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"Siehschd Andy? Do isch de Null."
"Siehschd Andy? Do isch de Null."(Foto: picture alliance / dpa)

Özil gibt den Boss, Lahm will nicht Mutti sein: Löws stehende Nullen auf dem Weg nach Rio

Von Stefan Giannakoulis, München

Ohne Gegentor überstehen Deutschlands beste Fußballer das WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich. Und da sie selbst dreimal treffen, ist Brasilien in Sicht. Torwart Manuel Neuer glänzt als Krake, Thomas Müller bleibt unberechenbar, Sami Khedira gibt den Chef. Und Mesut Özil legt verbal nach.

Ach ja, die Null. Da schießt die deutsche Fußball-Nationalelf nicht nur drei Tore gegen Österreich, sondern bleibt auch erstmals seit dem 3:0 in Kasachstan Ende März ohne Gegentor - doch Bundestrainer Joachim Löw mag gar nicht triumphieren. "Die Null freut mich auch, aber letztendlich zählt der Sieg." Wie das halt so ist, wenn es darum geht, sich für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren, die in gut neun Monaten in Brasilien beginnt. Oder anders gerechnet: Gewinnt die DFB-Elf ihre nächsten neun Pflichtspiele, steht sie am 13. Juli 2014 im Finale von Rio de Janeiro.

Deutschland - Österreich 3:0 (1:0)

Tore: 1:0 Klose (33.), 2:0 Kroos (51.), 3:0 Müller (88.)
Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Boateng, Schmelzer (46. Höwedes) - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus (90.+2 Draxler) - Klose (82. Sven Bender)
Österreich: Almer - Garics (78. Klein), Dragovic, Pogatetz, Fuchs - Alaba, Kavlak - Harnik, Ivanschitz (67. Burgstaller), Arnautovic (67. Sabitzer) - Weimann
Schiedsrichter: Mazic (Serbien) - Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)

Zunächst aber muss sie zwei der letzten drei Qualifikationsspiele dieser Gruppe C gewinnen, um ganz sicher dabei zu sein. Am kommenden Dienstag geht es in Torshavn gegen die Färöer, am 11. Oktober in Köln gegen Irland und am 15. Oktober in Stockholm gegen Schweden. Als Tabellenführer hat Deutschland 19 Punkte auf dem Konto und damit fünf mehr als Schweden auf Platz zwei - eine komfortable Situation. Das sah selbst der Bundestrainer so, der sich zu der kühnen Prognose verstieg: "Ich denke, dass wir die Gruppe auch gewinnen." In Euphorie ausbrechen wollte Löw aber nicht, dafür hatte seine Mannschaft den verdienten Sieg letztlich viel zu routiniert herausgespielt.

Aber zufrieden war er schon. Auch er weiß, dass es Schlimmeres gibt als den Umstand, dass die aufgeregte Diskussion um die Defensivschwäche seines Teams keine neue Nahrung bekommen hat. Und schließlich hatten seine Spieler weitgehend das gemacht, was ihr Trainer in Auftrag gegeben hat. "Wir wollten dafür sorgen, dass der Gegner in diesen 90 Minuten nicht das Gefühl hat, auf Augenhöhe zu sein." Bis auf einige wilde Anfangsminuten der Österreicher hat das geklappt. Miroslav Klose brach nach 33. Minuten den Bann, ein besonderes Tor, wie Sie vielleicht gehört haben. Toni Kroos (51.) und Thomas Müller zwei Minuten vor dem Ende der Partie sorgten dafür, dass am Ende ein blitzsauberes 3:0 gegen arg harmlose Österreicher zu Buche stand. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Der 27 Jahre alte Münchner spielte in seinem 40. Länderspiel gewohnt gut und auch gut mit - mitunter fast als eine Art Libero. Dreimal war er gefordert, dreimal rettete er prima: vor der Pause beim Fernschuss seines Vereinskollegen David Alaba, beim Fernschuss von Aleksandar Dragovic und nach 70 Minuten gegen den Stuttgarter Martin Harnik in bester Krakenmanier. Ein schöner Abend für ihn. "Für mich als Torwart war die wichtigste Erkenntnis, dass wir noch zu Null spielen können. Wir haben souverän gewonnen und das war wichtig."

