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Die Fans und die Polizei - ein schwieriges Verhältnis.
Die Fans und die Polizei - ein schwieriges Verhältnis.(Foto: imago/Jan Huebner)

Merkwürdige Zahlen der Polizei: Was hinter dem "Randale-Report" steckt

Von Christian Bartlau

Jedes Jahr bringt die Polizeibehörde ZiS einen Bericht zu Straftaten in der Bundesliga heraus. Der Tenor: Der Fußball wird immer gefährlicher. Der Reflex bei Medien, Polizei und Politik: Ein routinierter Aufschrei. Dabei verstecken die Zahlen mehr, als sie verraten.

Folgendes ist ein Fakt: In den Stadien der 1. und 2. Fußball-Bundesliga wurden in der Saison 2013/2014 mehr Menschen durch polizeiliches Pfefferspray verletzt als durch Pyrotechnik. Das klingt überraschend, aber das sagt die Polizei selbst. Nicht explizit. Aber diese Aussage versteckt sich in den Zahlen einer polizeilichen Behörde, der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, kurz ZiS.

Was ist die ZiS?

Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze ist so etwas wie das Fußball-Lagezentrum für die Polizei. Bei ihr laufen alle Einsatzberichte von den Spielen der Fußball-Ligen ein. Auf die Einschätzung der ZiS stützt sich die Polizei, wenn sie die Einsatzkräfte auf die Bundesliga-Stadien verteilt - und wenn es darum geht, ob eine Begegnung als Hochrisikospiel eingestuft wird. Zusätzlich zur aktuellen Arbeit sammelt die ZiS die Daten der Polizeien und bündelt sie in einem Jahresbericht. Den bezeichnet ZiS-Leiter Jürgen Lankes im Gespräch mit n-tv.de als "wesentliche Grundlage für die Darstellung und Bewertung des bundesweiten 'Lagebilds Fußball'."

Die ZiS führt außerdem die umstrittene Datei "Gewalttäter Sport". Dort werden Daten von Personen gespeichert, die bei Sportveranstaltungen Straftaten begehen - oder auch nur einer erkennungsdienstlichen Maßnahme unterzogen wurden.

Angesiedelt ist die ZiS beim Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen. Sie verfügt über 11 Mitarbeiter. Zusätzlich zur bundesweiten ZiS gibt es auch noch die jeweiligen Landesinformationsstellen für Sporteinsätze.

Alle Jahre wieder veröffentlicht die ZiS einen Bericht zu Straftaten in den deutschen Fußball-Ligen, der aktuelle findet sich hier. Die ZiS gab ihm den schlichten Namen "Jahresbericht Fußball-Saison 2013/2014". Die "Bild"-Zeitung nennt ihn lieber den "Randale-Report". Von "alarmierenden Zahlen" ist da die Rede, das Fazit des Boulevardblatts lautet: "Die Gewalt rund um den deutschen Profi-Fußball nimmt weiter zu." Auch Politiker arbeiten mit den Zahlen der ZiS, genauso DFB und DFL.

Ein oberflächlicher Blick auf die Kennzahlen für die 1. und 2. Bundesliga bestätigt den Eindruck: Ein Anstieg der Strafverfahren um rund 21 Prozent (von 6502 auf 7863), bei den Verletzten um rund 14 Prozent (788 auf 896), bei den Einsatzstunden der Polizei um rund 10 Prozent (von 1,76 Millionen auf 1,94 Millionen). Doch was sagt das über die Gewaltsituation in den deutschen Bundesligen aus?

"Die nackte Zahl suggeriert eine Bedrohungslage, die es so in den Stadien nicht gibt", sagt Dr. Harald Lange vom Institut für Fankultur im Gespräch mit n-tv.de. "Es bleibt ein leichtes Geschmäckle, wenn damit Politik gemacht wird." Er hält den ZiS-Bericht an sich zwar für wertvoll. "Er ist aber längst kein Indikator für die Stimmung und zur Gewalt in den Stadien. Er kann nur Baustein eines Gesamteindrucks sein." Und tatsächlich birgt der Bericht einige Faktoren, die diesen Gesamteindruck verfälschen können:

Die Einordnung

Die Mühe, die Zahlen der ZiS in Relation zu setzen, muss man sich schon selber machen. Die Besucherzahlen fehlen im Bericht genauso wie relative Angaben. Rechnet man selbst, klingt die Zahl von 1281 Verletzten in der Saison 2013/2014 schon nicht mehr so spektakulär: Das sind bei 750 Spielen 1,71 Verletzte pro Match, bei im Schnitt 24.776 Zuschauern.

896 oder 1281 Verletzte?

