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Wenn der Dispo nicht reicht: Sind Überziehungszinsen bald passé?

Von Isabell Noé

Ist der Disporahmen ausgereizt, müssen Banken weder Geld auszahlen noch Überweisungen ausführen. Die meisten tun es dennoch - und kassieren dafür happige Überziehungszinsen. Doch es gibt Ausnahmen: Einige Banken schaffen den Strafzins ab.

Überziehungszinsen sollen auch einen erzieherischen Wert haben. Konsequenter wäre es da allerdings, bei einer Überziehung kein Geld auszuzahlen.
Überziehungszinsen sollen auch einen erzieherischen Wert haben. Konsequenter wäre es da allerdings, bei einer Überziehung kein Geld auszuzahlen.(Foto: picture alliance / dpa)

17, 18 oder über 19 Prozent Zinsen – beim schufafreien Sofortkredit aus fragwürdiger Quelle würde man solche Konditionen vermuten. Tatsächlich zahlen viele Kunden aber auch bei ihrer Hausbank derartige Zinsen. Dann nämlich, wenn sie mit ihrem Girokonto tiefer in die Miesen rutschen, als es der Disporahmen erlaubt. Die meisten Banken kassieren dann Überziehungszinsen, die deutlich über dem Dispozinssatz liegen. Doch einige Institute scheren aus: Anfang des Jahres haben die beiden Direktbanken ING Diba und 1822 direkt erklärt, künftig auf Überziehungszinsen zu verzichten. Nach der Berliner Volksbank und ein paar kleineren Geldhäusern zieht jetzt auch die Sparda-Bank in Baden-Württemberg nach. Der Zusatzzins sei nicht mehr zeitgemäß, begründet Bankenchef Martin Hettich den Schritt.

Kommt jetzt der flächendeckende Abschied vom Überziehungszins? Wohl nicht. Zwar bedeutet ein überzogenes Konto für die Bank auch ein etwas höheres Risiko – aber eben auch ein lukratives Geschäft: In der letzten Erhebung der Stiftung Warentest lagen die Überziehungszinsen meistens etwa vier bis fünf Prozent über den Dispozinsen. Und auch die fielen mit durchschnittlich über zehn Prozent nicht gerade mager aus. Gerade bei kleineren Regionalbanken, Volksbanken oder Sparkassen waren Überziehungszinsen von weit über 16 Prozent demnach eher die Regel als die Ausnahme.

Mit hohen Refinanzierungskosten sind die Kreditkosten nicht zu rechtfertigen, schließlich kamen Banken nie zuvor so billig an Geld wie jetzt. Bei der Europäischen Zentralbank zahlen sie gerade einmal 0,25 Prozent Zinsen.

Kein höheres Risiko

Die hohen "Strafzinsen" für die Kontenüberziehung begründen die Banken mit dem größeren Verwaltungsaufwand und dem höheren Ausfallrisiko. Doch tatsächlich ist das Risiko, dass Kunden ihre Girokontenschulden nicht ausgleichen, verschwindend gering. In einer Studie des Bundesverbraucherschutzministeriums lag die Ausfallquote bei Dispokrediten bei gerade einmal 0,3 Prozent. Zum Vergleich: Bei Ratenkrediten war das Risiko mit 2,5 Prozent gut achtmal so hoch. Überziehungskredite werden zudem nur jenen Kunden gewährt, bei denen die Bank davon ausgeht, dass sie ihr Geld auch wiedersieht. Bei allen anderen spuckt der Geldautomat einfach kein Bares mehr aus, wenn der Dispo ausgeschöpft ist. Lastschriften oder Überweisungen werden dann nur ausgeführt, wenn der Kreditrahmen dafür ausreicht.

Commerzbank-Chef Manfred Blessing forderte in der "Bild"-Zeitung nun ein Gesetz – nicht gegen hohe Dispo- oder Überziehungszinsen, sondern gegen die dauerhafte Nutzung von Dispo-Krediten: "Kunden könnten nach zehn Tagen im Dispo einen automatischen Hinweis von der Bank per SMS oder E-Mail bekommen. Dann könnten wir mit ihnen über günstigere Kredite reden." Etwas Ähnliches plant auch die Bundesregierung. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Banken ihre Kunden künftig warnen sollen, wenn diese in den Dispo rutschen. Bei "dauerhafter oder erheblicher Beanspruchung" soll es demnach Beratungsangebote zum Thema Umschuldung geben.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Zumindest letzteres ist heute schon bei vielen Banken Usus. So auch bei der INGDiba:  "Kunden, denen der Disporahmen nicht ausreicht, bieten wir einen Abrufkredit als günstigere Alternative an", erklärt der Sprecher Alexander Baumgart. Das habe man aber auch schon so gehandhabt, bevor der Aufschlag für die Dispoüberziehung abgeschafft wurde. Commerzbank-Kunden werden gegebenenfalls von ihrem Berater angesprochen, eine systematische Warnfunktion gibt es laut Blessing aber nicht – man habe auch gar nicht die Telefonnummern oder E-Mailadressen aller Kunden. Solange die Warn-Regelung nicht gesetzlich verankert wird, lässt sich an der Kontoüberziehung auch noch ganz gut verdienen: Von Kunden, die tief in die Miesen rutschen, verlangt die Commerzbank derzeit 17,40 Prozent.

Für den Chef der Stiftung Warentest, Hermann-Josef Tenhagen, geht die geplante Warnfunktion nicht weit genug.  Es sei an der Zeit, die Banken dazu zu bringen, die Zusatzzinsen abzuschaffen: "Wenn das so nicht geht, dann muss eben ein Gesetz die Banken dazu zwingen", sagte Tenhagen gegenüber n-tv.

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Quelle: n-tv.de

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