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Die Angst um das Ersparte geht um. Doch Sparer können sich vor Wertverlusten schützen.
Die Angst um das Ersparte geht um. Doch Sparer können sich vor Wertverlusten schützen.(Foto: picture alliance / dpa)

Warum Sparer bangen müssen: Die Inflation kommt! Wirklich?

Angst geht um. Die Angst um das Ersparte. Die Deutschen setzen bei der Geldanlage seit jeher auf vermeintliche Sicherheit. Gefragt sind vor allem Sparbücher, Lebensversicherungen, Festgelder, Tagesgeld und Schatzbriefe. Doch genau diese Form des Vermögensaufbaus könnte zum Fiasko werden, meint der Finanzexperte, Buchautor und Fondsmanager Stefan Riße.

n-tv.de: Die Deutschen machen sich Sorgen um ihr Erspartes. Zu Recht?

Stefan Riße: Ja, und die Sorge muss sich nicht nur auf die Zukunft beziehen, sondern ist ganz akut und aktuell. Selbst wer sein Geld heute 10 Jahre sicher irgendwo anlegt, bekommt mittlerweile weniger Verzinsung als die Inflation. Noch ist die Lücke nicht groß, also das, was man an Geld real verliert. Aber auch ein Prozent ist eben schon ein Verlust und das summiert sich über die Jahre. Ich glaube, dass dieser sogenannte negative Realzins, der sich ergibt, wenn man von den Zinsen die Inflation abzieht, noch größer wird, sprich, man noch mehr verlieren wird. Die Fokussierung der Deutschen auf die Kapitalsicherheit ist eine nur scheinbare Sicherheit, denn es geht nur um eine nominale Kapitalsicherheit. Die reale Kapitalsicherheit ist in den nächsten Jahren in hohem Maße gefährdet. Inflation ist der wahrscheinlich der beste Weg, um von den Schuldenbergen herunterzukommen. Die Politik sieht das genauso, denn bei einer Inflation werden Schulden entwertet.

Glauben Sie an eine Hyperinflation?

Nein, die sehe ich nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass die großen Inflationen - also die Hyperinflation der Weimarer Republik oder die verdeckte nach dem Zweiten Weltkrieg - nach zwei verlorenen Kriegen entstanden sind. Ich sehe eine Inflation, wie es sie in den USA in den 40er und 50er Jahren oder auch in den 70er Jahren gegeben hat. Hier hat man sich relativ einfach und komfortabel von der Verschuldung mit Hilfe der Inflation gelöst. Die Schuldenberge werden prozentual im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt kleiner werden. Das ist das, was wir vor uns haben. Die Zeche zahlt der Sparer.

Stefan Riße ist Buchautor, Finanzexperte und Fondsmanager.
Stefan Riße ist Buchautor, Finanzexperte und Fondsmanager.

In den vergangenen Jahrzehnten war es doch aber so, dass bei steigender Inflation auch die Löhne und die Verzinsungen für Sparguthaben gestiegen sind. Diesmal nicht?

Lohnsteigerungen sehe ich durchaus - auch von der Politik gewollt. Wolfgang Schäuble hat das offen gesagt. Das ist die Logik, die aus der Eurokrise entsteht. Die anderen Länder sind nicht mehr wettbewerbsfähig, wir in Deutschland sind zu billig im Vergleich zu Spanien, zu Italien und anderen Ländern. Unsere Lohnarbeit muss teurer werden, so dass die anderen Länder an Wettbewerbsfähigkeit wieder aufholen. Was ich nicht sehe, sind steigende Zinsen, denn die kurzfristigen Zinsen setzt die Notenbank fest. In Großbritannien waren schon in den letzten Jahren Inflationsraten von zum Teil über fünf Prozent zu beobachten, trotzdem blieb der Leitzins bei 0,5 Prozent. Bei langfristigen Anleihen glaube ich auch nicht an eine Zinssteigerung. Hier wird der Preis zwar durch den Markt bestimmt und man könnte denken, dass alle Sparer ihre Anleihen rausschmeißen, wenn Sie sehen, dass die Inflation ihnen das Geld wegfrisst, doch daran glaube ich nicht. Es ist jetzt schon zu sehen, dass gewisse Anlegerklassen wie große institutionelle Anleger, wie beispielsweise Versicherungen, die mündelsicher anlegen müssen, einjährige Staatspapiere kaufen und dafür Parkgebühren bezahlen. Das bedeutet, dass sie dafür nicht einmal mehr eine Verzinsung erhalten. Diese werden auch weiterhin Staatsanleihen kaufen, weil sie in nichts anderes investieren dürfen. Und sollte trotzdem Druck auf die Staatsanleihen ausgeübt werden, was dann im Umkehrschluss steigende Zinsen bedeuten würde, dann – da bin ich mir sicher – würden die Notenbanken das weiter tun und noch intensiver tun, was sie ohnehin schon machen, nämlich Staatsanleihen aufkaufen, so dass sich der Zins dort nicht nach oben entwickelt, sondern entsprechend auf tiefem Niveau bleibt. Man wird am kurzen wie am langen Ende dafür sorgen, dass die Zinsen tief bleiben und uns damit diese negative Realverzinsung eine Zeit lang begleitet, um die Entschuldung leicht zu machen.

