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Bei RB ist der Wurm drin.
Bei RB ist der Wurm drin.(Foto: imago/Jan Huebner)
Sonntag, 12. März 2017

Überflieger in schwerer "Phase": RB Leipzig leidet am Ende der Leichtigkeit

Von Ullrich Kroemer, Leipzig

Während der VfL Wolfsburg dank Taktik und "Penetranz" von Trainer Andries Jonker neuen Mut schöpft und sich spielerisch aus dem Tabellenkeller befreit, sucht RB Leipzig nach Ursachen für den Leistungsknick. Dabei tun sich auch personelle Baustellen auf.

Nach Bundesligaspielen gegen RB Leipzig haben in dieser Saison noch nicht viele Mannschaften die Auswärtskabine im Leipziger Stadion mit guter Laune betreten. Genauer gesagt: zwei. Vor vier Wochen durfte der HSV bei RB jubeln. Und an diesem Samstag trug sich der VfL Wolfsburg in die ausgesuchte Liste der Auswärtssieger beim Red-Bull-Klub ein.

So war nach der jüngsten Partie mehrfach ein kraftvoll herausgepresstes "Jaaa!" aus dem Gästetrakt zu hören. Es war Wolfsburgs Offensivspieler Maximilian Arnold, der die Freude und Erleichterung über den 0:1 (0:1)-Auswärtssieg des abstiegsgefährdeten VfL beim Tabellenzweiten RBL lautstark herausstieß. Das Reden vor den Mikrofonen überließ der gebürtige Sachse dann anderen, Torschütze Mario Gomez zum Beispiel, der sagte: "Das Schönste am heutigen Tag war neben den drei Punkten die Spielanlage, wie wir unseren Plan umgesetzt haben. Man kann auch im Abstiegskampf gut Fußball spielen, wenn man Dinge gut vorbereitet und an sich glaubt."

Gomez, der eine Vorlage von Daniel Didavi zum frühen Tor des Tages (9.) verwandelte, betonte neben der hervorragenden taktischen Vorbereitung vor allem "die Penetranz" des neuen Trainers Andries Jonker. "Er übt mit uns so lange, bis die Dinge so sind, wie er es sich wünscht", sagte Gomez lächelnd. "Er gibt nicht nach, egal, ob ein 18-Jähriger oder ein 35-Jähriger vor ihm steht." Der 31 Jahre alte Nationalstürmer meinte damit wohl auch sich selbst.

Raus aus dem Tabellenkeller

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So wurde das Auswärtsspiel beim Überraschungsteam für Arnold, Gomez und Co. zu einer gefühlten Auferstehung. Gomez sagte: "Wir könnten eigentlich viel, viel besser sein, und glauben jetzt wieder daran, dass wir die Dinge auch in unserer Situation so lösen können, dass wir nicht nur blind nach vorn spielen und kämpfen, sondern dass wir das Heft auch selbst in die Hand nehmen." Hoffnungsträger Jonker hatte die Leipziger intensiv studiert und mit ihren eigenen Mitteln geschlagen – klassisch ausgecoacht sozusagen. "Wir haben versucht, früh Druck zu machen, die Reihen zwischen Verteidigung und Mittelfeld ganz, ganz kompakt zu halten, damit Spieler wie Keita und Forsberg nicht zwischen die Linien kommen können", erklärte Jonker hernach. "Ich denke, dass wir das überragend gemacht haben." Wenn die "Wölfe" ihrem Coach weiter so gut zuhören und sich derart von dem Niederländer inspirieren lassen, dürften die Niedersachsen bald nichts mehr mit dem Kampf um den Klassenverbleib zu tun haben.

Fan verstirbt vor RB-Spiel

Wie RB Leipzig bereits am Samstagabend per Twitter mitteilt hatte, ist vor dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg ein Fan der Leipziger durch plötzlichen Herztod ums Leben gekommen. Der Mann sei vor dem Stadion zusammengebrochen und wenig später im Krankenhaus verstorben. Zu Alter und Identität des Toten gibt es nur erste Anhaltspunkte. Laut Informationen der "Mitteldeutschen Zeitung" soll es sich bei dem Verstorbenen um einen Mitt-Fünfziger aus Leipzig handeln. Seine Identität sowie die genauen Umstände seines Todes sind noch unklar, weil der Mann keine Ausweispapiere bei sich gehabt haben soll. "Das ist ein sehr tragischer Moment, der vieles, was sonst passiert ist, in den Hintergrund rücken lässt", sagte Trainer Ralph Hasenhüttl am Tag nach dem Spiel.

