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Zwischenruf: Schlag ins Gesicht Europas

Von Manfred Bleskin

Mit der Aufhebung des Urteils gegen zwei frühere kroatische Generäle setzt sich der Internationale Gerichtshof in Den Haag dem Verdacht aus, auf einem Auge blind zu sein. In Serbien wie in Kroatien schlagen erneut die Welle des Nationalismus hoch. Der europäischen Einigung ist damit nicht gedient. Im Gegenteil.

Der Internationale Strafgerichtshof spricht Mladen Markac (r) und Ante Gotovina (dahinter) frei.
Der Internationale Strafgerichtshof spricht Mladen Markac (r) und Ante Gotovina (dahinter) frei.(Foto: REUTERS)

Mit ihrer Entscheidung, die kroatischen Ex-Generäle Ante Gotovina und Mladen Markac freizusprechen, haben die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag Öl in das immer noch glimmende Feuer auf dem Westbalkan gegossen. "Sieg der Wahrheit" titelt das Zagreber Blatt "Vecernji list". Die in Belgrad erscheinende Zeitung "Blic" schreibt: "Skandalöse Entscheidung". Die Begründung, man könne den beiden nicht nachweisen, dass die Vertreibung von mehr als 200.000 Serben 1995 aus der zu Kroatien gehörenden Krajina geplant gewesen war, klingt wenig überzeugend. Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien hatte Gotovina wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit immerhin zu 24, Markac zu 18 Jahren verurteilt.

In den jugoslawischen Erbfolgekriegen sind von allen Seiten unvorstellbare Grausamkeiten begangen worden: Serbische Tschetniki haben ebenso gemordet wie bosniakische Freischärler und kroatische Milizionäre, die sich mit den Insignien der faschistischen Ustascha schmückten. Die juristische Aufarbeitung dieser Verbrechen richtete sich hingegen hauptsächlich gegen Serben. Jugoslawiens Ex-Präsident Slobodan Milosevic verstarb ohne Urteil; der Prozess gegen Radovan Karadzic, einst Chef der Serbischen Republik in Bosnien-Herzegowina, dauert an.

Bruderkrieg reicht weit in Geschichte zurück

Die Ursachen der Bruderkriege sind vielfältig und reichen weit in die Geschichte zurück. Christlich-orthodoxe Serben wurden im 16. Jahrhundert auf Betreiben der österreichischen Habsburger in der Krajina angesiedelt, um ein Bollwerk gegen das Vordringen der Osmanen zu bilden. Das Verhältnis der Wehrbauern zu den katholischen Adligen Kroatiens war nie spannungsfrei.

Der Vorschlag des jüdisch-serbischen Kommunisten Mose Pijade, die Krajina Kroatien ähnlich wie später die Vojvodina Serbien als autonomes Gebiet zuzuordnen, wurde von der KP-Führung verworfen. Stattdessen einigte man sich darauf, sowohl Kroaten als auch Serben nach der Befreiung als staatstragende Ethnien einer künftigen sozialistischen Teilrepublik zu definieren. In einer ihrer ersten Amtshandlungen erkannte die Regierung des 1990 formell noch zu Jugoslawien gehörenden Kroatiens den Serben diesen Status ab. Die Serben wurden damit automatisch zur Minderheit in einer Region, in der sie seit rund 600 Jahren ansässig waren.

Hass gegen Westen geschürt

Dies rechtfertigt in keiner Weise, die Morde und Plünderungen, die von den Milizionären der Serbischen Republik Krajina begangen wurden. Man darf auf das Urteil in Sachen Goran Hadzic gespannt sein. Der stand dem international nicht anerkannten Gebilde vor und ist wegen der gleichen Verbrechen gegen Kroaten angeklagt wie sie Gotovina und Markac – laut Kriegsverbrechertribunal - an Serben begangen haben.

In Serbien wird abermals der Hass gegen den Westen geschürt. In Serbien wird abermals der Hass gegen den Westen geschürt. Die angestrebte EU-Mitgliedschaft erfährt im Lande ohnehin immer weniger Zuspruch. Ein Beitrag zur Einigung Europas war der Haager Richterspruch jedenfalls nicht.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: n-tv.de