Ratgeber
(Foto: imago/blickwinkel)
Mittwoch, 30. August 2017

Gefährlich und nutzlos?: Warentest schrottet Vitamin-Präparate

Von Axel Witte

Gesundheit ist nicht alles. Aber ohne Gesundheit ist alles nichts. Heißt es. Genau um dies zu verhindern, greifen Millionen Deutsche zu Nahrungsergänzungsmitteln. Und verschwenden damit im besten Fall ihr Geld, wie die Stiftung Warentest befindet. Nun ja.

Der Nutzen der zusätzlichen Einnahme von Vitaminen in Form von Nahrungsergänzungsmitteln bleibt eine Glaubensfrage. Bestenfalls. Ansonsten ist sie ein Politikum. Von den einen als nutzlos und sogar gefährlich abgetan, werden sie von anderen für unverzichtbar für ein gesundes Leben gehalten. Klar ist, der Mensch braucht Vitamine. Werden ihm diese über längere Zeit versagt, stirbt er. Darüber besteht Einigkeit. Nicht aber über die Menge und Form der zuzuführenden Stoffe. Eigentlich unvorstellbar in einer ansonsten gefühlt nahezu entschlüsselten und vermessenen Welt.

Zu jenen, die die zusätzliche Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln im Normalfall als absolut entbehrlich erachten, gehört auch die Stiftung Warentest. Fällt sie doch in ihrer jüngsten Untersuchung ein wenig gutes Urteil zu frei verkäuflichen Vitamin-Präparaten. Demnach überschreiten viele der Mittel die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfohlenen Tageshöchstdosierungen in Nahrungsergänzungsmitteln - und dies birgt für den Konsumenten Risiken. Getestet wurden überwiegend Einzelpräparate, die in Drogerien, Reformhäusern, Apotheken, Supermärkten und im Internet zu haben sind. Von 35 überprüften Produkten liegen 26 deutlich, 10 davon mit dem bis zu 34-fachen sogar drastisch über dem empfohlenen Wert. Die überprüften Multivitaminkapseln gingen für die Tester hinsichtlich der Dosierung in Ordnung.

Wie viel ist zu viel?

Abgesehen davon, dass auch Vitamingurus in der Regel von hochdosierten Einzelvitamingaben abraten, ist klar, dass sich auch Warentest an Richtwerten orientieren muss. Und das BfR befindet nun einmal, dass in Deutschland eine Unterversorgung an Vitaminen bei gesunden Menschen und abwechslungsreicher Ernährung sehr selten sei. Mag sein. Aber wer kann schon für sich in Anspruch nehmen, sich konsequent gesund zu ernähren und auch ansonsten einen vorbildlichen Lebensstil zu pflegen? Abgesehen davon warnt das Institut, dass die Gabe von hohen Mengen von Vitaminen zu unerwünschten gesundheitlichen Wirkungen führen kann. Was wohl unstrittig ist, aber selbst auf den übermäßigen Konsum von Wasser zutreffend ist.

Noch dazu beurteilen unterschiedliche Stellen die Sicherheit von Vitaminen höchst unterschiedlich. So "erlaubt" das europäische Pendant zum BfR, die European Food Safety Authority (EFSA), viel höhere Mengen der meisten einzelnen Stoffe. Und auch in den USA sieht man die Sache entspannter. Gibt es hier doch auch ganze Supermärkte nur für Nahrungsergänzungsmittel - und auch ein nationales Vergiftungszentrum (NPDS). Welches jährlich unter anderem darüber rapportiert, wie viele Vergiftungen es durch die zusätzliche Einnahme von Vitaminen gibt. Und meist eben nichts zu melden hat. Es kommt so gut wie nie zu einer einzigen akut mit Vitaminen in Verbindung gebrachten Erkrankung.

Also, wie viel ist nun zu viel? Darüber wird gestritten und orakelt und kann auch an dieser Stelle nicht mit gutem Gewissen beantwortet werden. Genauso wenig, wie die mehr als unübersichtliche und teilweise widersprüchliche Studienlage zu Nutzen oder Risiken von zusätzlichen Vitamingaben herangezogen werden kann. Dementsprechend soll hier keineswegs zur Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ermuntert werden.

Nur eine Messung hilft weiter

Einzig klar ist, dass nur eine individuelle Blutuntersuchung Gewissheit darüber bringt, ob es von dem einen oder anderen Vitamin etwas mehr sein dürfte - oder eben etwas weniger. Zumindest um die Risiken einer Vergiftung oder eines Mangels auszuschließen. Denn auch darüber, wie hoch oder niedrig die entsprechenden Blutwerte zu sein haben um gesund zu bleiben oder zu werden, herrscht Uneinigkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil auch bei vielen Studien nicht gemessen wird, sondern die Angaben der Probanden ungeprüft übernommen werden. Gelegentlich kommt es dann auch noch bei der medialen Auswertung solcher Studien zu Vereinfachungen oder gar Fehlinterpretationen. Da fallen dann seriöse Aussagen über Nutzen und Risiken von Vitaminen schwer.

Dem interessierten Verbraucher bleibt also nur die Messung und sich auf sein Körpergefühl zu verlassen. Aber Vorsicht, bei Letzterem droht der Placebo-Effekt das Ergebnis zu verfälschen. Schwieriges Leben. Letzter Ausweg - die eigene Recherche, um sich selbst ein Bild zu machen. Und entsprechende positive wie negative Berichterstattung zu glauben oder eben nicht. Aber wer glaubt, der weiß nicht. Und beklagenswerter Weise wird dies wohl auch noch eine lange Weile so bleiben.

Bis dahin mag, wer möchte, mit den Ergebnissen der Stiftung Warentest vorlieb nehmen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen