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Wie gewonnen, so zerronnen : Gierige Anleger verlieren an der Börse

Aktien gelten hierzulande als riskant. Das können sie in der Tat auch sein. Denn wer auf der Jagd nach Kursgewinnen zu gierig wird, macht schnell Fehler und verliert am Ende Geld. Doch wer besonnen bleibt, kann mit Aktien auch solide Gewinne machen. Ein Erfahrungsbericht.

Ein typischer Anlegerfehler liegt in der Unterschätzung der eigenen Emotionalität
Ein typischer Anlegerfehler liegt in der Unterschätzung der eigenen Emotionalität(Foto: dpa)

Die Nachricht meiner Bank erschreckt mich: "Bestandsveränderung" lautet der nüchterne Titel des Dokuments. Das Geldinstitut teilt mir darin pflichtgemäß mit, dass meine 441 Aktien einer australischen Firma ausgebucht wurden. Keine Überraschung eigentlich, denn der Schritt war lange angekündigt.

Auf einer der vorangegangenen Hauptversammlungen war ein sogenannter Reverse Split im Verhältnis 80:1 beschlossen worden. Das heißt: Die Anzahl der im Umlauf befindlichen Aktien der Firma wird reduziert. Für mich bedeutet das: Statt 441 Stück habe ich jetzt noch 5,5125 Stück im Depot. Und da keine halben Aktien gehandelt werden, bleiben am Ende 5 Aktien übrig - von ursprünglich einmal 100.000 Stück, denn dieser Reverse Split war nicht der erste. Das sitzt.

Ein Rückblick: Es ist 2004. In Deutschland regiert noch Rot-Grün. Weltweit läuft es an den Börsen gut. Die Energiewende hat den erneuerbaren Energien einen Schub gegeben, entsprechende Aktien sind gefragt. Die Kurse von Solarworld, Conergy, Solon, Q-Cells - um nur einige der damaligen deutschen Hoffnungsträger zu nennen - eilen von einem Rekord zum nächsten. Der Absturz des Neuen Marktes scheint in den Köpfen der Anleger verarbeitet zu sein.

Gefahr bei "Milchmädchenhausse"

Doch solche guten Börsenzeiten können auch gefährlich sein: "Viele Anleger steigen zu spät in den Markt ein und dann zu früh wieder aus", hat Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf beobachtet. "Gekauft wird dann, wenn wirklich alle davon reden, dass man nun aber unbedingt Aktien haben sollte." Experten wie Kurz werden in solchen Phasen eher hellhörig. "Oft ist das ein Zeichen für einen kurz bevorstehenden Kurseinbruch", sagt der Experte. "Deswegen bezeichnet man solche Entwicklungen häufig etwas despektierlich auch als "Milchmädchenhausse"".

Auch ich werde in gewisser Weise Opfer einer solchen "Milchmädchenhausse". Ich kann mich der Euphorie dieser Zeit nicht entziehen. Nachdem ich meine ersten positiven Börsenerfahrungen mit Aktien eines Solarunternehmens gemacht habe, sind solche Papiere in meinem Depot ein fester Bestandteil. Zugegeben, die Summen, mit denen ich mich an die Börse wage, sind vergleichsweise klein, aber die anfänglichen Erfolge können sich sehen lassen. Aus den 5 D-Mark, die ich am Anfang für eine Aktie der Firma an der Berliner Börse bezahlt habe, werden innerhalb kurzer Zeit 15 D-Mark. Das beflügelt.

"Wenn es gut geht, spüren wir Euphorie", erläutert die Finanzpsychologin Monika Müller aus Wiesbaden den Effekt. Auch Skeptiker werden durch positive Erfahrungen zu Überzeugungstätern. "Wenn ich die Aktien bewusst gekauft habe, dann denke ich bei Erfolgen sofort: "Ich kann es!"", erklärt Müller. Die Kursgewinne aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn. Doch darin steckt auch eine Gefahr: "Anleger überschätzen sich dann oft selbst."

