Ratgeber

Neuregelung der Lebensversicherung: Kommt bald noch weniger raus?

Von Isabell Noé

Über 30 Milliarden Euro verbuchten die Lebens- und Rentenversicherer im Jahr 2010 als "stille Reserven". Bislang haben die Kunden einen Anspruch darauf, daran beteiligt zu werden, wenn ihr Vertrag ausläuft. Ab dem 21. Dezember ist damit Schluss - wenn sich die Bundesregierung nicht noch umentscheidet. Sicher ist nur eins: Die Überschussbeteiligungen sinken.

Nicht  nur die Beteiligung an den Buchungsreserven fällt niedriger aus. Auch die Überschussbeteiligungen werden vielerorts zusammengestrichen.
Nicht nur die Beteiligung an den Buchungsreserven fällt niedriger aus. Auch die Überschussbeteiligungen werden vielerorts zusammengestrichen.(Foto: Claudia Hautumm, pixelio.de)

In der Nacht auf den 9. November hat der Bundestag eine Neuregelung des Versicherungsvertragsgesetzes beschlossen, die für viele Sparer von Bedeutung sein wird: Sie bekommen ab dem 21. Dezember weniger Geld aus ihrer Renten- oder Lebensversicherung. Grund ist eine Neuregelung der Beteiligung an den Bewertungsreserven. Mussten die Versicherten bislang mit 50 Prozent an den Buchgewinnen beteiligt werden, bleibt künftig ein großer Teil bei den Assekuranzen, zum Aufbau einer Sicherheitsreserve.

Die sogenannten "stillen Reserven" entstehen, wenn der Buchwert einer Kapitalanlage niedriger ist als der aktuelle Marktwert. Das anhaltende Zinstief sorgt bei vielen Versicherern für einen hohen Anteil an Bewertungsreserven, weil sie noch renditestarke Staatsanleihen und andere festverzinsliche Papiere aus besseren Zeiten im Portfolio haben. Um die Buchgewinne in bare Münze umzuwandeln, müssen Versicherungen festverzinsliche Papiere vor ihrer Fälligkeit verkaufen – und das schade der Versichertengemeinschaft, argumentiert etwa der Versichererverband GDV.

Beteiligung quasi abgeschafft

Der Bundestag reagierte auf den Druck der angeschlagenen Versicherungsbranche und beschloss nun, die erst 2008 in Kraft getretene Beteiligungsregel wieder abzuschaffen. Kunden sollen nur noch dann von den Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren profitieren, wenn der Garantiezins des auslaufenden Vertrags niedriger ist als die Umlaufrendite, also die Durchschnittsrendite aller öffentlichen Anleihen am Markt. Die liegt derzeit etwas über einem Prozent, der durchschnittliche Garantiezins hingegen bei 3,2 Prozent. Berücksichtigt man dann noch, dass die Versicherer laut Stiftung Warentest rund 87 Prozent ihres Kapitals festverzinslich angelegt haben, kann man sich ausrechnen, dass Sparer auf absehbare Zeit kaum noch an den Bewertungsreserven beteiligt werden dürften.

Was das im Einzelfall bedeutet, ist allerdings unklar. Denn wie hoch die Bewertungsreserve ausfällt, das erfahren die Kunden erst kurz vor dem Auszahlungstermin. Schon nach Einführung des Gesetzes im Jahr 2008 wurde die Befürchtung laut, dass die Versicherer die Bewertungsreserven durch Kürzungen bei der Überschussbeteiligung ausgleichen könnten. Und so geschieht es offenbar auch, etwa bei der Allianz. In einer kleinen Stichprobe der Verbraucherzentrale Hamburg bekamen die Kunden in der Hälfte der Fälle durch die Auszahlung der Reserven kein zusätzliches Geld, in den anderen Fällen variierte die Summe zwischen 60 und einigen Tausend Euro.

Ausstieg kaum möglich

Verbraucherschützer und Stiftung Warentest warnen deshalb vor Kurzschlussreaktionen seitens der Versicherten: "Auch wenn das neue Gesetz für viele Versicherte Nachteile bringt, sollte man auf keinen Fall in Torschlusspanik verfallen und vorschnell aus dem Vertrag aussteigen", heißt es etwa von der Verbraucherzentrale NRW. In den meisten Fällen sei es für eine Kündigung ohnehin zu spät. Und selbst wenn sie noch vor dem 21. Dezember 2012 wirksam werden könnte, bedeute dies nicht automatisch, dass sie auch wirtschaftlich sinnvoll sei, so die Verbraucherschützer. Denn ein vorzeitiger Ausstieg wirkt sich immer nachteilig aus, etwa weil der Schlussüberschuss für die ursprünglich vereinbarte Laufzeit wegfällt. Bei Lebensversicherungsverträgen, die vor dem Jahr 2005 abgeschlossen wurden, würde man zudem das Steuerprivileg verlieren, das erst nach einer Laufzeit von zwölf Jahren wirksam wird.

Noch nicht das letzte Wort gesprochen

Möglicherweise fallen die Änderungen für die Versicherten auch doch nicht so drastisch aus wie mancherorts befürchtet. Offenbar setzt sich in der Bundesregierung die Erkenntnis durch, dass das Gesetz etwas überstürzt verabschiedet wurde.  Die Bundesregierung wolle es nun noch einmal auf den Prüfstand stellen, meldeten gestern die "Stuttgarter Nachrichten". Bei einigen Versicherten führten die jetzigen Pläne zu einer Minderung der Auszahlung von mehr als zehn Prozent zitiert die Zeitung ein namentlich nicht genanntes Mitglied der Unionsfraktionsspitze. Nun könnte kurzfristig ein Änderungsantrag beschlossen werden, ansonsten könnte auch eine Verordnung des Bundesfinanzministeriums die Probleme beheben.  Die Grünen, die das Gesetz schon vorher massiv kritisiert hatten, fordern von der Koalition nun konkrete Veränderungsvorschläge. Am 14. Dezember muss auch noch der Bundesrat über das Gesetz entscheiden.

Unabhängig davon, wie die Neuregelung am Ende aussieht, werden viele Lebensversicherungen im kommenden Jahr weniger Rendite abwerfen. Nach der Ergo und der Alten Leipziger hat nun auch die Allianz Lebensversicherung ihre Überschussbeteiligung deutlich heruntergesetzt. Der Marktführer verabschiedet sich von der Vier vor dem Komma und senkt die laufende Verzinsung auf 3,6 Prozent. Die Alte Leipziger hatte vor wenigen Tagen eine Absenkung auf 3,35 Prozent bekanntgegeben und auch die Ergo zahlt 0,6 Prozentpunkte weniger, nämlich nur noch 3,55 Prozent.

Update 14.12.: Die Bundesregierung will zum 21.Dezember eine Verordnung in Kraft setzen, die die Abschläge auf fünf Prozent der auszuzahlenden Versicherungsleistungen deckelt. Die Deckelung soll für Versicherungsverträge gelten, die in den nächsten zehn Jahren zur Auszahlung kommen.

Quelle: n-tv.de

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