Ratgeber

Finanztest prüft Unfallversicherungen: Was man wirklich braucht

von Isabell Noé

Die Deutschen besitzen rund 28 Millionen Unfallpolicen. Viele von ihnen taugen nichts, weil sie im Ernstfall zu wenig zahlen - oder gar nicht. "Finanztest" hat hunderte Tarife überprüft. "Sehr gut" sind nur drei von ihnen und die sind auch nicht ganz billig. Brauchbare Tarife gibt es aber auch günstiger. Man muss nur wissen, worauf es ankommt.

Wer schwerbehindert ist, braucht viel Geld, etwa für ein behindertengerechtes Fahrzeug.
Wer schwerbehindert ist, braucht viel Geld, etwa für ein behindertengerechtes Fahrzeug.(Foto: Maria Lanznaster, pixelio.de)

Über sieben Millionen Menschen in Deutschland sind schwerbehindert. In den seltensten Fällen ist ein Unfall der Grund, meistens ist eine Krankheit vorausgegangen. Das Risiko, durch einen Unfall zum Krüppel zu werden, ist also nicht besonders hoch. Doch falls es tatsächlich einmal so weit kommen sollte, ist eine gute private Unfallversicherung Gold wert. Das Problem: Richtig gute Policen sind selten. Das stellt zumindest die Stiftung Warentest fest, die für die Dezemberausgabe von "Finanztest" rund 300 Tarife unter die Lupe genommen hat. "Sehr gut" waren gerade mal drei von ihnen.

Problem Nummer eins: die Leistung

Die Unfallversicherung zahlt abhängig vom Invaliditätsgrad die Versicherungssumme aus. "Finanztest" hat in den Test nur Tarife einbezogen, die bei Vollinvalidität mindestens 500.000 Euro leisten. Das klingt nach viel Geld, allerdings muss davon auch viel bezahlt werden: Umbauten am Haus etwa, ein behindertengerechtes Fahrzeug, eine Haushaltshilfe und vieles mehr. Mit Kleckerbeträgen um die 50.000 Euro kommt man da nicht weit. Sinnvoll sind Tarife mit Progression, die bei Vollinvalidität ein Vielfaches der vereinbarten Versicherungssumme auszahlen.

Ab wann man überhaupt zu welchem Grad invalide ist, legen die Versicherer in der Gliedertaxe fest. Ein amputierter Fuß entspricht üblicherweise einem Invaliditätsgrad von 40 Prozent, fehlt das ganze Bein, sind es 70 Prozent. Taubheit auf einem Ohr wird mit 30 Prozent eingestuft, der Verlust des Geruchssinns mit 10 Prozent. Das sind aber nur die gängigen Werte, in ihren Tarifen können die Versicherer auch höhere Invaliditätsgrade festlegen. Dann kann schon der Verlust einer Hand als 100 Prozent invalide gelten statt nur 55 Prozent.

Problem Nummer zwei: die Bedingungen

Die besten Leistungen nutzen nichts, wenn man sie im Ernstfall nicht bekommt. Wichtig ist zunächst mal, dass die Police immer und überall gilt und nicht nur in bestimmten Situationen, etwa beim Autofahren. Die Versicherungen schränken den Unfallbegriff ohnehin schon stark ein. Als Unfall gilt es nämlich nur, wenn ein Ereignis plötzlich und unfreiwillig von außen auf den Körper einwirkt. Wer also beim Gehen über seine eigenen Füße stolpert, erleidet per Definition keinen Unfall. Wer wegen eines Schlaglochs stürzt, schon.

Schwierig sind die zusätzlichen Ausschlüsse bestimmter Unfallursachen. Bestes Beispiel: Bewusstseinsstörungen. Wer unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss einen Unfall baut, hat von der Versicherung normalerweise nichts zu erwarten. Doch auch wenn man am Steuer einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt erleidet, gilt das als Bewusstseinsstörung. Gute Versicherer zahlen, falls es in solchen Fällen zu einem Unfall kommt. Bei den Testsieger-Policen sind sogar Unfälle unter Alkoholeinfluss teilweise versichert.