Wo sind die Wachstumsaussichten gut?

Das bekomme auch ich zu spüren. Die australische Firma, in die ich damals einen Teil meines Geldes investiert habe, erscheint am Anfang wie gemacht für mein Depot. Die Firma ist in ihrem Markt einer der größeren Anbieter. Auch in Down Under wollen Politiker in dieser Zeit weg von fossilen Energieträgern, die Wachstumsaussichten sind also gut. Und nicht nur das: Die Firma kooperiert mit einem der deutschen Solarhersteller und hat zudem eine Speicherlösung für Solarstrom im Angebot. Künftiges Wachstum scheint in der Zeit nach 2004 garantiert.

"Wachstumswerte sind ein gutes Investment", sagt Benjamin Betz von der Bayerischen Vermögen AG in Trostberg. Allerdings weiß der Vermögensberater auch: "Gute Titel zu finden gehört zur Königsdisziplin bei den Investments." Denn Anleger müssen erkennen können, wo die Wachstumsaussichten gut sind und welche Unternehmen dabei besonders gut aufgestellt sind. Das ist selbst für manche Profis nicht immer einfach. Außerdem: "Kleinere Unternehmen unterliegen an der Börse größeren Schwankungen."

Auch diese Erfahrung muss ich machen. Die Aktien meines Hoffnungsträgers sind von Anfang an Pennystocks. Das heißt: Der Preis für eine Aktie liegt unter einem Euro. Zwar gelten solche Wertpapiere als besonders risikoreich, weil der Kurs hier oft noch mehr schwankt. Ich aber glaube an den künftigen Erfolg und kaufe immer wieder nach. Auch als der Preis von etwa 0,22 Cent auf bis zu 0,02 Cent gefallen ist, greife ich noch zu. Dass ich bei diesem Investment längst verloren habe, erkenne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

"Ein typischer Anlegerfehler liegt in der Unterschätzung der eigenen Emotionalität", sagt Rainer Laborenz von der Privatinvestor Vermögensmanagement GmbH in Offenburg. Unerfahrene Anleger trifft dies gleich mehrfach: Sie investieren zum einen häufig in bekannte Märkte oder Unternehmen, einfach weil sie dort zu Hause sind, sich auskennen oder möglicherweise täglich mit den Produkten einer Aktiengesellschaft zu tun haben. Doch damit investieren sie zu einseitig und verteilen das Risiko nicht gut.

Zum anderen entwickeln Anleger aber oft auch eine zu emotionale Bindung zu einem Investment. Rationale Entscheidungen über einen Verkauf können dann kaum noch getroffen werden. Die Folge: Oft halten Anleger Aktien zu lange, kaufen bei fallenden Kursen nach und ignorieren möglicherweise auch Warnzeichen. Allerdings: "Eine gewisse Bindung zu seinen Anlagen zu haben, ist wichtig", findet Vermögensberater Betz. "Denn das hilft einem, auch schwächere Phasen an den Börsen durchzustehen."

In meinem Fall allerdings kann ich nicht loslassen, und das Wachstum will sich nicht einstellen. Im Gegenteil: Die Einspeisevergütung wird gekürzt, die Gewinne der Solarhersteller schrumpfen. Zusätzlich wird der internationale Wettbewerb aggressiv, erste Unternehmen geraten in Schieflage. Ich erkenne diese Zeichen aber nicht, hoffe naiv auf den Turnaround. Doch der stellt sich nicht ein. Bis heute.

An der Börse bin ich aber nach wie vor aktiv. Warum? Dieses Investment war ein extremer Einzelfall. Mit den meisten anderen Wertpapieren habe ich durchaus positive Erfahrungen gemacht. Mehr als ein Prozent Rendite konnte ich jedenfalls in den meisten Fällen erwirtschaften. Fehler passieren am Anfang manchmal auch den Profis. Die fünf Aktien der australischen Firma behalte ich. Damit ich meine Fehler nicht vergesse. 

Quelle: n-tv.de

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