Für den aktuellen Bericht hat die ZiS die Erhebungsmethode modifiziert. Früher wurden nur die Verletzten aufgenommen, die aus den polizeilichen Berichten hervorgingen. Die werden aber schon wenige Stunden nach Spielende angefertigt. Ab sofort bezieht die ZiS auch die Verletzten ein, die erst danach bekannt werden. Außerdem schlüsselt sie auf, wieviele Menschen durch Pfefferspray und durch Pyrotechnik verletzt wurden.

Deswegen ist die aktuelle Zahl von 1281 Verletzten "besser", weil wohl näher an der Realität. Sie ist aber nicht vergleichbar mit den Vorjahren. Deswegen hat die ZiS zusätzlich auch die "bereinigte" Zahl von 896 angegeben. Sie ergibt sich, wenn man die "alte" Erhebungsmethode anwendet.

Generell bleibt zu sagen: Die Zahlen der ZiS beruhen auf einer Hellfeld-Erhebung - es wird also nur vermerkt, was auch bekannt wird. Wie hoch die Dunkelziffer sein könnte, dazu steht nichts in dem Bericht.

Schaut man sich nur die unbeteiligten Zuschauer an, schrumpft das Risiko, in einem Stadion zufällig Opfer von Gewalt zu werden, sichtlich zusammen: 415 Unbeteiligte wurden in der vergangenen Saison verletzt, also 0,55 pro Match. Restrisiko? Harald Lange vom Institut für Fankultur bemüht einen gern gezogenen Vergleich: "Auf allen Großveranstaltungen haben wir es mit Gewalt zu tun. Die Zahl von 1280 Verletzten ist relativ gesehen - etwa zum Oktoberfest - gering."

So ganz korrekt ist das aber auch nicht: Zwar wurden beim diesjährigen Oktoberfest über 3000 Menschen verletzt, bei "nur" 6,3 Millionen Besuchern zu den 18,5 Millionen in den Stadien. In der Statistik für das Oktoberfest  sind allerdings auch Schnittverletzungen und Ähnliches enthalten - die man sich in Partylaune auch versehentlich selbst zufügen kann. Am ehesten vergleichbar sind die zur Anzeige gebrachten Körperverletzungen je 100.000 Besucher: Da stehen die 1. und 2. Liga bei 10,86 - und das Oktoberfest bei 6,31.

Die Parteilichkeit

So sehr die ZiS betont, dass sie nur neutral Daten sammelt - sie ist und bleibt eine Abteilung des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen. Minister Ralf Jäger nutzt die ZiS-Zahlen für sein umstrittenes Projekt, die Einsatzstunden der Poizei zu verringern. "Es ist der Bericht einer polizeilichen Behörde. Deshalb stehen deren Zahlen immer im Verdacht, wenigstens in der Tendenz opportunistisch zu sein", sagt Sportwissenschaftler Harald Lange. Schließlich gibt die ZiS auch keinen genauen Einblick, wie die Zahlen genau zustande kommen. Nur so viel: Sie werden geliefert von den Polizeibehörden der Spielorte und von der Bundespolizei, die die Anfahrtswege mit der Bahn überwacht. Der Forscher Harald Lange fordert eine andere Herangehensweise: "Ich sehe keinen Grund, warum nicht ein wissenschaftliches Institut diese Zahlen erheben sollte." ZiS-Leiter Jürgen Lankes lässt im Gespräch mit n-tv.de die Einwände nicht gelten, seine Behörde sei nicht neutral: "Die Informationen werden von uns zur Verfügung gestellt an die Polizeibehörden, von daher ist das systemimmanent - aber von Parteilichkeit würde ich nicht reden."

Die Methodik

Was hat das mit Hogesa zu tun?

Die ZiS teilt Fans in drei Kategorien: A (friedlich), B (gewaltbereit) und C (gewaltsuchend). Hooligans gehören zur Kategorie C. So heißt auch eine rechtsradikale Band, die bei der "Hooligans gegen Salafisten"-Kundgebung in Köln spielte. Der Sänger gehört der Nazi-Hooligan-Truppe "Standarte Bremen" an.

Die ZiS hat in ihrer Datei "Gewalttäter Sport" die Daten von bundesweit 7.988 Fans der Kategorie B und 2.554 Fans der Kategorie C gespeichert. Die Überschneidungen mit der rechtsradikalen Szene seien allerdings gering, heißt es im Jahresbericht. Nur rund 4,1 Prozent der Personen aus diesem Spektrum, insgesamt ca. 400, seien den Neonazis zuzuordnen. Im Nachgang der Ausschreitungen in Köln erklärte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, die Erkenntnisse der ZiS seien offenbar unzureichend" gewesen.

