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Pose: der Pate.
Pose: der Pate.(Foto: dpa)

Schwarzer Tag für den Weltsport: Blender Blatter duldet Korruption

von Christoph Wolf

Das sportpolitische Beben wird zur Farce: FIFA-Boss Blatter darf plump Reformen versprechen, statt brisante Dokumente zu veröffentlichen. IOC-Präsident Rogge erteilt dem korrupten Alt-Funktionär Havelange Absolution. Vertuschen bleibt in der Spezialdemokratie Sport wichtiger als Aufklärung.

FIFA-Präsident Joseph Blatter verspricht Reformen und tut nichts.
FIFA-Präsident Joseph Blatter verspricht Reformen und tut nichts.(Foto: AP)

Glaubwürdig war sie ohnehin nicht. Nun ist die Ankündigung von Präsident Joseph Blatter, bei der nächsten Exekutivsitzung endlich den ersten Schritt hin zu Transparenz im Fußball-Weltverband zu machen, auch offiziell Makulatur. Die für den 17. Dezember in Aussicht gestellte freiwillige Veröffentlichung brisanter Gerichtsakten zum ISL/ISMM-Skandal fällt aus. Eine der beteiligten Parteien, ließ die FIFA wissen, habe rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichung der ISL-Dokumente eingeleitet. Details dazu, wie diese juristischen Hürden aussehen und wann sie aus dem Weg geräumt sind, blieb die FIFA schuldig.

Mit dieser Verzögerungstaktik bleibt sich Blatters FIFA, die sogar Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge als "Korruptionsstadel" schmäht, treu: Versprechen, für Transparenz und Aufklärung zu sorgen, folgen entweder nur Placebo-Aktionismus, Täuschungsmanöver, Gefälligkeitsinterviews oder gar keine Maßnahmen, oft verknüpft mit geschickten PR-Blendgranaten. Die einzigen FIFA-Reformen, die Blatter wirklich am Herzen liegen, sind Umbauten seiner Kommunikationsabteilung. Dort sind inzwischen mehrere Spin-Doktoren tätig, und sie machen ihre Sache gut.

Kann es tatsächlich Zufall sein, dass just am Tag nach der schmachvollen Flucht von FIFA-Ehrenpräsident Joao Havelange aus dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Deutschlands größter Boulevardzeitung ein Interview erscheint, in dem Blatter alle Korruptionsvorwürfe unwidersprochen vom Tisch wischen darf? Und in dem der FIFA-Präsident plötzlich deutsche Profi-Schiedsrichter verlangt und die Einführung von Torkameras in der kommenden Saison in Aussicht stellt, nachdem sich die Technikfeinde der FIFA Hilfsmitteln jahrelang verweigert haben?

Gezielte Ablenkung

Für die FIFA hatte der mediale Trubel um deutsche Profi-Schiedsrichter und Tortechnik den erwünschten Effekt: Die Nicht-Veröffentlichung der ISL-Akten, die im Boulevard-Interview nicht zur Sprache kam, fiel bei so vielen Nebengeräuschen weniger ins Gewicht. Auch, weil Blatter eben kein Interview oder eine Pressekonferenz zur Bekanntgabe wählte, sondern eine schlichte Mitteilung. Nachfragen: ausgeschlossen.

Die ISL-Akten, die Insidern zufolge Blatter und seinen sportpolitischen Ziehvater Joao Havelange schwer belasten, bleiben weiter geheim.
Die ISL-Akten, die Insidern zufolge Blatter und seinen sportpolitischen Ziehvater Joao Havelange schwer belasten, bleiben weiter geheim.(Foto: AP)

Überraschend ist der von der FIFA verkündete Aufschub auf irgendwann nicht. Er ist logisch, weil die vollständige Veröffentlichung Präsident Blatter sein Amt kosten dürfte. Das ISL-Papier dokumentiert laut FIFA-Experten, wie Blatters Verband die Verwicklung hochrangiger Funktionäre in den größten bekannten Korruptionsskandal der Sportgeschichte, die ISL/ISMM-Affäre, vertuscht hat.

Es beschreibt ein Abkommen zur Korruptionsverdunkelung, das FIFA-Ehrenpräsident Havelange, der brasilianische Verbandspräsident und WM-Organisator Ricardo Teixeira sowie der Weltverband selbst im Mai 2010 mit Schweizer Strafverfolgern geschlossen haben. Ziel: Die Namen von nachweislich korrupten Funktionären sollten geheim bleiben. Um zu vertuschen, welche hochrangigen FIFA-Funktionäre sich von dem früheren Sportvermarkter ISL jahrelang schmieren ließen, zahlten die drei Parteien eine Millionenstrafe.

