Sport
Der Stein des Anstoßes: Die Polizei versucht beim Spiel gegen Saloniki, eine Fahne aus dem Schalker Block zu entfernen.
Der Stein des Anstoßes: Die Polizei versucht beim Spiel gegen Saloniki, eine Fahne aus dem Schalker Block zu entfernen.(Foto: imago sportfotodienst)

Schalker Experiment mit Vorbildcharakter: Schöner Fußball gucken ohne Polizei

Ein Kommentar von Christian Bartlau

Die Polizei will sich aus der Arena von Schalke 04 zurückziehen. Überspitzt formuliert, spielen die Beamten die beleidigte Leberwurst. Doch man kann es auch positiv sehen: als ersten Schritt zu einem Stadion ohne Polizei. Was für ein schöner Gedanke.

Jammerschade, dass Schalke 04 an diesem Wochenende kein Heimspiel hat. Sonst könnte man schon morgen ein interessantes Experiment beobachten: ein Spiel in der Fußball-Bundesliga ohne Polizeipräsenz im Stadion. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat entschieden, seine Beamten aus der Arena zurückzuziehen – weil Schalke 04 den massiven Polizei-Einsatz gegen Saloniki weiter als "unverhältnismäßig" bezeichnet. Statt sich mit der Kritik von Fans und Verein auseinanderzusetzen, spielen Polizei und Innenministerium also beleidigte Leberwurst, nach dem Motto: "Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt!"

Genau das ist der interessante Punkt: Was passiert eigentlich ohne Polizei im Stadion? Law-and-Order-Politiker beschwören die Wiederkehr der Chaostage. Der CDU-Innenexperte Peter Biesenbach meint, Minister Jäger spiele "fährlässig mit der Gesundheit und Sicherheit der Fußballfans". Das ist populistischer Quatsch, und greift zu kurz. Tatsächlich sind Stadien ohne Polizei sogar wünschenswert: Keine Schlagstöcke mehr, kein Pfefferspray, keine Helme mit Sichtschutz. Die Atmosphäre in den Stadien würde sich entspannen.

Kein 1. Mai, keine Massenkeilerei

Von den Fans verächtlich "Robocops" genannt: Einsatz von Polizisten im Braunschweiger Fanblock beim Auswärtsspiel in Hamburg.
Von den Fans verächtlich "Robocops" genannt: Einsatz von Polizisten im Braunschweiger Fanblock beim Auswärtsspiel in Hamburg.(Foto: imago sportfotodienst)

Wer in den letzten Jahren mal ein Bundesliga-Stadion besucht hat, muss sich ohnehin fragen, warum die Polizei teilweise Präsenz zeigt, als gelte es eine 1. Mai-Demonstration in Athen zu befrieden. In den modernen Arenen sitzt das Event-Publikum, während die Stehblöcke mit den eingefleischten Fans meist weit weg vom Gästeblock platziert sind. Es gibt gefährlichere Orte, um seinen Samstagnachmittag zu verbringen, die Wiesn zum Beispiel.

In der Öffentlichkeit herrscht trotzdem der Eindruck, die Stadien wären Horte der Gewalt. Das hat viel mit der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) zu tun. Sie versorgt mit ihrer jährlichen Studie zu Gewalt im Fußball den Boulevard mit Horrorschlagzeilen. Verlässlich steigen die Zahlen der Straftaten, auch wenn der Vergleichszeitraum immer unklar bleibt. Der wissenschaftliche Streit um die Belastbarkeit der Daten wird aber so gut wie nie dargestellt, stattdessen bleiben die Zahlen hängen: so wies die Studie im Jahr 2011 ganze 1142 Verletzte in den Stadien der Bundesligen aus. Was nach Massenkeilereien mit Bud Spencer klingt, entpuppt sich im Verhältnis als harmlos: Weniger als 1,6 Verletzte gibt es durchschnittlich pro Spieltag in den Bundesligen. "Restrisiko" würden CDU-Politiker das wohl nennen.

Dass die Zahl der Straftaten tatsächlich steigt, hängt übrigens auch mit dem "Lüchow-Dannenberg-Syndrom" zusammen. Vereinfacht gesagt: Mehr Polizisten mit neuen Einsatzkonzepten entdecken auch mehr Straftaten. Da reicht es schon, einen Sticker anzupappen, um dem Mann hinter der Überwachungskamera aufzufallen, und schon landet wieder ein Fan in vorübergehendem Gewahrsam und in der ZiS-Statistik.   

"Wir wirkten zu aggressiv"

Die Kriminalisierung durch Polizei und Medien empfinden viele Fans als unerträglich. Für sie ist die Polizei längst zum Feindbild Nummer eins geworden, der Schlachtruf "All Cops are Bastards" gehört zum Standartrepertoire jeder Kurve. Das Verhältnis zwischen Sicherheitskräften und Fans ist unterkühlt bis eisig. Um es aufzutauen, müsste die Polizei auch Schritte auf Fans zu machen.

Beispiele dafür gibt es - im Ausland: Die Schweizer Polizei tritt in Bern nur noch in normaler Uniform im Stadion auf. Ein Berner Polizist erklärte dem Magazin "11 Freunde", warum: "Wir wirkten zu aggressiv." Eine erstaunliche Einsicht, die man so auch gerne einmal von Rainer Wendt hören möchte. Stattdessen verteidigt der omnipräsente Polizei-Gewerkschaftler wie viele seiner Kollegen weiter den Einsatz auf Schalke, bei dem Pfefferspray ohne Rücksicht im gesamten Block verteilt wurde. Zur Einordnung: Pfefferspray soll eigentlich nur als Verteidigungswaffe eingesetzt werden, es wirkt hochaggressiv und kann für Asthmatiker und Personen unter Drogeneinfluss tödlich sein.

Die Sicherheit bleibt gewährleistet

Wenn zwei sich streiten, ist es manchmal gar keine schlechte Idee, sich einfach aus dem Weg zu gehen. Auch das spräche dafür, dass sich die Polizei dauerhaft aus den Stadien zurückzieht. Eine Gefahr für die Sicherheit der Fans ist das erstmal nicht  - für die ist sowieso der Veranstalter zuständig, also die Vereine mit ihrem Ordnungsdienst. Erst wenn eine Straftat begangen wurde, greift die Polizei ein. Das dauert auf Schalke nun einfach ein bisschen länger.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Polizei ihren Boykott durchziehen wird. Innenminister Jäger zettelt eine Machtprobe an, er erwartet eine Entschuldigung von Schalke 04. Er wird sie wohl bekommen, und alles wird, wie es war. Aber wie schön wäre es, wenn Schalke nicht einknicken würde, und bei den nächsten Heimspielen einfach nichts passierte? Und auch in einem Monat nicht? Und der Verein einfach auf die Polizeipräsenz im Stadion verzichten könnte? Und andere Vereine auch? In fünf Jahren würden wir die Bilder von heute betrachten und uns wundern, was eigentlich nochmal diese Menschen in Kampfmontur im Stadion wollten.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen