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Jürgen Klopp hat nach der Winterpause noch nicht erkennen lassen, dass er den BVB taktisch aus der Krise führen kann.
Jürgen Klopp hat nach der Winterpause noch nicht erkennen lassen, dass er den BVB taktisch aus der Krise führen kann.(Foto: imago/Eibner)
Montag, 09. Februar 2015

Dortmunder Krise nicht vorbei: Klopps BVB fehlt die taktische Klarheit

Von Constantin Eckner

In kürzester Zeit wandelt sich Borussia Dortmund von Europas größter Fußballattraktion zum Krisenklub. Coach Jürgen Klopp glaubt an die Wende, doch seinem Rettungsplan fehlt Klarheit. Klopps BVB läuft Gefahr, seinen Markenkern zu verlieren.

BVB-Trainer Jürgen Klopp spricht in dieser Saison häufig von "guten Ansätzen", die er beim Auftritt seiner Mannschaft gesehen hat. Tatsächlich hat seine Dortmunder Borussia zwar schon elf Ligaspiele verloren. Dabei wirkte sie aber oftmals überlegen. Nach der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Augsburg am vergangenen Mittwoch hatte aber auch Klopp genug. Er hatte einfach "keinen Bock mehr, über Ansätze zu sprechen".

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Durch den 3:0-Auswärtssieg gegen den SC Freiburg sah die BVB-Welt drei Tage später schon wieder freundlicher aus. Allerdings war der Gegner aus dem Breisgau kein Gradmesser. Der BVB wurde im Mittelfeld nicht unter Druck gesetzt, sodass Ilkay Gündogan und Shinji Kagawa die schnellen Spitzen unbedrängt in Laufduelle mit Freiburgs Verteidigung schicken konnten. Zudem wollten sich die Freiburger spielerisch aus dem 4-3-3-Pressing des BVB befreien, anstatt wie viele andere Dortmund-Gegner auf lange Bälle im Spielaufbau zu setzen. Das ging gründlich schief, musste Freiburgs Trainer Christian Streich einräumen: "Wir haben heute einfach ein furchtbares Spiel gemacht."

Und das gegen einen Gegner, der maximal demoralisiert angereist war. Nach einer Wintervorbereitung, die als großer Wendepunkt für den BVB beschworen worden war, waren die Dortmunder nach dem Spiel gegen Augsburg wieder dort angelangt, wo sich die Mannschaft bereits den Großteil der Saison über aufgehalten hatte: am Boden. Und das war nicht nur metaphorisch gesprochen.

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Die ebenso talentierte wie teure Mannschaft rangierte bis zum Sieg gegen den SC Freiburg auf Platz 18, das warf natürlich Fragen auf. Vor allem die: Ist Klopp noch der richtige Trainer, um die Wende zu schaffen?

Pressingproblem nicht angegangen

Der 47-Jährige konzentrierte sich laut eigener Aussage auf Stabilität und Defensivabläufe während des Wintertrainingslagers. Das war ein Schachzug, den man von Klopp erwarten konnte. Der BVB-Trainer neigt in Krisensituationen – bei vielen Verletzten oder einer Niederlagenserie – dazu, auf größere Stabilität zu setzen, wodurch allerdings der eigentliche Grundpfeiler des Dortmunder Spiels, das Pressing und Gegenpressing, zu kurz kommen könnte.

Lediglich eine öffentliche Trainingseinheit während der Vorbereitung beinhaltete Pressingfallen als konkrete Übung. Dabei war gerade das verwaschene, sehr fahrige Pressing in der Hinrunde ein Grund für die großen defensiven Probleme des BVB. Man hatte in der gegnerischen Spielhälfte keinen optimalen Zugriff, rückte aber trotzdem mit der kompletten Mannschaft weit auf, wie es im BVB-Pressing üblich ist. Das Resultat waren Tore nach langen Befreiungsschlägen der Gegner, die sehr simpel hinter die Dortmunder Abwehrreihe gelangten.

Stoisches Beharren auf 4-2-3-1

Winter-Neuzugang Kevin Kampl weiß, wie Pressing funktioniert. Bislang setzt der BVB aber andere Prioritäten.
Winter-Neuzugang Kevin Kampl weiß, wie Pressing funktioniert. Bislang setzt der BVB aber andere Prioritäten.(Foto: imago/Horstmüller)

Eine wirkliche Lösung hat man dafür allerdings noch nicht gefunden. Die Pressingintensität sah in der ersten Halbzeit gegen Augsburg sogar vielversprechend aus, was natürlich auch an der individuellen Qualität von Marco Reus und Co. liegt. Mit Kevin Kampl verpflichtete der BVB zudem einen Spieler, der unter Roger Schmidt bei Red Bull Salzburg zu einem extremen Balljäger ausgebildet wurde.

Wie sich allerdings Klopps Stabilitätsanspruch auswirkt, erscheint noch nicht klar. Zumindest erinnerte das Gegentor gegen Augsburg, als Halil Altintop mit erschreckender Leichtigkeit in den Strafraum der Dortmunder spazieren konnte, frappierend an die Hinrunde. Auch die Grundformation wurde nicht geändert. Weiterhin setzt Klopp auf das jahrelang erfolgreiche 4-2-3-1, wodurch sich jedoch zuletzt der Vorwurf ergab, dass dieses System mittlerweile abgestumpft sei. Doch bis jetzt negiert Dortmunds Trainer diese Vorwürfe und machte zumindest öffentlich die Misserfolge an den vielen Verletzten und einer schwierigen Sommervorbereitung fest.

Ausgeklügelter Plan fehlt

Lediglich eine radikale Maßnahme wurde gegen Bayer Leverkusen offensichtlich. Da die Rheinländer für ihr aggressives ballorientiertes Pressing bekannt sind, verzichtete der BVB auf einen geordneten Spielaufbau und schlug den Ball kompromisslos nach vorn. Es war genau jene Methode, mit der man selbst mehr als einmal geschlagen wurde. Diese strategische Ausrichtung erklärte auch die beängstigend niedrige Passquote von unter 50 Prozent und machte zudem deutlich, dass Klopp in der Krise pragmatischer wird - obwohl ein progressiver Fußballstil seine Mannschaft berühmt und berüchtigt gemacht hatte.

Deshalb bleiben Zweifel, inwieweit Klopp für die kurz- sowie langfristige Zukunft des BVB der richtige Trainer ist. Der Verein dürfte den Abstieg trotz aller Probleme höchstwahrscheinlich abwenden können. Dafür ist die individuelle Klasse für Gegner wie Freiburg schlicht zu groß.

Aber obwohl Klopp davon sprach, dass seine Mannschaft "taktisch weiter" sei, ist ein neuer ausgeklügelter Plan bis jetzt nicht zu erkennen. Ursprünglich war der aggressive Pressingfußball der Markenkern der Dortmunder. Nur wenn Klopp dieses Level trotz der Transformation vom Außenseiter zum millionenteuren Starensemble wieder erreichen kann, haben er und der BVB eine gemeinsame Zukunft.

Quelle: n-tv.de

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