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Anleger aufgepasst: Schluss mit lustig oder Börsenboom?

(Foto: imago stock&people)

Terror, Flüchtlingskrise, billiges Geld und ein sich verlangsamendes Wirtschaftswachstum verunsichern die Anleger. Ob es tatsächlich Grund zum Verzagen gibt und wie sich Anleger positionieren sollten, verrät der Finanzexperte Stefan Riße.

n-tv.de: Der Terror gefährdet den Frieden in Europa - wie sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft?

Stefan Riße: Ich denke, dass sich die Auswirkungen am Ende doch in Grenzen halten werden. Erstens ist erkennbar, dass die Bevölkerung Frankreichs sich nicht einschüchtern lässt, was bewundernswert ist. Wenn man dann in die Historie schaut - 11. September, Madrid, London - dann haben diese Anschläge keinen zählbaren Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben gehabt.

Sollte Frankreich bei den kommenden Wahlen rechts wählen, was wären die Konsequenzen für Europa und den Euro?

Das ist eine reale Gefahr für Europa. Den Euro sehe ich allerdings nicht gefährdet. Auch eine Marine Le Pen wird sicherlich wissen, was ein Ausstieg Frankreichs aus dem Euro bedeutet, nämlich grauenvolle Kapitalabflüsse. Denn Frankreich ist keines der führenden Länder mehr. Auch wenn in Frankreich und  im offiziellen Europa so getan wird, als sei das Land eine wirtschaftliche Macht. Diese Anschläge haben ganz bestimmt auch etwas mit der ökonomischen Misere und der damit einhergehenden hohen Arbeitslosigkeit zu tun. Denn wo Elend herrscht, da sind Menschen bereit sich zu radikalisieren. Frankreich hat Reformen, wie sie in Deutschland mit der Agenda 2010 gemacht wurden, versäumt. Es bleibt nur zu hoffen, dass Hollande den kommenden inneren Herausforderungen kämpferisch begegnen wird.

Aus diesen Gründen wird man auch in Sachen Flüchtlingsaufnahme nicht auf Frankreich zählen können -  zumindest nicht vor der nächsten Wahl. Denn Flüchtlinge und die damit einhergehende Angst vor Überfremdung würde Le Pens Front Nationale noch mehr in die Hände spielen.

Ist die "Flüchtlingslawine" eine Chance oder der Untergang des Abendlandes?

Stefan Riße ist Buchautor, Finanzexperte und Fondsmanager.
Stefan Riße ist Buchautor, Finanzexperte und Fondsmanager.

Ich würde das eher Flüchtlingsboom nennen. Denn der sonst verwendete Begriff der Flüchtlingskrise setzt ja einen Mangel an Flüchtlingen voraus. Aber vor allem, weil ich für Deutschland große Chancen durch die Flüchtlinge sehe. Denn das Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft entsteht durch Demografie. Es sei denn, Überbevölkerung zerstört jeglichen Fortschritt. Das kennen wir aus Entwicklungsländern. Dies ist in Industrieländern aber nicht der Fall. Die Menschen, die zu uns kommen, sind überwiegend junge Leute. Diese Art von Bevölkerungswachstum bedeutet mehr Konsum. Eine Bevölkerung, die nicht mehr wächst und überaltert ist, hat zu wenig Potenzialwachstum, da hier zu wenig konsumiert wird.

In Deutschland ist nicht erkennbar, dass diese Überalterung gestoppt werden kann. Insofern brauchen wir Zuwanderung. Es bleibt jetzt zu hoffen, dass wir über eine gute Integration diese Flüchtlinge zu Einwanderern machen, die dann eben auch zu unserem Bruttoinlandsprodukt beitragen.

Vom nackten Überleben zum schnöden Geldverdienen: Gibt es eine Jahresendrally?

Die ist ja im November erst mal zum Erliegen gekommen und zwar in dem Moment, wo alle angefangen haben, von der Jahresendrally zu reden. Das ist die Börse. Die macht immer das, was alle nicht erwarten. Grundsätzlich gehöre ich aber auch zu denjenigen, die davon ausgehen, dass es im Dezember wieder nach oben geht.

Und mittelfristig?

Bin ich sowieso ultrabullisch. Ich glaube, die Aktien werden sich noch sehr, sehr deutlich nach oben bewegen. Der Grund dafür ist die Alternativlosigkeit bei der Geldanlage. Die Bewertungen der Aktien, wenn man sich die Gewinne der Gesellschaften anschaut, sind sicherlich nicht mehr superbillig. In dem Moment, wo man das Zinsniveau – insbesondere in Europa – mit in die Bewertung einbezieht, sind Aktien plötzlich spottbillig. Ich denke, dass die Zinsen lange niedrig bleiben. Diese Erkenntnis wird sich auch beim normalen Sparer immer mehr durchsetzen, was zu einer immer stärkeren Nachfrage nach Aktien führen wird.

Wo sehen Sie denn den Dax in drei Jahren?

Bei 18.000 Punkten. Auch dass es zwischenzeitlich auch immer mal einen Rückschlag um 10, 15 oder sogar 20 Prozent geben kann, würde ich nicht ausschließen. Aber mittelfristig geht die Reise in diese Richtung. Man sollte schon zusehen, rechtzeitig dabei zu sein.

Und darüber hinaus? Wie geht es weiter mit der realen Wirtschaft?

Wir werden, was die Konjunktur betrifft, nicht sehen, dass die Bäume in den Himmel wachsen. Wir werden ein leichtes Wachstum haben. Auch in China wird es, von allem was ich höre, nicht zu einem totalen Zusammenbruch kommen, das Wachstum wird langsamer und die Gewinnmargen der Unternehmen werden kleiner werden, aber es wird zu keiner globalen Rezession kommen. Europa wird hingegen mehr wachsen, da wir mit dem schwachen Euro Vorteile haben. Aber auch die USA werden keine Vollbremsung hinlegen. Damit haben wir dieses "Goldilock-Szenario" (die Wirtschaft wächst zwar, läuft aber nicht zu heiß und wird auch nicht zu kalt), so dass die Notenbanken keine restriktive Geldpolitik machen müssen. Das bedeutet viel, viel Geld bei leicht wachsenden Gewinnen und das ist immer die beste Konstellation für die Börse. Wenn die Wirtschaft wirklich boomt, dann wird die Liquidität absorbiert von der Realwirtschaft und zudem drehen die Notenbanken die Schraube stärker an – das Geldmengenwachstum wird geringer und damit fehlt dann letztendlich das Lebenselixier der Börse – nämlich Geld zum Anlegen.

Ist es für den Immobilienkauf zu spät?

Auf keinen Fall. Wir haben in Deutschland keine Immobilienblase. Auch nicht in München oder Hamburg. Der Eigenkapitalanteil bei der Finanzierung ist in Deutschland nach wie vor relativ hoch. Eine Blase zeichnet sich dadurch aus, dass am Ende mit extrem viel Fremdkapital finanziert wird. Wenn wir international die Preise vergleichen, etwa mit Paris oder London, dann ist das hier doch alles noch spottbillig. Die Frage ist, ob man in den eher teureren Boomstädten investiert. Hier ist der Kaufpreis in Relation zur Miete oft weniger günstig. Rein von der Mietrendite bieten Städte die sich gut entwickeln, aber noch nicht so teuer sind, bessere Gelegenheiten für eine Investition.

Und Gold?

Da liege ich mit meinem Optimismus seit Langem daneben. Ich halte an meinen Goldbeständen fest. Irgendwann wird das ganze Thema in höherer Inflation enden. Da diese aber derzeit quasi bei null ist und wir auch nicht vor dem Zusammenbruch irgendeines Währungssystems stehen, sind die Argumente für Gold derzeit nicht wirklich vorhanden. Es kann aber auch passieren, dass plötzlich Gold wieder um 200 oder 300 Dollar zulegt. Denn wenn keiner mehr dran glaubt – und selbst ich komme ins Zweifeln - passiert genau das Gegenteil.

Wie sollten 50.000 Euro jetzt angelegt werden?

15.000 Euro in europäische Aktien, 10.000 in deutsche Aktien, 5000 in Schwellenländeraktien. 10.000 in japanische Aktien, 5000 in Gold und 5000 als Reserve in Cash.

Mit Stefan Riße sprach Axel Witte

Quelle: n-tv.de

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