Nebenan bei den Leipzigern war es deutlich stiller. Spieler und Trainer mussten eingestehen, dass nicht sie, sondern der VfL an diesem Nachmittag die bessere Taktik und Spielanlage und auch das Momentum auf ihrer Seite hatten. "Viele legen sich einen Plan zurecht, und viele Pläne haben wir in dieser Saison schon zerstört", sagte Abwehrchef Willi Orban. Gegen den VfL hat das nicht geklappt. "Dadurch, dass wir schon im Ansatz viele Fehler gemacht haben, sind wir nicht so richtig ins Umschaltspiel gekommen. Deswegen war es eine zähe Angelegenheit", musste Trainer Ralph Hasenhüttl eingestehen. Doch die Niederlage von Rasenballsport war kein vereinzelter Ausrutscher des Neulings. Vielmehr war dem Rekord-Aufsteiger die Last des frühen Gegentreffers ebenso wie die Bürde als Champions-League-Aspirant anzumerken.

Der Druck ist gigantisch

Bei der Pressekonferenz bestätigte das erstmals auch Hasenhüttl. "Die Erwartungshaltungen sind enorm", sagte der Österreicher. "Wir haben im Moment Schwierigkeiten, zu Hause nach Rückständen mit der selben Lockerheit zu spielen wie bei Vorsprüngen. Das ist sicherlich auch ein Lernprozess, den wir als Verein gehen müssen, dass jetzt die Phase kommt, wo nicht mehr alles so leicht von der Hand geht." Das waren durchaus neue, kritischere Töne, die der 49-Jährige da anschlug. Geknickt musste der Erfolgstrainer bekennen: "Das war heute kein gutes Spiel von uns. Wir haben nach vorn viele falsche Entscheidungen getroffen und haben es nicht verdient, hier mit einem Dreier oder einem Punkt rauszugehen."

Zwar hat RB Leipzig nach wie vor sechs Punkte Vorsprung auf Verfolger Borussia Dortmund, da auch die Konkurrenz regelmäßig patzt, wenn die Leipziger Punkte lassen. Doch dass auch die anderen Spitzenteams Punkte liegen lassen, ist für die Leipziger nur ein schwacher Trost. "Wenn die anderen nicht gewinnen, tut das gut, aber wir müssen unsere Spiele gewinnen", sagte Torhüter Peter Gulacsi. "Das ist unsere Aufgabe." Denn hinsichtlich der Bilanz – drei Niederlagen und ein Unentschieden in sieben Rückrundenspielen – ist Rasenballsport in der zweiten Saisonhälfte nur Mittelmaß.

Abwehrchef Willi Orban legte ebenfalls den Finger in die Wunden. "Wir müssen schauen, dass wir wieder unsere Linie finden, konsequenter spielen, in einigen Situationen nicht so sorglos verteidigen und stattdessen wieder mutiger und vertikaler spielen", forderte der Vize-Kapitän. "Wir müssen versuchen, wieder mehr Personal nach vorn zu bekommen, wo wir normalerweise die Balleroberungen haben." Mangelnder Einsatz ist übrigens keine Ursache für die Flaute der Leipziger: Mittelfeldstratege Naby Keita lief 11,5 Kilometer und war nach dem Spiel wohl derart ausgelaugt, dass er in der Kabine kollabierte und über Nacht im Krankenhaus beobachtet wurde.

Hasenhüttl wagt Neues

Dass RBL nicht mehr so verlässlich zu seinem Spiel findet, liegt vielmehr auch am Ausfall des verletzten Stürmers Yussuf Poulsen, der Bälle eroberte, hielt und für Timo Werner & Co. Räume schuf. Davie Selke traut Hasenhüttl diese Rolle offenbar nicht zu. Zwar lobte der Trainer den Olympia-Silbermedaillengewinner vor der Partie als seinen gefährlichsten Spieler im Strafraum, brachte zur zweiten Hälfte gegen Wolfsburg aber nicht etwa Selke, sondern den harmlosen U23-Stürmer Federico Palacios. Kapitän Dominik Kaiser, der seit Langem mal wieder in der Startelf randurfte, musste dafür das Spielfeld verlassen. Rani Khedira, der ansteigende Form hat und dem Spiel Wucht hätte verleihen können, wurde gar nicht berücksichtigt – allesamt Personalbaustellen, die das in der Hinrunde so geschlossene Teamgefüge bedrohen können. Hasenhüttl musste hinsichtlich der Aufstellung eingestehen: "Die Rechnung ist nicht so aufgegangen, wie wir uns das gewünscht haben."

Wie viele Teams in den verbleibenden fünf Heimspielen noch im Leipziger Stadion jubeln dürfen, wird also davon abhängen, welche Antworten der Tabellenzweite auf die taktischen und personellen Fragen haben wird, die das Spiel gegen Wolfsburg aufgeworfen hat.

Quelle: n-tv.de

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