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Im Juli gab es mittägliche Solarstrom-Einspeisungen von knapp 10.000 Megawatt - zwei Drittel der Einspeisungen aus Atomkraftwerken.
Im Juli gab es mittägliche Solarstrom-Einspeisungen von knapp 10.000 Megawatt - zwei Drittel der Einspeisungen aus Atomkraftwerken.(Foto: dpa)

Solarstrom-Boom: Verbraucher bezahlen mit

Solarstrom bringt gute Renditen, doch die Kritik an den Kosten für den Boom mehrt sich. Langfristig könnte der Einspeisevorrang für die Erneuerbaren infrage gestellt werden.

Es gehört fast schon zum guten Ton, auf dem Dach seines Eigenheims eine Photovoltaikanlage zu haben. Aber der Solarboom in Deutschland wirft auch Fragen auf: Während der Zahnarzt aus München mit seinen Solarzellen eine Rendite von 8 bis 10 Prozent einstreichen kann, zahlen alle Bürger die Solar-Förderung über den Strompreis mit.

Gibt es mehr Solarstrom, steigen auch die zu zahlenden Vergütungen - es gibt daher bereits Sorgen, dass die Energiekonzerne den nicht ganz billigen Solarboom demnächst zum Anlass nehmen könnten, einen Angriff auf den Einspeisevorrang für die Erneuerbaren zu starten.

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) rechnet wegen des enormen Zuwachses im Photovoltaikbereich mit bis zu zehn Prozent höheren Strompreisen im kommenden Jahr. Die Solarbranche dagegen verweist darauf, dass die Vergütungszahlungen über den Strompreis zuletzt nur moderat gestiegen seien.

Ungewollte Beschleunigung

Die Bundesregierung hat die Solar-Entwicklung etwas ungewollt beschleunigt: Wegen der Förderungskürzung - ab Juli um bis zu 13 Prozent und ab Oktober um bis zu 16 Prozent - hat es allein im Juni einen enormen Zuwachs gegeben. Die Rede ist von zusätzlichen Kapazitäten von bis zu 2000 Megawatt - das wäre fast die Hälfte der gesamten Zunahme von Solarstromkapazitäten im Jahr 2009. Mit 2000 Megawatt lassen sich etwa 570.000 Haushalte mit Strom versorgen.

Ein Passus im Energiewirtschaftsgesetz erlaubt die Abschaltung von Photovoltaik- oder Windkraftanlagen, wenn die Sicherheit der Stromversorgung in Gefahr ist.
Ein Passus im Energiewirtschaftsgesetz erlaubt die Abschaltung von Photovoltaik- oder Windkraftanlagen, wenn die Sicherheit der Stromversorgung in Gefahr ist.(Foto: dpa)

Im Juli gab es angesichts von sehr heißen Sonnentagen zeitweise mittägliche Solarstrom-Einspeisungen von knapp 10.000 Megawatt - das sind zwei Drittel der Einspeisungen aus deutschen Atomkraftwerken. Umweltminister Norbert Röttgen betont angesichts solcher Zahlen, dass die Anlagen um bis zu 40 Prozent günstiger geworden seien - der billiger werdende Solarstrom braucht deshalb nach Meinung der Bundesregierung auch weniger Subventionen.

Röttgens Ministerium schätzt, dass bereits bis 2013 Solarstrom zu normalen Verbraucherpreisen erzeugt werden könnte. Im Jahr 2009 wurden in Deutschland rund 10 Milliarden Euro in Photovoltaikanlagen investiert. Dies sichert in der Branche und im Handwerk laut Ministerium rund 65.000 Arbeitsplätze.

Der Erfolg liegt vor allem darin begründet, dass Strom aus erneuerbaren Energien bisher mit Vorrang vor Energie aus fossilen Trägern ins Netz eingespeist wird. Im Rahmen des vor zehn Jahren verabschiedeten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wird diese Energieform bezuschusst. Die Stromkunden zahlen den Zuschuss über den Strompreis - 2009 waren dies bei insgesamt 23 Cent pro Kilowattstunde 1,1 Cent.

2010 liegt die EEG-Umlage bei gut 2 Cent je Kilowattstunde Strom. Es wird nun für 2011 mit einem Aufschlag von bis zu 3,5 Cent gerechnet - das wären für einen Durchschnittshaushalt etwas mehr als zehn Euro pro Monat. Vor allem der Preis an der Strombörse in Leipzig beeinflusst die EEG-Umlage. Immer, wenn der Börsenstrompreis sinkt, steigt die Umlage.

Überkapazitäten befürchtet

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) hält daher die Attacken gegen den Solarstrom für etwas ungerecht, weil mehr Sonnenenergie auch zur Dämpfung der Strompreise beitrage.

Der Zuwachs bei der Solarenergie sei so enorm, dass das ganze System kollabieren könnte, warnt dagegen RWI-Energieexperte Manuel Frondel. In dieser Aussage deutet sich ein Konflikt der nächsten Jahre an: Denn bei einer Verlängerung der Atomlaufzeiten könnte es angesichts einer erwarteten Zunahme des Erneuerbaren-Anteils beim Strom bis 2020 auf knapp 40 Prozent zu massiven Überkapazitäten kommen. Daher könnte eine Diskussion über den Einspeisevorrang für Solar- oder Windenergie entbrennen.

Zum anderen erlaubt ein Passus im Energiewirtschaftsgesetz die Abschaltung von Photovoltaik- oder Windkraftanlagen, wenn die Sicherheit der Stromversorgung in Gefahr ist. Das könnte bei zu viel Atom- oder Kohlestrom in Zukunft häufiger der Fall sein. Grünen-Chefin Claudia Roth befürchtete bereits: "Die Laufzeitverlängerung ist keine Brücke, sondern der Abgrund für die erneuerbaren Energien."

Atomstrom hatte 2009 einen Anteil von 22,6 Prozent an der deutschen Bruttostromerzeugung, die Erneuerbaren kamen auf 15,6 Prozent, Kohle auf gut 42 Prozent. Die Energiekonzerne werden nicht müde, billigen und praktisch CO2-freien Atomstrom anzupreisen und im Gegenzug Strompreiserhöhungen den Solar-Subventionen anzukreiden. Droht durch den Solarboom nun ein stetiger Strompreisanstieg? Bis Mitte des Jahrzehnts könnte der Trend weitergehen, bis dahin sorgt die jährliche Degression der Vergütungssätze wie eine Kostenbremse.

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Quelle: n-tv.de

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