Ein großer Kritikpunkt am Jahresbericht: Er erfasst zwar die Strafverfahren - verrät aber nicht, wie viele davon eingestellt werden. So werden Tatverdächtige zu Tätern. ZiS-Leiter Lankes ficht das nicht an: "Unsere Daten können nicht mit der Verurteiltenstatistik abgeglichen werden. Deswegen läuft diese Kritik ins Leere." Eine umfangreiche wissenschaftliche Analyse könne das ZiS nicht liefern. "Das geht über polizeiliche Zwecke und unsere Möglichkeiten hinaus." Immerhin werde die Arbeit regelmäßig "auf Aktualität und Nutzbarkeit überprüft".

Tatsächlich wird in diesem Jahr erstmals aufgeschlüsselt, wie viele Menschen durch Pfefferspray oder Pyrotechnik verletzt werden. Harald Lange weist allerdings darauf hin, dass dies nur dem öffentlichen Druck zu verdanken sei. Die Kritik an den ZiS-Statistiken wächst: Fan-Gruppierungen protestieren schon seit Jahren gegen die Behörde, die Piraten haben das Thema im Landtag von Nordrhein-Westfalen mit einer Expertenanhörung auf die Tagesordnung gebracht.

Statistische Phänomene

Bei den Castor-Protesten 1981 beobachtete die Polizei im Landkreis Lüchow-Dannenberg einen interessanten Effekt: Als die verstärkt eingesetzten Beamten auch normalen Streifendienst versahen, wuchs plötzlich die Zahl der erfassten Verbrechen. Seitdem spricht man in der Wissenschaft vom Lüchow-Dannenberg-Syndrom. Vereinfacht gesagt: Je mehr Polizei im Einsatz ist, desto mehr Kriminalität wird registriert. In den vergangenen Jahren haben sich die Einsatzstunden der Polizei rund um die Bundesligen verdoppelt, was ungefähr auch für die Zahl der erfassten Straftaten gilt. Das könnte bedeuten, dass die beliebte Aussage "Die Gewalt nimmt zu" stimmt - oder aber, dass einfach nur die Dunkelziffer schrumpft, wie in Lüchow-Dannenberg. Zu letzterer Interpretation passt, dass die Zahl der Strafverfahren je 1000 Einsatzstunden der Polizei seit zehn Jahren nahezu konstant verläuft. Die Kernfrage - die auch den Streit um die Polizeikosten tangiert - bleibt unbeantwortet: Warum sind die Einsatzstunden so stark gestiegen? Die ZiS verweist darauf, dass die Einsatzstunden notwendig sind, um die Sicherheit zu gewährleisten: "Es ist ein Zirkelschluss, zu sagen: Mehr Polizei provoziert auch mehr Straftaten", sagt ZiS-Chef Jürgen Lankes. "Im Gegenteil, ich gehe dann davon aus, dass die eingesetzen Kräfte notwendig sind."

Statistische Ausreißer

Am Wochenende wurde die Drittliga-Partie Dortmund II gegen Hansa Rostock mit anderthalb Stunden Verspätung angepfiffen. Die Polizei behauptete in ihrer Pressemitteilung, 230 Borussen-Ultras hätten sich unkontrolliert Zutritt zum Stadion verschafft. Der Ticker der Kollegen der "Ruhrnachrichten" beschrieb die Szenerie deutlich unspektakulärer. Vielleicht haben die aber auch nicht alles mitbekommen - denn die Polizei und die Ordner hinderten die Medien an der Berichterstattung, teils unter Androhung von Stadionverboten. Nun wurde bekannt, dass wegen des Vorfalls nicht weniger als 293 Strafverfahren eingeleitet wurden, die sich im kommenden ZiS-Bericht bemerkbar machen könnten. Fast zeitgleich randalierten am Sonntag übrigens die "Hooligans gegen Salafisten" in Köln. Hier ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 60 Personen.

Die Medien

Die Berichte über den Bericht kann man der ZiS natürlich nicht vorwerfen. Wie sie dazu steht, möchte ihr Leiter Jürgen Lankes nicht sagen. Um eine Antwort auf die Frage, ob er mit der "Bild"-Schlagzeile "Randale-Report" glücklich ist, drückt er sich in nüchterner Beamtenmanier herum: "Das ist keine Frage von glücklich oder nicht. Wir müssen feststellen, dass Inhalte des Jahresberichts bewertet werden, damit können, wollen und müssen wir leben." Sportwissenschaftler Harald Lange findet deutlichere Worte zur Berichterstattung zur Gewalt in der Bundesliga: "Gemessen an der Vielzahl von Zuschauern sind die Stadien sichere Orte - aber die mediale Rezeption verzerrt das Bild."

Für weitergehende Statistiken steht Mobilnutzern von n-tv.de dieser Link zur Verfügung.

Quelle: n-tv.de

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