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Ungehörter Protest: Das Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga ist durch.
Ungehörter Protest: Das Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga ist durch.(Foto: REUTERS)

Der Kuhhandel der DFL: "Konzept war und ist überflüssig"

Es ist nicht das Ende der Fankultur in Deutschland, doch das neue Sicherheitskonzept des Fußball geht zu wenig auf die Anhänger ein. Sagt Fanvertreter Ben Praße im Gespräch mit n-tv.de. Deswegen gelte es, zu retten, was zu retten ist. Sonst wird's gespenstisch.

Die deutschen Fußballklubs haben das neue Sicherheitskonzept abgesegnet, gegen den ausdrücklichen Willen der Fans. Aber Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), hat's versprochen. "Wir werden die Prävention und den Dialog weiter verbessern, das steht klar im Vordergrund." Ein Ansatz, auf den auch Ben Praße hofft. Der 29-Jährige ist Sprecher der Fanorganisation "Unsere Kurve". Und gibt sich im Gespräch mit n-tv.de trotz aller Enttäuschung versöhnlich - auch wenn er die Fankultur in Gefahr sieht.  

n-tv.de: Das Sicherheitskonzept ist durch. Enttäuscht?

Ben Praße: Ja, weil wir gehofft hatten, dass die Abstimmungen wenigstens vertagt werden, um dem Ganzen mehr Zeit zu geben. Wir hätten uns gewünscht, dass mehr Vereine dem immensen Druck der Politik nicht nachgeben, sondern noch einmal mit den Fans sprechen.

Können sich die Fans nicht trotzdem als Gewinner fühlen? Zumindest, was die Präsenz in den Medien und ihr Image betrifft?

Diese 12:12-Aktion, aber auch die Arbeit, die wir in den letzten Wochen im Hintergrund gemacht haben, sind ein sehr gutes Indiz dafür, wie gut organisierte Fans verschiedener Gruppen miteinander arbeiten und an einem Strang ziehen können. Das ist das Positive: Dass differenzierter über uns und das Sicherheitskonzept berichtet wird. Und dass es nicht mehr nur um die Meinungen der Politik und der Deutschen Fußball-Liga geht, sondern auch die Fans gehört und vor allem ernst genommen werden.

Dass die Fans fundamentaler Bestandteil des Spiel sind, dürfte doch spätestens jetzt jeder erkannt haben, oder?

Nur die DFL anscheinend nicht. Sonst hätte sie andere Beschlüsse gefasst oder das Ganze zumindest vertagt. Es geht hier um die breite Masse der Fans, nicht nur um Ultras, um die Leute, die in der Kurve die Stimmung machen. Es geht auch um den Haupttribünenbesucher, um wirklich alle Fans. Das ist vielen nicht bewusst. Dennoch: Wir sehen auch die Erfolge unserer Arbeit. Wer die erste und die zweite Version des Sicherheitspapiers vergleicht, der sieht, dass da massiv entschärft wurde.

Aber den Vereinen müsste doch klar sein, dass ihr Geschäftsmodell zusammenbricht, wenn die Fans nicht mehr mitmachen.

"Wir sind bereit, darüber zu reden": Ben Praße, 29 Jahre alt, leitet im richtigen Leben die IT-Abteilung einer Werbeagentur. Und ist Fan des FSV Mainz 05.
"Wir sind bereit, darüber zu reden": Ben Praße, 29 Jahre alt, leitet im richtigen Leben die IT-Abteilung einer Werbeagentur. Und ist Fan des FSV Mainz 05.(Foto: Maximilian Wulf)

Es kann nur zusammen funktionieren. Und nicht, wenn alles von oben herab diktiert wird oder alle schweigen. Die Verbände sind jetzt noch mehr in der Pflicht, den Dialog auch zu führen, den sie immer predigen. Die Klubs müssen das umsetzen. Es gab bis vor ein paar Wochen viele Vereine, die haben kaum mit ihren Fans gesprochen. Auch das ist ein positiver Aspekt: Dass sie die Kommunikation mit den Fans gesucht haben, suchen mussten, weil das eine Vorgabe der DFL war bei diesem Sicherheitspapier.

Was ändert sich durch das neue Konzept? Ist es nicht so, dass die Klubs weitgehend in Eigenregie - möglichst im Dialog mit den Fans - die Regeln aufstellen können?