Blatter hat Korruption geduldet

Blatter selbst soll nicht zu den Schmiergeldempfängern zählen, die Zahlungen aber gekannt und geduldet haben. Das sagte der Schweizer Journalist Jean Francois Tanda von der Schweizer "Handelszeitung" n-tv.de vor Blatters skandalumtoster Wiederwahl auf dem FIFA-Kongress Ende Mai, als die von Tanda angestrebte Veröffentlichung der ISL-Akten erneut juristisch verhindert wurde - von Blatters FIFA.

Joao Havelange verlässt das IOC als Ehrenmann und bleibt FIFA-Ehrenpräsident.
Joao Havelange verlässt das IOC als Ehrenmann und bleibt FIFA-Ehrenpräsident.(Foto: REUTERS)

Es ist nur ein Aufschub auf Zeit, davon ist Tanda überzeugt, ebenso wie von Blatters Verstrickung: "Das Dokument wird aufzeigen, wie die FIFA-Spitze, also Herr Blatter, zugeschaut hat, wie Kollegen Gelder in Empfang genommen haben, die eigentlich der FIFA gehörten." Kurios ist da Blatters Beteuerung, er "bleibe fest entschlossen, die Dokumente sobald wie möglich zu veröffentlichen". Die Aussage offenbart Chuzpe von Guttenberg'scher Dimension, da Blatter das Dokument seit 2010 vorliegt und er es jederzeit veröffentlichen könnte. Stattdessen haben hochbezahlte FIFA-Anwälte die von Medien wie "Handelszeitung" und BBC angestrebte und vom zuständigen Untersuchungsrichter Thomas Hildbrand bereits genehmigte Herausgabe wiederholt blockiert.

Weiter mit der Vogel-Strauß-Taktik

Einer der im ISL-Dokument genannten Schmiergeldempfänger ist nach Recherchen der investigativen Journalisten Tanda, Andrew Jennings und Jens Weinreich der Brasilianer Joao Havelange, Blatters Ziehvater und Vorgänger als FIFA-Präsident. Die IOC-Ethikkommission hat den Bestechungsvorwurf gegen Havelange intensiv geprüft und entweder eine Suspendierung oder die Verbannung seines einzigen verbliebenen Mitglieds auf Lebenszeit empfohlen, die am Donnerstag verhängt werden sollten. Ausgesprochen wird keine der Strafen: Um einer offiziellen Sanktion zu entgehen, flüchtete der 95-jährige Havelange am Wochenende aus dem IOC.

Für IOC-Präsident Jacques Rogge ist der Korruptionsfall Havelange nun keiner mehr. "Da Herr Havelange kein IOC-Mitglied mehr ist, wird es keine Ermittlungen mehr gegen ihn geben, denn er ist ein privater Bürger", sagte der Belgier: "Für mich hat sein Rücktritt mit seiner Gesundheit und seinem Alter zu tun."

IOC-Präsident Jacques Rogge (r.) ließ die Chance ungenutzt, die FIFA und Joseph Blatter in der Causa Havelange unter Druck zu setzen.
IOC-Präsident Jacques Rogge (r.) ließ die Chance ungenutzt, die FIFA und Joseph Blatter in der Causa Havelange unter Druck zu setzen.(Foto: dpa)

Legitime Fragen danach, zu welchen Ergebnissen die IOC-Ethiker bei der Prüfung der Vorwürfe gekommen sind und welches Strafmaß sie empfohlen haben, bleiben unbeantwortet - genauso wie im Fall von Jack Warner, der seinem FIFA-Rauswurf im Sommer durch seinen Rücktritt zuvorkam. Havelange geht offiziell nicht als korrupter Funktionär, sondern als gebrechlicher Mann. Schlimmer noch: Für die FIFA, die im Gegensatz zum IOC keine Ermittlungen gegen Havelange aufgenommen hat, besteht nun keine Notwendigkeit, ihre Vogel-Strauß-Taktik zu ändern. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mit dem Kameruner Issa Hayatou ein anderer FIFA-Funktionär vom IOC wegen ISL-Verstrickungen verwarnt werden dürfte. Das mögliche sportpolitische Beben entpuppt sich als Farce.

Offenkundig wird erneut, dass der Weltsport Transparenz nur auf dem Papier schätzt. Die Anfang Oktober in Köln auf der Sportjournalismus-Konferenz "Play the Game 2011" formulierte Hoffnung, das Internationale Olympische Komitee könnte den notwendigen Reformprozess im rapide an Glaubwürdigkeit verlierenden Weltsport anführen und auch die FIFA zu Transparenz zwingen, ist geplatzt. Denn anders als die ausweichende Antwort des IOC auf die im "Kölner Konsens" (als pdf) explizit formulierte Aufforderung, konkrete Maßnahmen einzuleiten, lässt die von Jacques Rogge erteilte Absolution für Joao Havelange nicht einmal Optimisten Platz für wohlwollende Interpretationen.

Quelle: n-tv.de

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