Wann ist denn mit ihr zu rechnen und mit wie viel Prozent rechnen Sie?

Ich sehe Inflationsraten, die in Europa durchaus fünf Prozent erreichen, in den USA und Großbritannien aber in Richtung 10 Prozent gehen könnten. Das "Wann" ist das Allerschwerste an der Prognose. Wir haben mittlerweile bereits 25 Jahre hinter uns, wo die Geldmenge und die Verschuldung überdimensional gestiegen sind. Wir hatten eigentlich keine Verbraucherpreisinflation, sondern immer nur eine Teuerungsrate im Rahmen dessen, was die Notenbanken als zielführend und wirtschaftsunterstützend ansahen, irgendetwas um 2 Prozent. Nach gängiger Wirtschaftstheorie hätten wir schon lange eine nennenswerte Inflation bekommen müssen, diese haben wir aber durch gewisse Sondereffekte nicht gehabt. In meinem Buch "Die Inflation kommt", das 2009 erschienen ist, gehe ich von einem Beginn der Inflation ab etwa 2014 aus. Sollte diese 2 bis 3 Jahre verspätet einsetzen, sehe ich mich dennoch in meiner Prognose nicht widerlegt.

Wie lange wird diese inflationäre Entschuldung anhalten?

Ich gehe davon aus, dass zehn Jahre Inflation benötigt werden, um von der Altverschuldung herunterzukommen.

Wird der Euro überleben?

Ich bin mir nicht sicher, ob der Euro überlebt – wenn er überlebt, dann auch nur, weil wir die erwähnte Inflation zulassen, die in Deutschland höher sein muss als in anderen Ländern, damit diese ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen, aber auch ihre Schulden loswerden können. Also auch hier ist die Inflation das einzige Mittel, die Euro-Zone zu erhalten. Es gibt mittlerweile Fortschritte in den Peripherie-Ländern der Eurozone, die erstaunlich sind. Die Leistungsbilanzdefizite sinken und das nicht nur wegen sinkender Importe, sondern auch wegen steigender Exporte. Die Länder kommen jetzt langsam wieder auf die Beine, ich würde sagen, ein Drittel des Weges haben sie geschafft, aber harte zwei Drittel liegen noch vor ihnen. Wenn sie das schaffen, dann wird Europa aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Allerdings dürfen wir diese Länder mit den Sparmaßnahmen nicht überfordern, um nicht Gefahr zu laufen, dass es der Bevölkerung zu schlecht geht. Denn das hätte möglicherweise zur Folge, dass populistische Parteien, die sich radikal gegen den Sparkurs aussprechen, gewählt würden. Das genau ist in der Weimarer Republik das Problem gewesen. Als dort die Inflation abgewürgt wurde, gab es eine brutale Sparpolitik, die zu fürchterlicher Arbeitslosigkeit geführt hat und damit ins Dritte Reich. Insofern müssten wir Deutschen uns eigentlich vor Deflation viel mehr fürchten als vor Inflation.

Die Gefahr einer Deflation sehen Sie nicht?

Definitiv nicht. Die Politik will eine Deflation, sprich eine Rezession mit fallenden Preisen, unbedingt verhindern, was die Folge davon wäre, wenn überall gespart würde. Die USA haben als großes Trauma die 30er Jahre, die schwere Depression. Deswegen wird es in Wellenbewegungen irgendwann zu einer stärkeren Inflation kommen.

Das heißt, man sollte in Sachwerte investieren?

