Sport
(Foto: picture alliance / dpa)

Dreistigkeit ist Trumpf: Hoeneß' Bayern in der Parallelwelt

Ein Kommentar von Axel Witte

Uli Hoeneß muss sich vor Gericht wegen Steuerhinterziehung verantworten, wird auf der Bayern-Hauptversammlung dennoch lautstark gefeiert. Dies ist Ausdruck einer speziellen Münchner Chuzpe - ein fragwürdiges Verhalten.

Ungetrübte Bewunderung. Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung seines FC Bayern.
Ungetrübte Bewunderung. Hoeneß auf der Jahreshauptversammlung seines FC Bayern.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Aufregung war riesig, als bekannt wurde: Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist ein Steuerbetrüger, ausgerechnet. Die Aufregung war nicht kleiner, als feststand: Selbst ein Hoeneß kommt deshalb vor Gericht. Die Reaktion im Verein war immer gleich: Die rot-weißen-Abwehrreihen schlossen sich. 

Das Selbstverständnis, mit dem der Fußball-Rekordmeister die Unmoral des Uli Hoeneß behandelt, ist entlarvend und zeigte sich zuletzt auf der Jahreshauptversammlung, wo Hoeneß von seinem FC Bayern bejubelt wurde.

Es kommt dem Versuch gleich, die autonome Republik Säbener Straße auszurufen und erinnert fatal an das inakzeptable Verhalten in Joseph Blatters "Korruptionsstadl" Fifa. Vor seinem Steuerfall hat Uli Hoeneß das gern öffentlich angeprangert. Nun ist der Tenor des Vereins unmissverständlich: Verantwortliche des FC Bayern sind gleicher. Daran ändert auch Hoeneß' jüngste Ankündigung unter Tränen nichts, er wolle sich nach seinem Steuerprozess einer Vertrauensfrage stellen.

Vom vorbestraften Vorstandsboss über den Ehrenpräsidenten, den Aufsichtsrat, den Sportdirektor bis hin zur Mannschaft wurde und wird primär herausgestellt, wie verdient sich der Fußballer, Manager, Präsident und Mensch Hoeneß um den deutschen Fußball im Allgemeinen und den Erfolg des Vereins im Speziellen gemacht hat. Der Steuerbetrug wird als Ausrutscher bagatellisiert, die Figur Hoeneß glorifiziert. Als Resultat halten Konzernlenker an Hoeneß als Aufsichtsratschef fest, in deren eigenen Unternehmen der 61-Jährige längst untragbar wäre.

Siegen für Ulrich H.

Kein Wort darüber, dass sich Hoeneß jahrelang als selbsternannte moralische Instanz zu gesellschaftspolitischen Themen geäußert hat, während er zeitgleich über ein Schweizer Schwarzgeldkonto an der Börse zockte. Ebenso wenig darüber, dass Hoeneß parallel zu seinen sozialen Wohltaten den Staat wohl um Millionen betrogen hat.

Stattdessen wird gezielt das altbekannte "mir san mir"-Gefühl beschworen  und sogar  die Forderung erhoben, für den Präsidenten zu siegen. Als gelte es, ihn auf diese Weise vor dem Lauf der Rechtsstaatlichkeit zu schützen. In bester Hoeneß-Manier wird die "Abteilung Attacke" bemüht und den Medien eine unfaire, überharte  Berichterstattung zum Vorwurf gemacht.  Dabei ist dort vielfach das Gegenteil der Fall. Viel zu oft ist vom harmlosen Verdacht der Steuerhinterziehung zu lesen. Der Steuerhinterzieher Uli Hoeneß wird zum lässlichen Steuersünder, Sport und Privatleben werden getrennt.

Dass der FC Bayern an den Erfolg dieser Strategie glaubt, ist Ausdruck dieser speziellen Münchner Chuzpe - und vor allem eins: ein sportspezifisches Missverständnis. Darüber, dass in der Parallelwelt Profifußball eigene Regeln gelten dürfen. Und darüber, dass dies die breite Masse der Zuschauer und Fans klaglos akzeptiert. Beides ist ein Irrtum.

Regeln und Gesetze gelten für alle. Auch Vorstandsbosse, Manager, Ehrenpräsidenten, Aufsichtsräte, Sportdirektoren und Fußballstars sind letztlich eines – Bürger. Genauso wie die vielen Fans, Bewunderer und Claqueure, die sich darüber im Klaren sein sollten, dass sie den Zirkus Profifußball durch ihre Eintrittsgelder, Stadionbesuche, TV-Gebühren und Merchandise-Artikel erst ermöglichen. Darüber hinaus werden auch viele Kosten für Stadionbauten und Polizeieinsätze aus Steuergeldern bestritten.

Es ist an der Zeit, dass sich auch die Fußballwelt rund um den FC-Bayern diesen Realitäten stellt und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird, anstatt zu verharmlosen, sich auf die Brust zu trommeln - und abzulenken. Zurückhaltung wäre ein erster Schritt.

Auch in der autonomen Republik Säbener Straße gelten die deutschen Gesetze - aber auch die alte Fußballerweisheit "Was zählt ist aufm Platz". Im Falle von Hoeneß sind dies die Räume des Oberlandesgerichts München II, Anpfiff ist der 10. März 2014. Dann heißt es endgültig: Willkommen in der Wirklichkeit, Ulrich H.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen