Ratgeber

Wehe, wenn es brennt: Gefahr durch Wärmedämmung

Polystyrol ist das am weitesten verbreitete Dämmmaterial. Es gilt als schwer entflammbar. Doch wenn es einmal brennt, dann greift das Feuer schnell auf die gesamte Fassade über. Ein Versuchsaufbau zeigt, wie drastisch die Folgen sein können. Und wie wichtig strenge Brandvorschriften sind.

Die Häuser in Delmenhorst waren durch brennende Müllcontainer in Flammen geraten. (Bild vom 11. Juni 2011)
Die Häuser in Delmenhorst waren durch brennende Müllcontainer in Flammen geraten. (Bild vom 11. Juni 2011)(Foto: picture alliance / dpa)

Es isoliert gut, ist vergleichsweise preiswert und leicht zu verarbeiten: Polystyrol, besser bekannt unter dem Namen Styropor. Der größte Abnehmer ist die Bauindustrie, die den Kunststoff als praktisches Dämmmaterial schätzt. Gefördert von Bund und Ländern werden Alt- und Neubauten im ganzen Land in mit dicke Platten verpackt, um den Wärmeverlust zu verringern.

Was vielen Hausbesitzern und Bewohnern nicht klar sein dürfte: Die Schutzschicht kann bei einem Feuer möglicherweise zum Brandbeschleuniger werden. Zwar werden Polystyrol-Platten in der Brandstoffklasse B1 geführt und gelten somit als schwer entflammbar. Dafür werden sie auch mit entsprechenden Chemikalien behandelt. Brennen können sie aber dennoch, wie ein Versuch zeigt, den der NDR für seine Dokumentation "45 Min: Wahnsinn Wärmedämmung" durchführen ließ.

Realitätsnahe Prüfung

Dafür baute ein Fachbetrieb in der Materialprüfanstalt Braunschweig das Wärmedämmverbundsystem eines Markenherstellers auf. Zwanzig Minuten hätte es der Einwirkung heftig lodernder Flammen standhalten müssen. Es überstand nicht einmal die Hälfte der Zeit. Schon nach acht Minuten geriet der Versuch außer Kontrolle, die Fassade stand in Flammen und die Feuerwehr musste sofort löschen.

Ein beängstigendes Ergebnis, das nicht hätte eintreten dürfen. Schließlich muss jedes System im Brandversuch bestehen, bevor es auf Markt kommt. Bezahlt werden solche Prüfungen allerdings von den Herstellern. Die NDR-Autoren hegen deshalb Zweifel an  der Aussagekraft solcher Tests. Eine Erklärung könnte sein, dass die Hersteller stets von optimalen Bedingungen ausgehen, die in der Realität so kaum zu finden sind.

Im Versuchsaufbau des NDR wurde eine typische Brandsituation simuliert: Bei einem Wohnungsbrand in einem Mehrfamilienhaus schlagen Flammen aus einem Fenster die Fassade hoch. Brandsperren aus nicht brennbarer Mineralfaser über den Fenstern könnten ein Übergreifen verhindern. Bei Häusern über sieben Metern sind sie vorgeschrieben, wenn die Polystyrol-Dämmung mindestens zehn Zentimeter dick ist. Doch das Verfahren ist aufwendig, gerade bei Fassaden mit vielen Fenstern. Deshalb wird meist auf eine alternative Sicherungsmaßnahme zurückgegriffen, die ebenfalls zulässig ist: Ein umlaufender Brandriegel in jedem zweiten Stockwerk.

Brennende Tropfen

Brennt es in einem Zwischengeschoss, hilft der Riegel allerdings wenig, wie der NDR-Versuch zeigt. Nach wenigen Minuten griffen die Flammen auf die Fassade über. Brennendes Polysterol tropfte auf den Boden, beißender Rauch erfüllte die Halle.  Im Ernstfall wären die giftigen Gase in die anderen Wohnungen eingedrungen. Die lodernden Flammen an der Fassade hätten auf den Dachstuhl übergreifen können.

Ähnliche Szenarien hat es tatsächlich schon gegeben: So brannten im Juni dieses Jahres fünf Mehrfamilienhäuser in einer Wohnanlage im niedersächsischen Delmenhorst. Das Feuer verbreitete sich rasend schnell, berichten Augenzeugen. Die Häuser waren mit Polystyrol gedämmt und nicht einmal durch einen Brandriegel gesichert. Sofern die Dämmung dünner als 100 Millimeter war, hat die Baufirma nicht einmal vorschriftswidrig gehandelt.

Quelle: n-tv.de

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