Philipp Lahm ist nun im Klub der Hunderter.
Philipp Lahm ist nun im Klub der Hunderter.(Foto: dpa)

Philipp Lahm: Unter der Woche durften wir von seiner Mutter erfahren, dass ihr 29 Jahre alter Sohn prima Windeln wechseln kann. Und von ihm selbst, dass er nicht die Mutter der Kompanie sein will. Er sei froh, dass Miroslav Klose immer noch dabei sei. Und sonst so? Auch auf die Gefahr hin, dass wir uns wiederholen: Philipp Lahm vom FC Bayern München ist auch dann noch gut, wenn er schlecht aufgelegt ist. Gestern war er gut aufgelegt. War ja auch sein 100. Länderspiel. Der Kapitän bearbeitete die rechte Abwehrseite gewohnt souverän, gar fehlerlos, und hatte immer wieder die Muße, sich am Angriffsspiel zu beteiligen. Ein schönes Jubiläum mit einem routinierten Beitrag zur stehenden Null. Hinterher sagte er: "Wenn man gegen den Gruppenzweiten 3:0 gewinnt, ist das toll. Wir haben hinten wenig zugelassen und haben auch nach vorne sehr kreativ gespielt und unsere Tore gemacht." Geht doch.

Per Mertesacker: Es war schon eine kleine Überraschung, dass nicht der Dortmunder Mats Hummels, sondern der 28 Jahre alte Kapitän des FC Arsenal in der Startelf stand und so zu seinem 92. Länderspiel kam. Mertesacker zeigte in der Innenverteidigung neben dem Kollegen Boateng eine souveräne Partie, kopfballstark und kompromisslos im Zweikampf, vor allem mit Österreichs Stürmer Andreas Weimann. Zeichnete sich zudem dadurch aus, dass er meist dort stand, wo er stehen sollte - häufig war das weit hinter der Abwehr. Bildete dann mit Torwart Neuer dann sozusagen den Doppel-Libero. Interessanter Ansatz. Aber: Die Null blieb stehen.

Jerome Boateng bleibt auch nach Fehlern cool.
Jerome Boateng bleibt auch nach Fehlern cool.(Foto: AP)

Jerome Boateng: Vielleicht war es auch der 25 Jahre alte Münchner, der den Vorzug vor Mats Hummels in der Innenverteidigung bekam, so genau wissen wir das nicht. In jedem Fall blöd für Hummels. Zumal auch Boateng in seinem 31. Länderspiel, endlich auf seiner Lieblingsposition angekommen, ordentlich spielte. Wir können es ja jetzt verraten: So richtig schlecht war an diesem lauen Septemberabend vor den 68.000 Zuschauern in der ausverkauften Münchner Arena keiner der Löw’schen Eleven. Obwohl: Mitunter wirkte Boateng etwas unsicher und erlaubte sich einige Stellungs- und Stockfehler. Seine große Stärke ist, dass er nicht sichtbar nervös wird, wenn er etwas falsch gemacht hat.

Marcel Schmelzer: Auch der 25 Jahre Dortmunder trug in seinem 13. Länderspiel am linken Ende der Viererabwehrkette viel dazu bei, dass das DFB-Team ohne Gegentor blieb. Der Ex-Bremer Marko Arnautovic sah gegen ihn kein Land. Dass Schmelzer nach der Halbzeit gegen den 25-Jährigen Schalker Benedikt Höwedes ausgetauscht wurde lag daran, dass er sich im Gesicht verletzt hatte - Verdacht auf Kieferprellung. Höwedes bleibt damit auch in seinem 15. Länderspiel der Aushilfskellner in der deutschen Abwehr. Im Verein verteidigt er innen, manchmal auch rechts. Gegen Österreich nun musst er auf der linken Seite ran, eine Aufgabe, die er solide löste. Wir sagen nur: kein Gegentor. Auch so kann man sich das WM-Ticket sichern. Und, ein Bonuspunkt: Er leitete das 3:0 von Thomas Müller ein.

Sami Khedira: Eigentlich, so hieß es vorher, herrschte ja in der deutschen Mangel eine gewisse Sechser-Not, schließlich fehlten die verletzten Bastian Schweinsteiger und Ilkay Gündogan. Das trifft es sich gut, dass der Bundestrainer noch einen wie Khedira hat. Der 26 Jahre Madrilene ist eh gesetzt - und zeigte in seinem 41. Länderspiel auch, warum. Er hatte unter der Woche in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" angekündigt: "Es ist mein Anspruch, die Mannschaft mit zu führen." Und angemahnt, dass es in der Nationalelf nicht nur um das spektakuläre Offensivspiel gehe, sondern auch um das, "was uns stark gemacht hat, das kompakte und aggressive Verteidigen". Ein Mann, ein Wort. Dynamisch, zweikampfstark, kompromisslos und zuverlässig. Und auch in der Offensive stark.

