. Anleger vergessen, die Geburt eines Kindes zu melden oder nach einem Umzug wird die neue Kindergeldnummer nicht übermittelt. In solchen Fällen buchen die Prüfer die staatlichen Zuschüsse einfach zurück.

Eigentlich ist die Riester-Rente auch als zusätzliches Standbein im Alter für Menschen mit geringem Einkommen gedacht, denn auch sie können die Höchstzulage vom Staat erhalten. Die Problematik liegt hier allerdings im Detail. Wer beispielsweise mit einem Bruttojahresverdienst in Höhe von 15.600 Euro auskommen muss, was immerhin einem Stundenlohn von etwa 7,50 Euro entspricht, erhält nach 47 Berufsjahren nicht mehr aus staatlicher Rente und Riester-Vertrag, als wenn er sich auf die staatliche Grundsicherung im Alter verlässt. Es ist also kaum jemandem vorzuwerfen, wenn er im Niedriglohnsektor nicht riestert.

Top-Rente ohne Top-Rendite

Doch auch Bezieher durchschnittlicher Einkommen sollten mal einen Blick riskieren, wie sich ihr Riester-Vertrag entwickelt. Patrick W. hat seinen Riester-Vertrag im November 2005 abgeschlossen. Weil er noch viele Berufsjahre vor sich hat, entschied er sich für einen Fondssparplan, weil dieser unterm Strich eine höhere Rendite abwerfen sollte, als eine Versicherungspolice. Mit zu den bekanntesten und am häufigsten empfohlen Produkten zählt damals wie heute die DWS Toprente Dynamic. Auch die Stiftung Warentest zeichnet dieses Produkt immer wieder aus.

Heute sitzt Walter Riester im Aufsichtsrat von Union Investment. Dort dürfte er auch von der Riester-Rente profitieren.
Heute sitzt Walter Riester im Aufsichtsrat von Union Investment. Dort dürfte er auch von der Riester-Rente profitieren.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der DWS-Aktenordner von Patrick W. ist nach nur fünfeinhalb Jahren schon halb voll. In der Zeit wurde umstrukturiert, umgeschichtet und emsig Papier produziert. Die Jahresmitteilungen gehen da in der Papierflut fast unter. Die auf Aktien ausgelegte Anlage müsste sich eigentlich glänzend entwickelt haben, die Kosten sind mit drei bis fünf Prozent Ausgabeaufschlag und einer jährlichen Depotgebühr überschaubar, der Deutsche Aktienindex hat seit Anfang Oktober 2005 von 5000 Punkten bis Ende 2010 auf fast 7000 Punkte zugelegt – ein Plus von 40 Prozent. Die Zahlen im Jahresauszug per 31.12.2010 sprechen allerdings eine andere Sprache: Der Gegenwert der Gesamtanlage fällt niedriger aus als der Garantiebetrag. Bei allen riesterzertifizierten Anlageprodukten muss garantiert sein, dass bei Rentenbeginn mindestens die eingezahlten Beträge und erhaltenen Zulagen zur Verrentung zur Verfügung stehen. Die DWS Toprente Dynamik hat im Beispielfall dies nicht mal bei positiver Börsenentwicklung geschafft und unterm Strich sogar eine Negativrendite erwirtschaftet.

Inflation vernichtet Sicherheit

Die meisten Riester-Renten-Sparer setzen auf eine klassische Rentenversicherung. Schon beim Abschluss ist klar, wie hoch die garantierte Rente ausfällt - allerdings nur, wenn man die monatlichen Beiträge unabhängig von der Lebenssituation durchgehend zahlt. Darüber hinaus hoffen Viele, dass der Versicherer die Rentenzahlung noch mit einer Überschussbeteiligung aufbessert. Wie hoch diese ausfällt, hängt entscheidend von niedrigen Verwaltungskosten und einer starken Finanzkraft des Versicherers ab. Die Stiftung Warentest hat zuletzt im Herbst des vergangenen Jahres die Versicherer auf den Prüfstand gestellt. Die Riester-Renten der Alten Leipziger, Debeka und HanseMerkur schnitten dabei am besten ab.

Inzwischen rückt auch ein weiteres Phänomen in den Fokus der Anleger: die Inflation. Was nützt es, wenn man heute weiß, dass man in 30 Jahren aus der Riester-Renten-Versicherung 200 Euro monatlich erhält, wenn man nicht weiß, was man sich in 30 Jahren für 200 Euro noch kaufen kann? Herzlich wenig.

Wer ohnehin den Kauf oder Bau einer selbstbewohnten Immobilie plant, kann bei Inflationsängsten vom jüngsten Pferd im Riester-Renten-Stall profitieren. Wohn-Riestern heißt das Zauberwort, das vor allem die Bausparkassen vorantreiben. Hier werden die Beiträge und Zulagen direkt in einen kombinierten Bauspar- und Kreditvertrag gesteckt. Das Ziel: im Alter mietfrei wohnen. Die Rendite hat man da selbst in der Hand. Wer sich eine Immobilie in einer strukturstarken Region mit Potenzial sucht, kann unterm Strich profitieren.

 

Quelle: n-tv.de

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