Wir hätten uns gewünscht, dass nicht nur Entscheidungen getroffen werden, die sich gegen die Fans richten wie Kontrollen. Sondern auch Sachen, die mehr als bisher die Fans stärken. Es gibt die Ordnerschulung, ein guter Ansatz, die Fanbetreuer sollen mehr eingebunden werden, auch gut. Aber die DFL hätte die Fans vorher fragen sollen, was sie sich wünschen. Das wäre ein großer Schritt gewesen, den sie jetzt wenigstens im Nachhinein noch machen kann - um das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen.

Ist das neue Papier also überflüssig?

Es war und ist überflüssig, weil die Stadien sicher sind und wir über das Thema gar nicht hätten diskutieren müssen. Aber das neue Konzept lässt nicht nur Spielraum ins Positive, sondern auch ins Negative. Wer sagt denn, was lageabhängige Kontrollen sind? Wie wird die Einstufung der Risikospiele vorgenommen?

Die Formeln müssen mit Inhalt gefüllt werden. Das ist doch eine Chance.

Wir sind bereit, darüber zu reden. Hoffen aber, dass die DFL sich dann verbindlich positioniert und die Meinungen der Fans akzeptiert. Dass es unterschiedliche Meinungen unter den Fans gibt, das ist keine Frage. Wir reden von immerhin fast 20 Millionen Zuschauern. Gerade deswegen ist es ein sehr langwieriger Prozess. Und die Zeit haben wir, weil die Stadien sicher sind. Die Zeit sollte die DFL sich jetzt nehmen - und sich dem Druck der Politik entziehen.

War der Deal zwischen Liga und Klubs nicht clever, um die Politik zu beruhigen?

Das wäre ja ein Kuhhandel und nicht im Sinne der Sache, wenn man etwas beschließt, nur damit die Politik ruhig ist. Reinhard Rauball hat ja betont, dass die Liga nicht dem Druck der Politik nachgegeben hat.

Was ein Ligapräsident halt so sagt …

Es ist völlig falsch, nur über das Thema Sicherheit zu diskutieren, um irgendjemandem einen Gefallen zu tun. Das wird der Sache überhaupt nicht gerecht.

Aber die Vermutung, dass dem so ist, liegt nicht nahe?

Der Verdacht drängt sich schon auf, dass hier nur für die Politik etwas gemacht wurde. Es wurde ja mit den Fans am Anfang gar nicht gesprochen. Von daher sah das schon aus wie ein Placebo - was sich aber leider mehr und mehr verselbstständigt hat. Und das ist genau das Problem, dass die Diskussion von allen Seiten eine enorme Dynamik bekommen und sich hochgeschaukelt hat. Da muss jetzt Ruhe rein. Wir hoffen, dass es sachlich weitergeht. Weil die Sachlichkeit hat, vor allem bei der DFL, zuletzt ein wenig gefehlt.

Gehört das Thema Pyrotechnik auch zu dieser Sachlichkeit? Warum hat das so einen Symbolwert? Muss das sein?

"Unsere Kurve" steht dem neutral gegenüber. Wie setzen auf den Dialog und hatten eigentlich gehofft, dass sich alle Parteien - also Pyrotechniker, DFB, DFL - an einen Tisch setzen, um in Ruhe darüber zu reden, sachlich, konstruktiv und ohne Vorurteile.

Also was jetzt?

Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Verbände haben den Fehler gemacht, dass sie die Hand gereicht und dann hart wieder weggezogen haben. Ob die Pyrotechnik sein muss, sollen andere entscheiden. Wir stehen da als Vermittler zur Verfügung. Natürlich ist das ein großes Thema, das in den Medien immer wieder hochgekocht wird.

Wie geht's weiter?

Das wissen auch nicht, geben aber allen erst einmal ein bisschen Zeit, um sich abzukühlen. Die Winterpause steht vor der Tür. Und die sollte man dafür nutzen, um im Hintergrund ein paar Gespräche zu führen.

Aber das Ende der Fankultur sehen sie nicht?

Nicht das Ende, aber wir sehen die Fankultur in Gefahr. Das hat man ja in den Stadien gesehen, in den ersten zwölf Minuten der letzten drei Spieltage. Keiner wünscht sich, dass ein ganzes Spiel so abläuft, in so einer Totenstille. Selbst die Spieler gesagt haben, das sie diese Atmosphäre als gespenstisch empfunden haben.

Quelle: n-tv.de

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