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Die Abgänge der Alphatiere Philipp Lahm und Xabi Alonso im Sommer werden den Bayern wehtun.
Die Abgänge der Alphatiere Philipp Lahm und Xabi Alonso im Sommer werden den Bayern wehtun.(Foto: REUTERS)

Das Ende einer Ära?: Der Umbau des FC Bayern wird wehtun

Von Tobias Nordmann und Stefan Giannakoulis

Der FC Bayern tritt mit Carlo Ancelotti an, um die Champions League zu gewinnen. Ein letzter großer Titel für die alte Garde, dann die Zäsur. Doch Real untergräbt den Plan und macht den Umbruch nun umso schmerzhafter.

Als Xabi Alonso in der 75. Minute den Platz verließ, war die Schlacht noch im Gange. Die Münchner führten mit 1:0. Sie hofften, sie waren nahe dran, Real Madrid im Bernabéu doch noch aus der Königsklasse zu kegeln. Xabi Alonso also trottete zur Seitenlinie, hob die Hände zum Dank und bekam diesen zurück. Von den Fans des FC Bayern und auch von denen der Madrilenen, die ihn bereits vor dem Anpfiff gefeiert hatten, als der Stadionsprecher seinen Namen vorlas. Der spanische Welt- und Europameister hatte das Spiel der Königlichen fünf Jahre lang geleitet und sie vor drei Jahren zur ersehnten Decima geführt, zum zehnten Triumph im Landesmeister-Pokal. Gemeinsam mit Trainer Carlo Ancelotti.

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Und gemeinsam hatten die beiden in diesem Jahr wieder etwas vor. Sie wollten wieder die Champions League gewinnen. Sie wollten die so beeindruckende europäische Dominanz des deutschen Fußball-Rekordmeisters nach drei Jahren unter Josep Guardiola mit jeweiligem Halbfinal-Knockout unbedingt wieder mit dem Henkelpott krönen - und die alte Garde der Münchener mit ihren sportlichen Alphatieren Xabi Alonso, 35 Jahre alt, und Kapitän Philipp Lahm, 33 Jahre alt, triumphal abtreten lassen. Diesen Plan aber zerstörte Reals unglaublicher Cristiano Ronaldo mit seinen fünf Toren in den beiden Viertelfinalspielen. Und je nach Perspektive auch Schiedsrichter Viktor Kassai im Rückspiel am Dienstagabend.

Die Bayern jedenfalls, sie schimpften nach dem dramatischen Verlängerungs-K.o. (2:4), sie witterten Betrug und sie wollten in ihrer Rage offenbar auch dringend nochmal mit Herrn Kassai reden, was die Stadionpolizei Medienberichten zufolge verhinderte. Der Ärger ist nachvollziehbar, das Gebaren nicht. Und es bleibt dabei: Die Münchener sind raus. Trotz einer spektakulären Leistung im Rückspiel gegen starke Madrilenen. Und vielleicht auch wegen des Schiedsrichters, der mehrmals zumindest diskussionswürdig entschied. Vor allem aber sind die Bayern ausgeschieden, weil sie sich im Hinspiel vor genau einer Woche einen fatalen Kontrollverlust in Halbzeit zwei leisteten und diese Hypothek nun nicht wettmachen konnten.

"Sein Flausen-Fußball irritiert die Bayern"

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Und es ist jenes Hinspiel, das die Bayern viel dringender analysieren müssen, als ihren mutigen Auftritt in Bernabéu. Das Hinspiel offenbarte brutal jene Kaderschwächen, mit denen sich der Klub in den kommenden Wochen beschäftigen muss, um den Umbruch ohne größere Unfälle für eine weiterhin sehr erfolgreiche sportliche Zukunft abzuwickeln. Denn die Mannschaft, die Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge bei seiner traditionellen Bankett-Ansprache im The Westin Palace-Hotel als "toll mit einem tollem Charakter" adelte, wird es so im Sommer nicht mehr geben. Mit den Karriereenden von Alonso und Lahm verliert der FC Bayern nicht nur den gewichtigsten Teil seiner sportlichen Führungskraft, sondern auch zwei Spieler, deren designierte Nachfolger ein schwer zu kalkulierendes Wagnis darstellen. Ein Wagnis, das den Handlungsdruck auf die Bayern-Bosse erhöht.

Für den Rückzug des Strategen Alonso haben die Münchener im vergangenen Sommer bereits gut vorgebaut. So dachten sie. Sie investierten etwa 35 Millionen Euro in Renato Sanches. Ein junger Portugiese von Benfica Lissabon, der die Bayern mit seiner robusten Spielweise im direkten Vergleich beeindruckt hatte und der dann im Sommer auch noch seine Nationalmannschaft an der Seite von Ronaldo zum EM-Titel führte. Renato Sanches kam also nach München - und enttäuschte. Während die "Bild"-Zeitung die Rasta-Rakete bereits zum "Glühwürmchen" reduzierte, analysierte die "Süddeutsche Zeitung" etwas wohlwollender: "Sein Flausen-Fußball irritiert die Bayern".