Ganz eindeutig. Geldwerte sind eine Katastrophe und werden zu einem realen Kapitalverlust führen. Man braucht Sachwerte. Das sind neben Rohstoffen und Immobilien vor allem Aktien. Hier wird es an den Märkten unter größeren Schwankungen stark aufwärts gehen. Der Deutsche denkt allerdings zuerst an Betongold, sprich Immobilien. Da bin ich auch nicht dagegen. Insbesondere die selbst bewohnte Immobilie ist natürlich gut. Sie schützt vor steigenden Mieten. Aber bitte nicht blind Immobilien kaufen. Wir sind eine schrumpfende Bevölkerung und in vielen Bereichen wird Wohnraum günstiger und nicht teurer. In den Ballungsgebieten mit guten Lagen kommt es mittlerweile durch überhöhte Preise zu schlechten Mietrenditen.

Ist der Immobilienbesitzer, der ein Hypothekendarlehen zu bedienen hat, dann fein raus, da sich seine Schulden durch die Inflation fast von selbst tilgen?

Das kann man so sagen. Die Zinsen sind ja historisch günstig. Kaufen ist diesbezüglich sehr spannend, da mittlerweile ja selbst bei einer Vollfinanzierung weniger Zinsen gezahlt werden müssen, als Miete gezahlt werden müsste. Allerdings muss die Inflationsprognose auch zutreffen. Wenn sie zutrifft, ist das ein tolles Geschäft. Aber man muss immer wissen, dass, wenn man sich verschuldet und die Politik irgendwann vom Gas geht und es doch eher deflationäre Tendenzen gibt, dann funktioniert das natürlich nicht. Allerdings bin ich mir hier ziemlich sicher, dass meine Prognose eintrifft. Aber wer sich verschuldet, der geht immer Risiken ein.

Befürchten Sie Ausgleichszahlungen wie etwa Geldentwertungsausgleich oder Lastenausgleich für diejenigen, die mit ihrer Hypothek einen Schnitt gemacht haben?

Das glaube ich persönlich nicht. Die Hauptrepressalie wird Inflation sein. Man wird sich bemühen, Vertrauen in das Wirtschafts- und Steuersystem nicht extrem zu erschüttern. Allerdings denke ich schon, auch in Abhängigkeit der jeweiligen Regierung, dass es auf eine stärkere Besteuerung von Vermögen hinauslaufen wird. Da könnte auch die Grundsteuer noch einmal angehoben werden.

Und Gold?

Ich bin seit vielen Jahren ein Verfechter für Goldanlagen und dabei bleibe ich auch. Der Zyklus dieser Aufwärtsentwicklung ist noch nicht zu Ende. Was wir bisher gesehen haben, ist hier das Vorspiel. Aber bitte nicht alles in Gold anlegen, es wird nicht verzinst und es gibt eigentlich gar keinen Wertmaßstab, außer das, was gerade Anleger dafür bezahlen. Aber einen Teil des Geldes in Gold anzulegen halte ich nicht für falsch. In Zeiten der unbegrenzten Papiergeldvermehrung ist Gold die alte ewige Währung, die sich nicht unendlich vermehren lässt.

Wo sehen Sie den Goldpreis in den nächsten Jahren?

Der Goldpreis kann noch viel, viel stärker steigen. Ich kann hier keine genaue Prognose abgeben, aber 5000 oder 10.000 Dollar pro Feinunze würden mich nicht wundern, wenn die Inflation so wie von mir erwartet kommt. Das Aufholpotenzial im Verhältnis zu Aktien im Dow Jones ist groß. Demnach müsste Gold sogar auf über 12.000 Dollar steigen.

Was passiert mit Lebens- und Rentenversicherungen, Sparbüchern, Fest- und Tagesgeldern?

Hier wird Vermögen vernichtet. Durch eine Inflation verflüchtigen sich nicht nur Schulden, sondern auch die Sparguthaben. Bei einer angenommenen Inflation von fünf Prozent würde der Realzins (Zinsen minus Inflation) bei derzeit anderthalb Prozent Zinsen bei negativen dreieinhalb Prozent liegen. Dazu kommt noch die Abgeltungssteuer. Damit verlieren Sparer über 10 Jahre mit Zinseszinseffekt real über 40 Prozent ihres Geldes.

Wie würden Sie heute 50.000 Euro investieren?

20 Prozent in Gold, 20 Prozent in Cash und den Rest in werthaltige Aktien.

Sparer müssen also zu Anlegern werden?

Ja. Das Credo, das ich für die Leute habe, ist, dass es keinen risikolosen Zins mehr gibt. Es gibt nur noch zinsloses Risiko. Wer in den nächsten Jahren sein Kapital erhalten oder vermehren will, der wird gewisse Risiken eingehen müssen.

Mit Stefan Riße sprach Axel Witte

Quelle: n-tv.de

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