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Der Boss ist weg, das System bleibt: Wer beerbt Fifa-Patriarch Blatter?

Von Stefan Giannakoulis, Zürich

Wer wird neuer Präsident der Fifa? Infantino oder Scheich Salman? Das Problem ist, dass das eigentlich keine Rolle spielt. Zumindest, wenn es nicht nur darum geht, wer weniger Leichen im Keller hat. Sondern um einen Neuanfang.

Der alte Mann ist weg. 40 Jahre lang war er bei der Fifa, mehr als sein halbes Leben. 17 Jahre davon war Joseph Blatter der Präsident des Fußball-Weltverbandes. Im Juni hatte er seinen Rücktritt angekündigt, mittlerweile hat ihn die Ethikkommission der Fifa gesperrt, wegen einer dubiosen Zahlung an Michel Platini, den Chef der Uefa. Was bleibt, ist ein Verband am Abgrund. Es geht um Korruption, Kumpanei, Selbstbereicherung und verschobene WM-Turniere. Die Strafverfolgungsbehörden in den USA und der Schweiz ermitteln, etliche Funktionäre wurden verhaftet. Die Bundesanwaltschaft in Zürich meldete in dieser Woche, bei 152 Finanztransaktionen bestehe der Verdacht der Geldwäsche. Und Geld hat die Fifa, der Jahresumsatz liegt bei zwei Milliarden Dollar. Das verdankt sie einem Produkt, das sie exklusiv verkaufen darf - weil sie den Fußball organisiert. Die Fifa steht für alles, was falsch läuft im kommerzialisierten Sport.

So läuft die Fifa-Wahl

Bei der geheimen Wahl des Fifa-Präsidenten stimmen die 209 Mitglieder in alphabetischer Reihenfolge ab. Sofern keiner der fünf Kandidaten die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht, scheidet der mit den wenigsten Stimmen aus. Bei zwei verbliebenen Kandidaten benötigt der Sieger zunächst immer noch eine Zwei-Drittel-Mehrheit, erst in einem folgenden Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Die Stimmenzahl der sechs Konföderationen im Überblick:

Caf Afrika   54
Uefa Europa   53
AFC Asien   46
Concacaf Nord-/Mittelamerika   35
OFC    Ozeanien   11
Conmebol Südamerika   10

An diesem Freitag nun treten fünf Kandidaten an, um sich auf dem außerordentlichen Kongress des Verbandes im Züricher Hallenstadion zum Präsidenten der Fifa wählen zu lassen. Und der Sieger wird danach richtig aufzuräumen haben. Schließlich ist der Verband nur noch zu retten, wenn er sich ernsthaft reformiert. Oder? So sollte es sein, es geht tatsächlich um viel, wenn nicht ums Ganze. Das Problem ist: Blatter, 79 Jahre alt, ist zwar weg, sein System aber lebt. Das heißt: Es gewinnt die Wahl, wer den 209 Mitgliedsländern der Fifa am meisten verspricht und so die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt.

Niemand steht ernsthaft für Aufbruch

Wie es aussieht, dürfen sich nur zwei der Kandidaten ernsthafte Chancen ausrechnen: Gianni Infantino aus der Schweiz und Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa aus Bahrain. Aber stehen sie für Transparenz, Demokratie und gute Unternehmensführung? Nicht nur Mark Pieth schließt das aus. Der Professor für Strafrecht an der Universität in Basel, der von 2011 bis 2013 der unabhängigen Governance-Kommission der Fifa vorstand, sagte im Interview mit n-tv.de: "Man hat lediglich die Wahl zwischen Leuten, die alle nicht ernsthaft für den Aufbruch stehen. Das ist enorm schade. Man hätte es in der Hand gehabt, nun einen Strich zu ziehen und neu zu beginnen. Leider sieht es nicht danach aus." Die Fifa will zwar in Zürich ein Reformpaket beschließen. Aber wie formuliert es Pieth: "Meine Sorge ist nicht das Papier. Meine Sorge gilt dem Einstellungswandel." Die Kandidaten im Überblick:

Außenseiter aus Frankreich: Jerome Champagne
Außenseiter aus Frankreich: Jerome Champagne(Foto: REUTERS)

