Ratgeber
Die Solarsiedlung am Schlierberg in Freiburg produziert mehr Energie als sie selbst verbraucht.
Die Solarsiedlung am Schlierberg in Freiburg produziert mehr Energie als sie selbst verbraucht.

Plusenergiehäuser im Trend: Wohnen im eigenen Kraftwerk

von Johannes Süßmann

Niedrigenergiehaus und Passivhaus waren gestern. Wer heute energieneutral wohnen will, kann inzwischen in sein eigenes kleines Kraftwerk ziehen: Plusenergiehäuser produzieren so viel Solarenergie, dass sie sie gar nicht selbst verbrauchen können. Die Bundesregierung bezuschusst den Bau der Umwelthäuser.

70 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland entfallen auf die Bereiche Verkehr und Gebäude. Der größte Posten ist dabei das Heizen. Entsprechend liegt hier – gerade im Zuge der von der Bundesregierung angekündigten Energiewende – ein enormes Sparpotenzial. Zwar stellen sich die Bundesländer bislang noch quer, die Förderung zur besseren Isolierung alter Gebäude mitzufinanzieren. Doch gibt es vor allem für Neubauten seit längerem innovative und hochentwickelte Ideen mit dem Potenzial, den Energiebedarf von Büro- und Wohngebäuden um ein Vielfaches zu senken. Inzwischen werden Häuser gebaut, die nicht nur keine Energiefresser, sondern sogar autarke kleine Kraftwerk sind; die nicht nur viel weniger Energie verbrauchen als der Großteil aller Gebäude in Deutschland, sondern die selbst mehr - saubere - Energie produzieren, als sie benötigen.

Im Vergleich zum Passivhaus lässt sich auch eine gewisse optische Verbesserung feststellen.
Im Vergleich zum Passivhaus lässt sich auch eine gewisse optische Verbesserung feststellen.

Plusenergiehaus heißt das dann, seit Kurzem wird ihr Bau auch vom Bundesverkehrsministerium (BMVBS) gefördert. Nach Niedrigenergie- und Passivhaus sind sie der nächste Evolutionsschritt in Sachen Energieeffizienz beim Hausbau. Niedrigenergiehäuser zeichnen sich, der Name deutet das an, durch einen sehr geringen Energieverbauch im Vergleich zu "normalen" Gebäuden aus. So darf ihr Bedarf an Heizwärme im Jahr maximal 70 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter betragen. Hinzu kommt eine effiziente, hochmoderne Dämmung, der Einsatz von Wärmeschutzglas sowie von Techniken, die die Abgabe von Wärme nach außen verhindern. Diese Verfahren wurden bei der nächsten Generation, den Passivhäusern, noch einmal weiterentwickelt. Hier wird nicht nur auf niedrigen Verbrauch geachtet, sondern auch – und wieder suggeriert es der Name – auf die Erschließung passiver Energiequellen. Ihre noch bessere Dämmung erlaubt es, sowohl die Kraft der Sonneneinstrahlung als auch die Eigenwärme von Menschen zum Aufheizen der Innenräume zu nutzen. Niedriger Energieverbrauch ist dabei natürlich auch beim Passivhaus ein wichtiger Baustein.

Bis zu 150.000 Euro Zuschuss

"Mein Haus ist meine Tankstelle" lautet das Motto des Berliner Pilotprojekts.
"Mein Haus ist meine Tankstelle" lautet das Motto des Berliner Pilotprojekts.(Foto: picture alliance / dpa)

Beim Plusenergiehaus kommt nun noch die hocheffiziente, umweltfreundliche Eigenproduktion der Energie hinzu. Und die liegt eben so hoch, dass neben den Mengen für den Eigenbedarf sogar noch etwas übrig bleibt. Das BMVBS fördert das in 2011 nun zunächst mit 1,2 Mio. Euro. Jeder Antragsteller kann mit einem Zuschuss von bis zu 150.000 Euro rechnen. Nach Auskunft einer Ministeriumssprecherin sind davon maximal 80.000 Euro für "Technikförderung" sowie 70.000 Euro für "wissenschaftliche Begleitung" vorgesehen. Zusätzlich finanziert das BMVBS mehrere Pilotprojekte. In Berlin entsteht derzeit zum Beispiel ein Plusenergiehaus, das doppelt so viel Energie produzieren soll, wie es verbraucht. Der Modellversuch sieht vor, den Überschuss zum Betrieb eines zum Haus gehörenden Elektroautos zu nutzen, es gibt Kooperationen mit mehreren Autobauern. Ab 2012 soll dann eine vierköpfige Testfamilie das rund 130 Quadratmeter große Haus probehalber für ein Jahr bewohnen.

