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Der Mythos vom Kiewer Todesspiel: Brotfabrik schlägt Wehrmacht

von Stefan Giannakoulis

Kiew im Sommer 1942. Die deutschen Besatzer versuchen, ihrem Vernichtungsfeldzug den Anschein von Normalität zu geben, und organisieren Fußballspiele. Höhepunkt ist die Begegnung zwischen einer Flakelf der Wehrmacht und dem Betriebsteams der Brotfabrik - in der fast nur Akteure der Meistermannschaft von Dynamo Kiew stehen. Die Ukrainer siegen - und die Partie geht als das Todesspiel in die Geschichte ein.

Historischer Ort: Eingang des Start-Stadions in Kiew, das seit 1981 so heißt.
Historischer Ort: Eingang des Start-Stadions in Kiew, das seit 1981 so heißt.

Vier gelbe Rosen liegen vor dem Denkmal, nicht mehr ganz frisch, eingewickelt in Zellophan. Neben dem Eingang zum Stadion stehen zwei Männer in dicken Jacken und trinken Bier am Kiosk. Um das, was früher mal ein Rasen war, drehen Läufer ihre Runden, Mütter schieben Kinderwagen, im Hintergrund die grauen Hochhäuser der Vorstadt Lukjaniwska. Es dämmert, Novembernachmittag in Kiew.

Am Abend wird die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen die aus der Ukraine spielen, eine Freundschaftspartie. 70.000 Zuschauer im frisch renovierten Olympiastadion werden sich über ein 3:3 und auf die Europameisterschaft im nächsten Sommer freuen. Vor 69 Jahren, am 9. August 1942, haben schon einmal deutsche Fußballer in Kiew gespielt. Sie kamen nicht als Freunde. Und spielten nicht im Olympiastadion, das da noch Rotes Stadion hieß, sondern hier im Stadion an der Marschalla-Ribalko-Straße, auf der ehemaligen Sportanlage Zenith.

Ein Mythos in der Ukraine

Die Partie zwischen einer Flakelf deutscher Die Plaudereien der Wehrmachtssoldaten und der Betriebsmannschaft der Kiewer Brotfabrik Nr. 3, die als FC Start antrat, ist als Todesspiel in die Geschichte eingegangen. Sie ist ein Mythos in der Ukraine. "Wir haben euch damals geschlagen. Dafür habt ihr unsere Jungs umgebracht", sagt der Verkäufer am Kiosk. Es ist nicht falsch, was er sagt, aber es hat sich auch nicht genauo so zugetragen. So, wie es die sowjetische Propaganda über Generationen verbreitet hat. Dass nämlich die Nazis direkt nach dem Spiel fast alle ukrainischen Spieler erschossen, als Rache für die Demütigung, noch in ihren roten Trikots - weil die es gewagt hatten, mit 5:3 zu gewinnen. Und dass schon in der Halbzeit ein SS-Mann den FC Start unmissverständlich davor gewarnt habe, als Sieger vom Platz zu gehen.

Ankündigungsplakat für das Revanchespiel: Die Namen der deutschen Spieler sind nicht vermerkt.
Ankündigungsplakat für das Revanchespiel: Die Namen der deutschen Spieler sind nicht vermerkt.
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Was die Besatzer, für die ebenfalls keine Amateure antraten, nicht wussten: In der Betriebsmannschaft standen keine Bäcker, sondern neun Spieler des sowjetischen Meisters Dynamo Kiew. Hinzu kamen drei Akteure des Lokalrivalen Lokomotive. Josef Kordik, Direktor der Fabrik und Dynamofan, hatte die Spieler unter seine Fittiche genommen und ihnen einen Job gegeben. Sie arbeiteten und wohnten in der Brotfabrik, nach dem Ende ihrer zwölfstündigen Schicht kickten sie auf dem Hof. Was die Qualität des Fußballs betrifft, ist das so, als würden heutzutage die Stars des FC Barcelona inkognito antreten. Deutsche Klubs hatten seit 1933 nicht mehr gegen sowjetische Mannschaften gespielt. Selbst die Stars von Dynamo Kiew waren den Wehrmachtssoldaten unbekannt.