Schussgewaltig: Toni Kroos.
Schussgewaltig: Toni Kroos.(Foto: AP)

Toni Kroos: Der 23 Jahre Münchner spielt zwar gerne auch etwas weiter vorne im Mittelfeld, die Defensivarbeit ist nicht sein Hobby. Er fand sich aber in seinem 36. Länderspiel als zweiter Teil der Doppelsechs neben dem Kollegen Khedira prima zurecht und war ständig präsent. Schließlich ist das eine Position, die ihm nicht gänzlich unbekannt ist, der Bundestrainer hatte ihn einst zum ersten offiziellen Zwischenspieler des DFB ernannt, als einer, der vornehmlich zwischen dem eigenen und dem Strafraum des Gegners agiert. Seine 94 Ballkontakte unterstreichen seinen Status als zentrale Anspielstation, zweitbester Wert des Abends. Nur Jubilar Lahm hatte einen Kontakt mehr. Kroos packte nach 51 Minuten den Hammer aus und traf aus 26 Metern zum 2:0, sein fünfter Treffer im Trikot der Nationalmannschaft.

Thomas Müller: Der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Bayern ist und bleibt der unberechenbarste Spieler im Kader der DFB-Elf. Und er gibt nie auf. Kam auf der rechten Seite in seinem 43. Länderspiel erst nicht so zum Zug, wie er es gewohnt ist. Und bereitete dann mit einer scharfen Hereingabe das Tor von Miroslav Klose vor, das ja ein ganz besonderes war. Stocherte dann auch noch kurz vor dem Ende der Partie den Ball zum 3:0 ins österreichische Tor, sein 15. Treffer insgesamt. "Das fühlt sich sehr gut an." Auch sonst hat ihm der Abend gefallen: "Es war schön, dass wir nach der Führung noch zwei Tore gemacht haben. Vor dem Spiel hätten alle ein 3:0 unterschrieben. Wir haben wenig zugelassen, da kann man sehr gut mit leben. Wir müssen jetzt weiter konstant spielen."

Mesut Özil: Der teuerste Spieler in der Geschichte des deutschen Fußballs war zu Beginn der Woche nicht nur für 50 Millionen Euro von Real Madrid zum FC Arsenal gewechselt, sondern offenbar auch beim Friseur. Sehr schnittig. Der 24 Jahre alte Spielmacher überragte jetzt in 47. Länderspiel zwar nicht, lief aber viel wie stets und demonstrierte, dass er schon ein Freund des feinen Passes ist. Legte allerdings auch die eine oder andere Kunstpause ein. Legte dafür hinterher verbal nach: "Wir freuen uns über das Ergebnis. Wir haben vorne Tore erzielt und hinten nichts zugelassen. Wir können stolz sein. Österreich hat ja vor dem Spiel etwas gestichelt. Wir haben heute auf dem Platz aber gezeigt, wer der Boss ist."

Marco Reus: Der 24 Jahre alte Hochbegabte aus Dortmund machte in seinem 17. Länderspiel nach 24 Minuten das, was er in jüngster Zeit öfter tut: Er vergab frei vor Österreichs Tormann Robert Almer eine Chance. Dennoch macht es Spaß, ihm beim Fußballspielen auf dem linken Flügel zuzuschauen, weil er so schön schnell ist und häufig in die Mitte drängt, wenn auch nicht immer zielgerichtet. Aber sein Hackenpass auf Thomas Müller war prima. Für ihn kam in der zweiten Minute der Nachspielzeit der noch knapp zwei Wochen 19 Jahre junge Schalker Julian Draxler zu seinem siebten Länderspiel.

Miroslav Klose: Geschafft. Der 35 Jahre alte Angreifer von Lazio Rom hatte zwar stets angekündigt, dass er Rekord eh irgendwann fällt, aber nach 33 Minuten in seinem 129. Länderspiel war es dann so weit: Tor Nummer 68 in bester Mittelstürmermanier, Gerd Müller eingeholt. Ein bis vorerst letztes Mal sei erwähnt, dass Müller für seine Treffer nur 62 Einsätze brauchte. Und dass Klose das weiß: "Das Tor bedeutet mit unheimlich viel, aber ich möchte mich nicht auf eine Stufe mit Gerd stellen." Und noch etwas soll nicht verschwiegen werden: Er kümmerte sich um die Defensive, ganz im Sinne des Bundestrainers. Auch er sorgte dafür, dass die Null stand. Leicht angeschlagen machte Klose nach 82 Minuten Platz für den 24 Jahre alten Dortmunder Sven Bender, der nun auf fünf Partien für Deutschland kommt.

Quelle: n-tv.de

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