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Friedlich, aber unhöflich: Fans des SV Werder Bemen.
Friedlich, aber unhöflich: Fans des SV Werder Bemen.(Foto: picture alliance / dpa)

Polizei sieht mehr Gewalt im Fußball: 99 Prozent der Fans sind friedlich

Von Stefan Giannakoulis

Das Fußballstadion ein Hort der Brutalität? Wer den Zahlen der Polizei glaubt, kann aufatmen. Demnach hat die überwältigende Zahl der Zuschauer in den beiden Bundesligen mit Randale nichts am Hut. Die Behörde sieht anhand ihrer Statistik "Ausschreitungen auf ansteigend hohem Niveau".

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Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) des Landesamtes für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg hat ihre Statistik zur Fußballsaison 2011/2012 veröffentlicht. Ihr Fazit: "Ausschreitungen durch aggressive und gewaltbereite Personen in der Fußballfanszene bewegen sich seit Jahren auf einem ansteigend hohen Niveau." Diese Interpretation deckt sich mit der Lesart eines großen Teils der veröffentlichten Meinung. Die "Bild"-Zeitung, der die Zahlen laut eigener Angabe vorab vorlagen, titelte: "Immer mehr Gewalt in der Bundesliga". Der "Focus" berichtete über einen "traurigen Bundesliga-Rekord", der "Stern" schrieb: "Gewalt im Fußball: Straftaten nehmen rapide zu". Wer noch nie in einem Bundesligastadion war, könnte den Eindruck bekommen, er sei dort nicht sicher.

Für die 1142 Verletzten in der vergangenen Spielzeit gilt das ganz bestimmt. Das sind immerhin 296 mehr als in der Saison 2010/2011 und ohne Frage 1142 zu viel. Doch im Vergleich relativiert sich diese Zahl, und zwar gewaltig. Die Informationsstelle berichtet nämlich auch, dass sich 18,7 Millionen Zuschauer in der vergangenen Saison die 612 Spiele der beiden deutschen Profiligen im Stadion angesehen haben. Wer die Zahl der 1142 Verletzten dazu ins Verhältnis setzt, kommt auf 0,006 Prozent. Dieser Promillewert sinkt weiter vor dem Hintergrund, dass die ZIF in ihrer Statistik 145 Spiele anderer Wettbewerbe wie den DFB- und den Europapokal berücksichtigt, ohne anzugeben, wie viele Zuschauer dort waren. Offen bleibt auch, wie viele Menschen bei Polizeieinsätzen verletzt wurden - zum Beispiel beim Einsatz von Pfefferspray. Dazu heißt es nur: "Weitergehende Erkenntnisse über den Grad der Verletzungen und deren Ursachen liegen nicht vor."

"Solche Zahlen sind eine Erfolgsmeldung"

"So viele Verletzte wie in einem Jahr Bundesliga gibt es an einem einzigen Tag auf dem Oktoberfest", hatte Helmut Spahn, ehemaliger Sicherheitsbeauftragter des DFB, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vor einigen Wochen zum Thema Gewalt in deutschen Stadien gesagt. Auch wenn diese Aussage etwas zugespitzt ist: Ihn ärgert, "dass auf der einen Seite von Tradition und Brauchtum gesprochen wird, auf der anderen Seite von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Daran sieht man, dass es zum Teil auch eine verlogene Debatte ist." Wer die Bilanz einer Bundesligasaison im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen betrachte, könne fast sagen: "Solche Zahlen sind eine Erfolgsmeldung." Alles eine Frage der Interpretation? Die Informationsstelle Sporteinsätze begründet ihre negative Einschätzung der Lage mit sehr vielen Zahlen. So seien zum Beispiel in der vergangenen Saison rund um die Spiele in der Bundesliga und der Zweiten Liga 4504 Strafverfahren gegen Zuschauer eingeleitet worden. In der Spielzeit 2010/2011 seien es noch 3690 gewesen. Aber: Wie viele dieser Verfahren eine Verurteilung nach sich zogen, verrät die Statistik nicht.

Ähnlich wie bei der Zahl der Verletzten verhält es sich mit den 11.373 Personen, die die Behörde als Gewalttäter einstuft. Auch sie bewegt sich im Promillebereich. Dabei unterscheidet die ZIF zwischen A-, B- und C-Fans. Kategorie A ist der "friedliche Fan", zu der demnach mehr als 99,9 Prozent der Zuschauer gehören. Anhänger der Kategorie B gelten als "gewaltbereit" oder "gewaltgeneigt", laut Statistik sind das geschätzte 8480 Personen. Die 2893 Fans der Kategorie C sind in der Polizeisprache "gewaltsuchend".

Allerdings, das räumte auch Sicherheitsexperte Spahn ein, sei die Gewaltbereitschaft und die Brutalität bei Auseinandersetzungen gestiegen. Das sei in der gesamten Gesellschaft zu beobachten. Das deckt sich mit den Erfahrungen der Polizisten, die in und vor den Stadien arbeiten. Sie berichten über "eine gesteigerte Aggressivität sowie eine Solidarisierung gegenüber den Ordnungsdiensten und den Einsatzkräften der Polizei".

Quelle: n-tv.de

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