Jerome Champagne (Frankreich, 57 Jahre alt): Was der Einzelkämpfer verspricht, klingt durchaus gut; eine "starke, demokratische, respektierte und proaktive Fifa" nämlich. Für Pieth ist er der Kandidat, den er wählen würde - aber nur, wenn er müsste. Der Diplomat Champagne hat von 1999 bis zu seiner Entlassung 2010 als Berater für die Fifa gearbeitet, galt als Vertrauter Blatters und ist ein Kind des Systems. Der "Neuen Züricher Zeitung" sagte er: "In zehn, zwanzig Jahren wird man beurteilen, was Blatter aus der Fifa gemacht hat. Ich bin sicher, dass er viel besser bewertet wird als heute." Als Präsident würde er "weiterführen, was gut war in der Fifa". Natürlich kenne er die Probleme. "Aber ich halte es nicht so wie meine vier Konkurrenten. Sie haben die Fifa und Blatter immer wieder angegriffen. Nun reisen sie nach Afrika, Südamerika, Ozeanien, in die Karibik. Und dort mögen es die Leute nicht, wenn man Blatter angreift. Also sagen meine Konkurrenten: Ja, ja, natürlich hat Blatter gut gearbeitet." Kurzum: Champagne ist und bleibt ein Außenseiter.

Setzt auf die Blatter-Sympathisanten: Tokyo Sexwale.
Setzt auf die Blatter-Sympathisanten: Tokyo Sexwale.(Foto: REUTERS)

Tokyo Sexwale (Südafrika, 62 Jahre alt): Sexwale, bürgerlich mit Vornamen Mosima Gabriel, handelt mit Platin, Gold und Diamanten – und war im Apartheidstaat Südafrika 13 Jahre lang mit Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert. Er spekuliert auf die, die eigentlich Blatter gewählt hätten. Deshalb würdigte er den Schweizer mit einem fragwürdigen Vergleich: "Blatters Arbeit ist ein Monument, das für sich selbst spricht. Daran kann nicht gerüttelt werden. Es gibt jetzt einen Schaden für die Nachwelt. Aber es ist nicht so, dass jemand umgebracht oder Völkermord begangen wurde."

Prinz Ali bin al-Hussein behauptet, er sei der einzige "der Korruption im Weltfußball mit Mut entgegentritt".
Prinz Ali bin al-Hussein behauptet, er sei der einzige "der Korruption im Weltfußball mit Mut entgegentritt".(Foto: dpa)

Prinz Ali bin al-Hussein (Jordanien): Der Adlige sagt über sich selbst, dass er der einzige Kandidat sei, der "der Korruption im Weltfußball mit Mut entgegentritt". Sein Gehalt würde er nicht näher genannten Hilfsorganisationen spenden. Wie hoch die Bezüge des Präsidenten sind, könne er wegen der Intransparenz im Weltverband nicht sagen. Damit kritisierte er indirekt den suspendierten Blatter, der eine Offenlegung seiner Bezüge stets verweigert hatte. Das Problem des Prinzen aus Jordanien allerdings ist: Er kann nicht einmal auf die Unterstützung der 46 Mitgliedsländer des asiatischen Kontinentalverbandes hoffen. "Er ist ein netter Mensch", sagt Pieth, über den Mann, der bei der Fifa-Wahl im Mai 2015 als einziger Gegenkandidat an Blatter gescheitert war. "Aber er ist kein Schwergewicht."

Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa (Bahrain, 50 Jahre alt): Als Chef der asiatischen Konföderation AFC kann er sich der Unterstützung seines Verbandes sicher sein und mit den meisten der 46 Stimmen rechnen. Und er hat mit den Kollegen aus Afrika vereinbart, sich in den kommenden vier Jahren gegenseitig zu unterstützen - als größter Kontinentalverband verfügt die Caf über 54 Mitglieder. Das macht ihn zu einem der Favoriten auf den Fifa-Thron. Was nicht heißt, dass er unumstritten ist. Im Gegenteil. Pieth sagte im Gespräch mit n-tv.de über Scheich Salman: "Ich habe Zweifel daran, dass jemand mit seinem Hintergrund der große Protagonist von Demokratie, Offenheit und Transparenz sein kann. Er hat einen autokratischen Hintergrund. Und seine Äußerungen entsprechen dem auch."