Tatsächlich ist es so, dass der gerade einmal 19-Jährige erhebliche Anpassungsprobleme hat. Während seiner immer weniger werdenden Einsatzzeiten - gegen Real war er nicht mal im Kader - trifft er gefühlt mehr falsche als richtige Entscheidungen. Dies alles ist indes gepaart mit den reflexartig extrem hohen Erwartungen aufgrund der Ablösesumme. Dass sie ihn dennoch starkreden, allen voran Rummenigge, ist löblich, aber wenig dienlich. Zwar ist Sanches ein guter Fußballer, doch der gleichsam aufgebaute Druck der Alonso-Nachfolge ist vor allem eins: ein großes Risiko.

Ein neuer Angreifer muss es sein

Deutlich weniger riskant erscheint da zunächst der Plan, Joshua Kimmich hinten rechts als ständigen Verteidiger in die Startelf zu implementieren und damit Lahm zu ersetzen. Unter Guardiola hat sich der inzwischen 21-Jährige zum unumstrittenen Nationalspieler entwickelt und bei der Europameisterschaft 2016 nicht nur Bundestrainer Joachim Löw von sich überzeugt. Wähnten die Bayern spätestens da mit seiner Verpflichtung im vorvergangenen Sommer einen echten "Big Deal" ausgehandelt zu haben, frustrierte Ancelotti den Defensiv-Allrounder in dieser Saison zum Bankdrücker. Dass er in nahezu allen entscheidenden Spielen nicht oder spät zum Einsatz kam, konterkariert in aller Deutlichkeit die Ankündigungen von Rummenigge, Kimmich in der kommenden Saison quasi alternativlos auf rechts zu vertrauen.

Am Dienstagabend durfte Kimmich übrigens ran. In der 88. Minute schickte ihn Ancelotti aufs Feld. Für Stürmer Robert Lewandowski. Warum der Wechsel? Nun, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Vielleicht war's taktischer Natur? Was kurz vor der Verlängerung, der dringenden Tatsache eines nötigen Sieges und eines möglichen Elfmeterschießens - Lewandowski ist der erste und beste Schütze im Kader - ziemlicher Quatsch gewesen wäre. Realitätsnäher liegt die Vermutung, die angeschlagene Schulter könnte dem Polen doch noch zu sehr wehgetan haben. Was die nächste Baustelle im Kader offenbart. Denn einen Ersatz für den Unersetzlichen gibt es nicht. Weder Thomas Müller, der sich ohnehin stark schwankend durch das Jahr lümmelt, noch sonst wen. Ein zweiter Kaderplatz im Sturm ist nicht besetzt. Die Möglichkeit, sich für eine Aufholjagd frischer Kräfte von der Bank zu bedienen, sie gibt es schlichtweg nicht.

So stark sich die Bayern und ihren Kader reden, so stark ist er nicht. Oder nicht mehr. Die Mannschaft ist seit Jahren auf den zentralen Positionen kaum verändert worden. Kaum ein Zugang hat es geschafft, das Level im Aufgebot massiv zu erhöhen. Das gilt, zumindest bisher, auch für die Flügelspieler Kingsley Coman und Douglas Costa, die perspektivisch die beiden Altmeister Arjen Robben, 33 Jahre alt, und Franck Ribéry, 34, ersetzen sollen. Und die Einkäufe der Hoffenheimer Niklas Süle, 21, und Sebastian Rudy, 27 Jahre alt, die im Sommer nach München kommen, werden international eher nicht als geworfener Fehdehandschuh im Kampf um die europäische Krone wahrgenommen. Ganz anders übrigens als 2014 die Verpflichtungen von Lewandowski, dem so gefürchteten Torjäger, und Alonso, dem Champions-League-Sieger, dem Superstrategen.

In Madrid schickte Ancelotti mit einer im Schnitt mehr als 30 Jahre alten Mannschaft die älteste Startelf in der Champions-League-Geschichte der Münchner ins Rennen - und hätte damit beinahe Erfolg gehabt. Diese Chance, diese letzte Chance aber haben die alten Männer um die abtretenden Xabi Alonso und Philipp Lahm gegen einen starken Gegner verpasst. Die Sehnsucht nach dem Henkelpott indes wird größer in München. Und das mitten im Umbruch. Es droht schmerzhaft zu werden.

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Quelle: n-tv.de

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