"Dieses Forschungsprojekt soll das Flaggschiff für eine neue Gebäudegeneration werden", sagt Rainer Bomba, Staatssekretär im BMVBS. Man erhoffe sich neue Erkenntnisse zur Verbesserung des Energiemanagements moderner Gebäude. Doch die gibt es längst. So setzte das Freiburger Architekturbüro Rolf Disch SolarArchitektur den Bau einer Solarsiedlung mit insgesamt 59 Plusenergie-Wohnhäusern sowie des Büro- und Gewerbekomplexes "Sonnenschiff" um. Nach eigenen Angaben sparen beide Projekte zusammen jedes Jahr umgerechnet 200.000 Liter Heizöl beziehungsweise 500 Tonnen CO2-Emissionen ein.

Solarstrom auch für die Nachbarn

Und so funktioniert es: Hauptenergiequelle eines Plusenergiehauses ist die Sonne. Das Dach besteht zu weiten Teilen aus einer Photovoltaik-Anlage, solarthermische Kollektoren erwärmen das Wasser im Haus. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Südausrichtung der Gebäude. Besonders im Winter wird dadurch die direkte Sonneneinstrahlung auf die großzügige Glasfront genutzt, um das Gebäudeinnere aufzuwärmen: Die hochlichtdurchlässige Verglasung ist dreifach isoliert, hält dadurch die Wärme im Haus. Die hoch stehende Sommersonne wird dagegen durch einen klassischen Dachüberstand abgeschirmt, sodass es auch bei hohen Außentemperaturen kühl bleibt im Haus. Hinzu kommt eine hocheffiziente Dämmung gemäß dem Passivhausstandard sowie ein ausgeklügeltes Lüftungssystem, das eine dauernde Frischluftzufuhr gewährleistet und dabei trotzdem kaum Wärme nach außen abgibt.

Besonders wichtig sind die großen Fenster an der Südfassade.
Besonders wichtig sind die großen Fenster an der Südfassade.

Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, um das Haus vor allem im Winter warmzuhalten, den reibungslosen Betrieb aller Haushaltgeräte oder warmes Wasser zu jeder Tages- und Jahreszeit zu garantieren, kann Energie aus regenerativen Quellen hinzugekauft werden. In der Praxis ist das jedoch nicht nötig, ganz im Gegenteil. Die Erfahrungen der Architekten zeigen, dass die Plusenergiehäuser tatsächlich einen Überschuss an Energie produzieren, der in die öffentlichen Netze abgegeben oder zur Versorgung benachbarter Häuser verwendet werden kann.

Die Entwicklung geht weiter

Nach Angaben von Disch SolarArchitektur liegt das Plus im Durchschnitt bei jährlich 36 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Der gesetzlich vorgeschriebene Standard sieht einen Energieverbrauch von 260 kWh pro Quadratmeter und Jahr vor – der Bundesdurchschnitt liegt Schätzungen zufolge bei über 400 kWh. Ein Passivhaus darf ebenfalls bis zu 120 kWh Fremdenergie verbrauchen. Das Plusenergiehaus nun produziert im Idealfall 115 kWh selbst. Legt man der Berechnung des Verbrauchs Faktoren wie das energiesparende Verhalten der Bewohner und den Gebrauch sparsamer Haushaltsgeräte zugrunde, so liegt dieser im Schnitt bei 79 kWh pro Quadratmeter. Was in der Summe nichts anderes bedeutet, als dass ein Plusenergiehaus durchschnittlich einen Überschuss von 36 kWh an "sauberer" Energie erwirtschaftet.

Und nach Einschätzung der Architekten wird das mittelfristig noch mehr werden, da weiterhin an noch effizienteren Techniken gearbeitet wird. Mittelfristig gehen sie von einem möglichen Überschuss von 200 kHw pro Jahr und Quadratmeter aus. Der Nachteil liegt dabei wohl in erster Linie noch im Preis. Da ein Plusenergiehaus allerdings keine Nebenkosten, sondern durch den Produktionsüberschuss vielmehr Nebeneinnahmen produziere, tragen sich die Mehrkosten laut Disch SolarArchitektur im Vergleich zum Bau eines konventionellen Hauses wie von selbst. Was genau der Bau eines brandneuen Plusenergiehauses kostet, war allerdings nicht herauszufinden.

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Quelle: n-tv.de

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