Einer der beiden großen Favoriten: Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa.
Einer der beiden großen Favoriten: Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa.(Foto: picture alliance / dpa)

Menschenrechtler werfen ihm als Mitglied der Königsfamilie vor, an der Niederschlagung von Anti-Regierungsprotesten in Bahrain beteiligt gewesen zu sein. Zudem soll er als Präsident des nationalen Verbandes Mitschuld an der Inhaftierung und Folter von Fußballern und anderen Sportlern haben. Sein Kommentar: "Dies sind falsche, eklige Lügen, die immer und immer in Vergangenheit und Gegenwart wiederholt wurden." Dem widerspricht der ehemalige bahrainische Nationalspieler Hakeem al Oraibi. Aus seinem australischen Exil erzählt er im WDR-Fernsehen, dass er 2012 inhaftiert und gefoltert worden sei. Seine Familie habe den Bahrainischen Verband vergeblich um Hilfe gebeten. "Scheich Salman hatte die Verantwortung für die Fußballspieler, für die Nationalmannschaft. Wie kommt es, dass der nichts gewusst haben will? Es ist unmöglich, dass er nichts gewusst hat, was in Bahrain passiert. Wenn Scheich Salman behauptet, dass er zu einer Million Prozent garantieren kann, dass kein Fußballer in Bahrain misshandelt worden ist: Das ist eine Lüge. Ich bin ein Beispiel dafür, und ich habe Beweise. Was Scheich Salman behauptet, ist eine große Lüge."

Ansonsten hatte Salman einen grandiosen Vorschlag: Die 209 Mitglieder der Fifa sollten sich bitteschön schon vorher auf einen Kandidaten einigen. "Wenn es eine Wahl gibt, wird es Verlierer geben und vielleicht sollte man manchmal ein solches Ergebnis vermeiden." Will meinen: Vielleicht sollte man einfach bisweilen diese lästige Demokratie vermeiden. Daher wäre es doch prima "wenn wir den klaren Hinweis haben, wer gewählt werden wird". Sein Vorschlag, den der Scheich der russischen Nachrichtenagentur Tass vorstellte: Er wird Präsident, Gianni Infantino sein Generalsekretär. "Ich bin bereit, dass Infantino und ich unsere Kräfte bündeln. Ausschließen kann man jedenfalls gar nichts."

Von der Uefa zur Fifa? Gianni Infantino hat Großes vor.
Von der Uefa zur Fifa? Gianni Infantino hat Großes vor.(Foto: dpa)

Gianni Infantino (Schweiz, 45 Jahre alt): Die Uefa will ihren Generalsekretär unterstützen, vorneweg der DFB. Schließlich will er es sich nicht mit Europas Verband verscherzen: Dass die Europameisterschaft 2024 in Deutschland stattfindet, gilt schon vor der offiziellen Vergabe als ausgemachte Sache. Dabei ist der Jurist Infantino nur der Ersatzkandidat - eigentlich wollte sich Michel Platini um das höchste Amt im Weltfußball bewerben; doch der Präsident der Uefa ist ja gesperrt. Dennoch gilt er vielen als der Favorit auf das Amt, weil er sich der 53 Stimmen aus Europa sicher sein kann; hinzu kommen mutmaßlich die meisten der 45 Voten der amerikanischen Verbände Concacaf und Conmebol. Der neue Präsident braucht 105 der 209 Stimmen, da könnte was gehen für Infantino. Thomas Kistner, Fifa-Kenner und Sportredakteur der "Süddeutschen Zeitung", sagte im Interview mit dem Deutschlandfunk: "Kaum ein Verband Europas und Amerikas wird ausscheren. Deshalb wird Gianni Infantino neuer Fifa-Präsident werden."

Für eine gute Lösung hält er das nicht, will meinen: Er ist nicht der Erneuerer, der mit der korruptionsverseuchten Ära des Joseph Blatter aufräumt, wie er in der SZ schrieb: "Infantino ist der Mann des Systems. Gelernt hat er bei Platini, väterlicher Freund und Pate eines seiner vier Kinder - der wiederum bei seinem väterlichen Freund Blatter lernte: Probleme werden unter Kameraden gelöst." Das sieht Pieth ähnlich. Infantino habe zwar "wohl weniger Leichen im Keller" als andere. Aber: "Er ist ein Bürokrat und hat in der Vergangenheit alles mitgetragen, was sein Chef von ihm wollte. Er kann sich vielleicht emanzipieren, insofern hat man vielleicht mehr zu erwarten von ihm. Ich habe persönlich das Problem, dass er als Generalsekretär der Uefa mitverantwortlich war, im Frühjahr 2013 einen ganz wichtigen Reformschritt zu torpedieren."

Quelle: n-tv.de

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