Ratgeber

Der Fehler liegt im System: Schlechte Noten für Riester-Rente

von Isabell Noé

Die Riester-Rente wird zehn Jahre alt. Grund zum Feiern hat vor allem die Versicherungswirtschaft, die mit immer kreativeren Produkten um Riester-Sparer wirbt. Für Verbraucher bringt die staatlich geförderte Altersvorsorge kaum Vorteile, dafür aber eine Menge Verwirrung, so das Fazit des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die eigentliche Zielgruppe, nämlich die Geringverdiener, interessiert sich kaum für die Riester-Rente.
Die eigentliche Zielgruppe, nämlich die Geringverdiener, interessiert sich kaum für die Riester-Rente.(Foto: dpa)

Es begann mit der Erkenntnis, dass die umlagefinanzierte staatliche Rente in Zukunft an ihre Grenzen stoßen würde. Es endete mit einem gesellschaftlichen Großexperiment: der Teilprivatisierung der Altersvorsorge. Zehn Jahre sind seit der Einführung der Riester-Rente vergangen, 15 Millionen Menschen haben inzwischen einen Riester-Vertrag, nicht einmal die Hälfte aller Berechtigten. Wer sich bislang zurückgehalten hat, bekommt nun vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gute Gründe geliefert, das auch weiterhin zu tun. Die Renditen der Riester-Rentenversicherungen seien mager, die Gebühren hoch und die Kalkulationsgrundlagen nicht transparent genug, so die Bilanz der Wirtschaftsforscher, deren Studie von der SPD-nahen Friedrich Ebert-Stiftung gefördert wurde.

Besonders ärgerlich: Seit der Einführung der staatlich geförderten Altersvorsorge haben sich die Bedingungen für Sparer verschlechtert. Verträge, die 2001 abgeschlossen wurden, sind kundenfreundlicher als die heutigen. Und das liegt nicht nur daran, dass der Garantiezins von damals 3,25 Prozent auf nunmehr 2,25 Prozent abgesackt ist. Nach und nach wurden auch die Zertifizierungskriterien verändert. Mitunter zum Guten: So können sich Sparer nun zu Beginn der Rentenphase 30 Prozent des Kapitals auszahlen lassen, das ging früher nicht. Wer aber gar nicht so lange durchhält und schon nach wenigen Jahren kündigt, wird nun deutlich weniger Geld herausbekommen. Die Versicherer müssen die Abschlusskosten nämlich nicht mehr auf mindestens zehn Jahre verteilen, sondern nur noch auf fünf. Das wiederum beeinträchtigt auch die Rendite – Stichwort Zinseszinseffekt.

Geschlechtsneutrale Tarife

Zudem gilt für Riesterverträge schon seit 2005 ein Modell, das ab 2013 für alle Versicherungsarten Pflicht wird: Unisex-Tarife. Die Versicherer dürfen Renten nicht mehr vom Geschlecht abhängig machen. Die Regelung führte aber nicht etwa dazu, dass Frauen weniger zahlen müssen. Stattdessen sind die Versicherungen für Männer teurer geworden.

Das rechnet sich: Weil Männer im Durchschnitt kürzer leben als Frauen, dürften die Gesellschaften höhere Sterblichkeitsgewinne einstreichen. Die entstehen, wenn die Versicherten nicht so lange leben wie angenommen. Und die Versicherer kalkulieren mit extrem hohen Lebenserwartungen. Dabei richten sie sich nicht nach den Angaben des statistischen Bundesamts, sondern nach eigenen Berechnungen oder - in den meisten Fällen - nach den Unisex-Sterbetafeln der Deutschen Aktualvereinigung. Die wurden zuletzt im Jahr 2005 neu berechnet und sehen extrem hohe Lebenserwartungen vor. Durch diesen Sicherheitspuffer soll gewährleistet werden, dass das Geld tatsächlich bis zum Tod reicht.

Großzügige Sterbetafeln

Je später der Versicherte geboren wurde, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er lange lebt. Ein 35-jähriger Mann hatte laut Standard-DAV-Tafel im Jahr 2001 eine Lebenserwartung von gut 85 Jahren. Wer heute 35 ist, wird hingegen älter als 93 Jahre. Das Geld muss also acht Jahre länger reichen. Auffallend ist der Unterschied zur Berechnung des Statistischen Bundesamts. Danach wird der heute 35-Jährige nämlich nicht einmal 83 Jahre alt, entsprechend höher könnte die Rente ausfallen.

Sterben die Versicherten eher als berechnet, entstehen Überschüsse. Diese Risiko- und Sterblichkeitsgewinne mussten Versicherungen früher zu 90 Prozent an die Versicherten zurückzahlen. Seit 2005 dürfen sie ein Viertel ihrer Überschüsse selbst behalten. Bei Kostenüberschüssen wurde die Quote auf 50 Prozent gesenkt – und das auch für Altverträge, die vor 2005 abgeschlossen wurden. "Diese Umverteilung der Überschüsse zugunsten der Versicherer ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt Studien-Mitautorin Kornelia Hagen vom DIW.

Ab wann sich's rechnet

Wie sich die Veränderungen konkret auswirken, haben die Wirtschaftforscher anhand mehrerer Modellpersonen durchgerechnet. Ein 35-jähriger Mann, der heute einen Riester-Vertrag abschließt, hat mit 77 Jahren gerade mal die Einzahlungen plus Zulagen wieder heraus. Und das auch nur, wenn neben der Zinsgarantie auch die Überschüsse kalkuliert werden. Hätte er den Vertrag vor zehn Jahren unterschrieben, wäre die Null Prozent-Rendite schon drei Jahre früher erreicht. Um auf eine Rendite von 2,5 Prozent zu kommen, muss er heute 85 Jahre alt werden. Bei einem Vertrag aus 2001 wäre er schon mit 80 an diesem Punkt.

"Eine Rentenversicherung ist immer eine Wette auf ein langes Leben", stellt der Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein, inzwischen Chef des Bundes der Versicherten, klar. Für den Einzelnen könne sich die Sache dank maximaler Zulagen und Steuervorteile vielleicht noch lohnen. "Aus gesellschaftlicher Sicht ergibt sich eine lohnende Rendite aber nur dann, wenn der Sparer sehr alt wird". Die meisten Sparer könnten ihr Geld genauso gut in den Sparstrumpf stecken.

Unter diesen Bedingungen einen neuen Riester-Vertrag abzuschließen, wollen die Studienautoren niemandem empfehlen. Vom Kündigen ist wegen der hohen Kosten aber auch abzuraten. Ein Ausweg wären grundlegendende Strukturreformen der Riester-Rente, um Transparenz und Vergleichbarkeit  zu erhöhen. Dazu gehören etwa allgemein verbindliche Kalkulationsgrundlagen für die Versicherer. "Der eigentliche Skandal ist ja, dass Menschen auf Versicherungsmathematiker angewiesen sind, um ihre existenzielle Altersvorsorge zu sichern", so Kornelia Hagen.

Quelle: n-tv.de

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