Laut Musterbedingungen müssen Versicherungen nur zahlen, wenn die Invalidität innerhalb eines Jahres nach dem Unfall eingetreten ist. Manchmal wird aber erst  später klar, dass man trotz Behandlungen und Reha dauerhaft behindert bleiben wird. Gute Tarife lassen Kunden bis zur endgültigen Diagnose mehr Zeit.    

War der betroffene Körperteil schon vor dem Unfall geschädigt, zahlen die Versicherer normalerweise nicht die ganze Gliedertaxe. Wer etwa schon vorher unter Arthrose litt, wird nicht die vollen 55 Prozent bekommen, wenn er eine Hand verliert, sondern vielleicht nur 30 Prozent. Das kann gerade für ältere Versicherte zum Problem werden. Sie sind bei den Unfallversicherern aber ohnehin nicht so gern gesehen. Ab dem 75. Geburtstag wird es schwierig, eine Police zu gleich guten Konditionen wie jüngere Kunden zu bekommen, hat "Finanztest" festgestellt.

Problem Nummer drei: der Preis

Die Unfallversicherung ist für die Anbieter eine lohnende Sache. Die Schadenquote lag 2010 bei 60 Prozent, es bleiben also gute Gewinne. Auch, weil der Konkurrenzkampf hier längst nicht so heftig ausgefochten wird wie etwa in der Kfz-Versicherung, die bei vielen Kunden jährlich auf dem Prüfstand steht. Für eine Versicherung mit kundenfreundlichen Bedingungen und sehr gutem Leistungsumfang lohnt sich die Investition aber. Für die drei Testsieger-Tarife der Swiss Life und der Interrisk zahlen Männer bis zu 333 Euro im Jahr, Frauen bis zu 306 Euro - vorausgesetzt, sie arbeiten in ungefährlichen Berufen. Im Handwerk oder in anderen riskanteren Berufen kann der Preis für sehr gute Policen auf über 500 Euro steigen. Wer nicht ganz so viel investieren möchte, aber trotzdem vernünftig versichert sein will, findet viele "gute" Tarife, für weniger als 130 Euro im Jahr. Unfallversicherungen für Frauen sind tendenziell etwas günstiger als die von Männern. Das wird sich aber ab 2013 ändern, wenn in allen Versicherungsarten Unisex-Tarife gelten.

Nicht blenden lassen

Klassischerweise wird die Unfallversicherung als einmalige Summe ausgezahlt. Die meisten Versicherer bieten aber noch eine zweite Variante an: die lebenslange Unfallrente. Klingt zunächst gut, ist es aber nicht. Zum einen, weil eine Kapitalauszahlung für die größeren Investitionen gebraucht wird, die bei einer Behinderung unvermeidlich sein dürften. Zum anderen, weil die Rente nur bei einem Invaliditätsgrad von mindestens 50 Prozent ausgezahlt wird. Wer darunter liegt, bekommt gar nichts.

Manche Versicherungen werben mit Zusatzleistungen wie "Gipsgeld" für gebrochene Knochen, Genesungs- oder Krankenhaustagegeld. Das sind schöne Extras, die aber wenig helfen, wenn die restlichen Versicherungsbedingungen dürftig sind. Sinnvolle Zusatzleistungen sind dagegen die Übernahme von Bergungskosten und kosmetischen Operationen.        

Besonders sparsame Kunden werden vielleicht einen Tarif mit Beitragsrückgewähr in Erwägung ziehen. Am Ende der vereinbarten Laufzeit gibt es die Beiträge gegebenenfalls zurück, eventuell auch eine Überschussbeteiligung. Möglich ist das, weil mit den Beiträgen gleichzeitig eine Lebensversicherung bespart wird. Das wiederum heißt: Nur ein Teil der Prämie wird für den Unfallschutz verwendet. Deshalb sind die Invaliditätsleistungen auch nicht annähernd so hoch wie bei einer reinen Unfallversicherung.

Unfallversicherungen im Vergleich

Quelle: n-tv.de

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