Ratgeber

Grauer Kapitalmarkt: Vor Gier schützen auch Gesetze nicht

Eine ökologische, sichere, systemkritische Kapitalanlage mit Top-Rendite. Klingt zu gut, um wahr zu sein. Darauf sind jetzt auch Prokon-Anleger gekommen und ziehen ihre Gelder ab. Der Windkraftfinanzierer versucht sie mit einer skurrilen Mischung aus Drohungen und Beschwörungen zu halten.

(Foto: dpa)

Etwas Gutes für die Umwelt tun, das Geld in alternative Energien stecken und dafür auch noch bis zu acht Prozent Zinsen pro Jahr kassieren. Da kann man ja nichts falsch machen, dachten sich Zehntausende Kleinanleger, die ihr Geld in Genussrechte des Windkraftspezialisten Prokon investiert haben. Nun drohen dem Itzehoer Unternehmen das Aus und den Investoren hohe Verluste.

Bei geplatzten Anlagemodellen rückt regelmäßig der lange kaum regulierte "graue Kapitalmarkt" in den Fokus, auf dem sich neben seriösen Anbietern auch dreiste Zocker und leichtgläubige Laien tummeln. Der Ruf nach dem Staat und strengeren Regeln wird nun wieder laut.

Dabei hat es an Warnungen vor Prokon-Genussrechten und dem Finanzgebaren des Unternehmens nicht gemangelt. Zudem ist davon auszugehen, dass die schwarz-rote Koalition schon bald Genussrechte als wichtige Finanzierungsquelle vor allem aufstrebender Unternehmen genauer unter die Lupe nimmt. Weitere schärfere Vorgaben für den "grauen Kapitalmarkt" sind möglich. Doch Regulierer wie Finanzexperten sind sich auch einig: Gegen Gier von Anlegern und windige Geschäfte nützen letztlich auch mehr Gesetze nur wenig.

Experten warnen vor Genussrechten

Mancher Prokon-Privatanleger hat sich offenbar nicht über die immer noch vorhandenen Fallen auf dem "grauen Kapitalmarkt" schlaugemacht sowie Werbebroschüren und Prospekte nur oberflächlich gelesen. Schließlich handelt es sich bei Genussrechten generell um hoch riskante Papiere, bei denen Privatanlegern schlimmstenfalls ein Totalverlust droht. Ganz abgesehen davon, dass angesichts des derzeitigen Leitzins-Tiefs von nur 0,25 Prozent bei Renditeversprechen von bis zu 8,0 Prozent eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen müssten.

Experten raten Privatanlegern, die eine sichere Geldanlage suchen, grundsätzlich von Genussrechten ab. Denn diese ließen den Anbietern große Freiheiten, unterlägen keiner staatlichen Kontrolle und keiner Einlagensicherung, klärt etwa "Finanztest" auf. Anleger hätten keine Mitbestimmungsrechte und könnten ihre gesamten Einlagen verlieren.

Die "Stiftung Warentest" warnt Verbraucher seit langem, Genussrechte von Prokon zu erwerben, weil sie für Privatanleger zu riskant seien. Schon im Jahr 2010 wurden die Papiere, mit denen der Windkraftspezialist über Jahre mehrere Milliarden Euro einwerben wollte, auf die Warnliste von "Finanztest" gesetzt.

Durch alle Lücken geschlüpft

In den vergangenen Jahren hat der Gesetzgeber den bis dato weitgehend unkontrollierten "grauen Kapitalmarkt" durchaus stärker an die Kandare genommen. Im Juni 2012 etwa trat das "Graumarktgesetz" in Kraft. Es schrieb Anbietern von Graumarktprodukten unter anderem einen "Beipackzettel" vor, auf dem leicht verständlich, kompakt und übersichtlich über Risiken informiert werden muss. Zuvor wurden die Auflagen für Vermittler verschärft. Lücken gibt es aber weiterhin.

"Prokon ist tatsächlich durch alle Lücken geschlüpft, die es gab", sagt Renate Daum von "Finanztest". Viele Anlageformen, insbesondere geschlossene Fonds, würden inzwischen sehr viel strenger reguliert. "Aber ausgerechnet Genussrechte sind außen vor geblieben." Auch seien die Beratungspflichten gegenüber Anlegern strenger gefasst worden - nicht aber für den Direktvertrieb von Genussrechten.

Genussrechte seien nicht per se schlecht, räumt Daum ein. Jungen Firmen sollte diese Finanzierungsform durch überbordende Regulierung auch keinesfalls verbaut werden. Und wer sich gut auskenne, Bilanzen lesen und Genussrechte gut beurteilen könne, solle weiter auf diese Weise sein Geld investieren können. Wenn aber ein einzelner Anbieter Genussrechte in einer Größenordnung von einer Milliarde Euro und mehr einsammle, sollten Grenzen eingezogen werden.

Die vor fast einem Monat gestartete große Koalition war bisher vor allem mit sich selbst beschäftigt. Angesichts der Tragweite des Prokon-Falles werden sich Finanz- und Verbraucherpolitiker des Regierungsbündnisses aber wohl schon in Kürze mit Konsequenzen befassen. Dabei dürfte es vor allem darum gehen, einerseits Genussrechte als eine Form der Unternehmensfinanzierung weiter zu ermöglichen - aber gleichzeitig Zockern das Handwerk zu legen und die Spreu vom Weizen zu trennen.

In ihrem Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, Regulierungsmaßnahmen zusammen mit der Finanzaufsicht BaFin "auf Praktikabilität und Zielgenauigkeit" zu überprüfen. Zugleich heißt es aber: "Dauerhaftes Wachstum braucht langfristig orientierte Investitionen. Deshalb werden wir bei allen Finanzmarktregulierungen auf diese Notwendigkeit achten."

Die Geschäfte des Windparkfinanzierers Prokon beschäftigen  derweil auch die Staatsanwaltschaft. Nach zwei Anzeigen werde geprüft, ob  ein Anfangsverdacht auf Betrug und weitere Delikte vorliege, sagte  eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lübeck.

Quelle: n-tv.de

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