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Leipziger solidarisieren sich im April 2010 mit dem Roten Stern.
Leipziger solidarisieren sich im April 2010 mit dem Roten Stern.(Foto: Roter Stern Leipzig)
Sonntag, 05. Juni 2011

Wie Neonazis den Fußball missbrauchen: Angriff von Rechtsaußen

von Thomas Badtke

Im Fußball sehen Rechtsextreme ein Feld, in dem sie ihre menschenverachtenden Ansichten verbreiten und neue Anhänger gewinnen können. Beispiele dafür gibt es genug, wie Ronny Blaschke mit seinem neuen Buch beweist.

Fußball ist eine Volksbewegung. Mehr als sechs Millionen Mitglieder hat der DFB. Weitere Millionen schauen fasziniert zu, wenn Woche für Woche gegen den Ball getreten wird - egal ob auf dem Ascheplatz im 500-Seelen-Dorf irgendwo in einer Kreisliga oder in der hochmodernen Multifunktionsarena eines Bundesligavereins. Fußball fasziniert die Massen und ist damit auch interessant für die braunen Agitatoren am rechten Rand der Gesellschaft.

Ronny Blaschke deckt mit seinem Buch "Angriff von Rechtsaußen" auf, wie Neonazis den Fußball für sich instrumentalisieren.
Ronny Blaschke deckt mit seinem Buch "Angriff von Rechtsaußen" auf, wie Neonazis den Fußball für sich instrumentalisieren.

In den TV-affinen Bundesligen sind zwar die Schmähgesänge gegen farbige Spieler weitgehend verschwunden, auch Spruchbänder mit rechtsradikalem Gedankengut gibt es in den Profiligen nicht mehr zu sehen. Der "Angriff von Rechtsaußen", den der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem gleichnamigen, neuen Buch beschreibt, erfolgt einige Etagen tiefer, denn die rechte Szene ist "untergetaucht". Was im ersten Moment positiv klingt, stellt eine große Gefahr dar: Denn während Millionen Menschen jeden Samstag die heile Fußballwelt in der "Sportschau" sehen - Tore, Zweikämpfe, Interviews, alles völlig unpolitisch - kämpfen unterklassige Amateur- und Freizeitvereine gegen die Unterwanderung durch Neonazis.

Stimmenfang am Stadion

Ein Beispiel dafür ist der ostdeutsche Traditionsverein 1. FC Lokomotive Leipzig, 1987 steht Lok im Finale des Europacups der Pokalsieger. Nach der Wende geht es stetig bergab - bis zur Pleite. Die Neugründung erfolgt 2003 von 13 Fans, die fest an "ihren" Verein glauben und zu ihm stehen. Am Anfang ist jede helfende Hand gern gesehen. Da macht es erst einmal auch nichts, wenn sich der ein oder andere Neonazi darunter befindet. Mit dem ständigen sportlichen Erfolg - der Klub kämpft sich von der 11. bis in die 5. Liga nach oben - wächst aber auch der Druck auf das Präsidium, sich von rechtsextremen Anhängern zu distanzieren. Das passiert. Es werden Hausverbote ausgesprochen.

Coveransicht von "Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" (Verlag Die Werkstatt). Seit 1. Juni ist es im Handel.
Coveransicht von "Angriff von Rechtsaußen - Wie Neonazis den Fußball missbrauchen" (Verlag Die Werkstatt). Seit 1. Juni ist es im Handel.

Die rechte Fanszene blüht aber weiter: Statt plump im Stadion auf Mitgliederwerbetour zu gehen, stehen die Rechten nun vor dem Stadion - auf öffentlichem Grund - und verteilen Flyer und Sticker der NPD. Es ist Juli 2009, es ist Wahlkampf. Die NPD sitzt im sächsischen Landtag und erhielt 2004 fast die gleiche Stimmenzahl wie die Volkspartei SPD. Die Klubverantwortlichen können nur hilflos zuschauen, wie die rechten Rattenfänger ihre Arbeit verrichten. Die alarmierte Polizei rückt wieder ab.

Den Neonazis gelingt es binnen zwei Jahren aus der Fangruppe Blue Caps eine rechtsextreme Bruderschaft zu machen, wie Blaschke schreibt. Geschult werden sie im Leipziger NPD-Quartier. Via Internet und SMS mobilisieren sie sich. An mehreren gewalttätigen Übergriffen sollen sie beteiligt gewesen sein, gegen Fangruppen des Lok-Intimfeindes BSG Chemie oder gegen den anti-rassistisch geprägten Verein Roter Stern Leipzig.

Braune Intermezzi

Wie bei Lokomotive die Entwicklung weitergeht? Noch wehren sich offenbar zu wenig Lok-Fans gegen die Unterwanderung von Rechtsaußen. Der VfB Lübeck liefert dagegen ein erfolgreiches Beispiel: 2006 gründet die NPD dort einen Fanklub und versucht so, die Lübecker Fanszene zu infiltrieren. Es gelingt nicht. Zu groß ist der Widerstand. Ultras drängen die "Lübsche Jugend" aus den Internetforen des Vereins und mit Protestaktionen auch aus dem Stadion.

Auch bei den Fans des 1. FC Union Berlin beißt die NPD auf Granit. Das gibt der Geschäftsführer und Pressesprecher der Partei, Klaus Beier, unumwunden zu. Er spricht aber auch ebenso unverhohlen darüber, dass Fußball Teil einer Strategie seiner Partei sei, um in die "Mitte der Gesellschaft" vorzudringen. Er bezeichnet Fußballklubs als "letzte Fixpunkte" in einer globalisierten Welt.

Bestandsaufnahme und Diskussionsgrundlage

"Im Schatten des Spiels", Blaschkes zweites Buch, erschien ebenfalls im Verlag Die Werkstatt.
"Im Schatten des Spiels", Blaschkes zweites Buch, erschien ebenfalls im Verlag Die Werkstatt.

Das sind nur einige Beispiele, die Blaschke in seinem Buch aufführt. Insgesamt gibt es mehr als 20 Kapitel in "Angriff von Rechtsaußen". Jedes davon ist eine kleine abgeschlossene Geschichte, sehr gut recherchiert und spannend geschrieben. Das Spektrum ist dabei breit gefächert: Es kommen Vereinsfunktionäre zu Wort, Profifußballer wie Halil Altintop oder Yves Eigenrauch, NPD-Funktionäre wie Beier oder Stephan Haase, Schiedsrichter aus Lüdenscheid, der "Unparteiische mit Parteibuch", wie Blaschke schreibt. Aber auch Gewaltforscher und Erziehungswissenschaftler versuchen zu erklären, was den Fußball für Neonazis so interessant macht. DFB-Präsident Theo Zwanziger und der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, schildern, warum Fußball ganz und gar nicht unpolitisch ist.

Am Ende bietet "Angriff von Rechtsaußen", erschienen im Verlag "Die Werkstatt", eine längst fällige Bestandsaufnahme dazu, wie Neonazis das Verständnis von Demokratie und Toleranz im Fußball nachhaltig schädigen und wie sie durch ihre Tätigkeit als Schiedsrichter, Ordner oder Ultra für mehr Akzeptanz ihres Gedankenguts in der breiten Öffentlichkeit werben. "Angriff von Rechtsaußen" rüttelt wach und zeigt, dass auch und gerade der Fußball kein politikfreier Raum ist, aber ein Raum, für den es sich lohnt zu kämpfen.

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Quelle: n-tv.de

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