Zynisch anmutende Absurdität

Mittlerweile gilt die Version als gesichert, die den Mythos vom Todesspiel widerlegt. Sie ist schlimm genug. Nach dem Stand der Forschung wurde ein Spieler eine Woche nach dem Spiel verhaftet und ermordet, weil er für den Geheimdienst gearbeitet haben soll. Drei Wochen später erschossen die Besatzer als Vergeltung für einen Partisanenangriff drei Fußballer im Arbeitslager Siretz. Ein direkter Zusammenhang mit dem Spiel, so das Fazit, sei nicht zu erkennen. Sechs weitere Spieler überlebten das Todeslager.

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Das sagt auch Claus Bredenbrock. Der deutsche Dokumentarfilmer hat mit Zeitzeugen gesprochen, hat 2005 einen Film gedreht. Und er hat die Geschichte des Spiels aufgeschrieben, als Beitrag im vor drei Jahren erschienenen Buch "Hakenkreuz und rundes Leder - Fußball im Nationalsozialismus", herausgegeben von Dietrich Schulze-Marmeling. Der Ukrainer Wolodimir Pristajko stützt in seinem Buch "Gab es ein Todesspiel? Dokumente zeugen" diese Lesart, ebenso der schottische Journalist Andy Dougan in "Dynamo: Defending the Honour of Kiev". Unstrittig bleibt die zynische Absurdität, dass im Kiew des Jahres 1942 im Besatzer und Besetzte gegeneinander Fußball gespielt haben.

Gut ein Jahr zuvor, am 19. September 1941, waren die Wehrmachts-Truppen der Heeresgruppe Süd auf ihrem Vernichtungsfeldzug in der Hauptstadt der Sowjetrepublik Ukraine einmarschiert. Kurz darauf ermordete ein Sonderkommando der SS beim Massaker von Babij Jar in einer Schlucht am Rande der Stadt in zwei Tagen mehr als 33.000 Juden. Und dann, im Sommer 1942, organisierten die Besatzer eine kleine Fußballliga in Kiew - um, wie es hieß, zur Normalisierung der Lage beizutragen.

"Das waren echte Helden"

"Neben dem Team der Brotfabrik Nr. 3, dem FC Start, sollten fünf Mannschaften gegeneinander antreten, nämlich das ukrainisch-nationalistische Team Rukh und vier weitere Mannschaften aus den Garnisonen und Dienststellen der deutschen Truppen und ihrer Verbündeten", schreibt Bredenbrock. Den Höhepunkt bildeten zwei Spiele zwischen dem FC Start und der Flakelf im Zenith-Stadion. Die erste Begegnung am 6. August 1942 gewann das Backfabrikteam vor mehr als 10.000 Zuschauern mit 5:1. Das hatten die Deutschen so nicht geplant - und setzten nur drei Tage später eine neue Partie an. Wieder war das Stadion voll, wieder gewann der FC Start, dieses Mal nach einem 0:2-Rückstand mit 5:3.

Symbol des Widerstands: Denkmal im Kiewer Start-Stadion.
Symbol des Widerstands: Denkmal im Kiewer Start-Stadion.

Bredenbrock zitiert Vladlen Putistin, den Sohn des Mittelfeldspielers Mikhail Putistin. Er stand als Balljunge hinter dem Tor und berichtet: "Die Zuschauer nahmen damals die Spiele besonders ernst. Sie waren bei allen Begegnungen wie elektrisiert, besonders aber bei der Revanchepartie gegen die deutschen Soldaten am 9. August 1942. Auf der Tribüne wurde 'Schlagt die Deutschen' gerufen." Damit meinten die Menschen nicht nur das Fußballspiel.

"Die Erinnerung an die Spiele des Sommers 1942 gehört bis heute zu den großen Legenden der Stadt Kiew und der untergegangenen Sowjetunion, vergleichbar dem Sieg der deutschen Weltmeistermannschaft 1954", zieht Bredenbrock sporthistorische Parallelen. Der Mann vom Kiosk sagt mit seinem Bier in der Hand: "Das waren echte Helden." Seine Hand weist zum Denkmal vor dem Stadion. Seit 1971 zeigt es einen Mann, der nackt und unbewaffnet einen Adler bezwingt.

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Quelle: n-tv.de

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