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Xiaotingia zhengi in der Rekonstruktion: mit dem Archaeopteryx zwar eng verwandt, aber zu einem parallelen Zweig der Vögel gehörig.
Xiaotingia zhengi in der Rekonstruktion: mit dem Archaeopteryx zwar eng verwandt, aber zu einem parallelen Zweig der Vögel gehörig.(Foto: Xing Lida/Liu Yi)

Theorie gerät ins Wanken: Archaeopteryx doch kein Urvogel?

150 Jahre lang beeinflusste der Archaeopteryx, eine Mischung aus Reptil und Vogel, die Forschung. Das Tier gilt als Urvater aller Vögel. Doch nun fällt der Saurier vom Ast. Schuld ist ein kleines gefiedertes Pendant aus China.

Der berühmte Archaeopteryx ist möglicherweise zu Unrecht 150 Jahre lang als Urvater aller Vögel angesehen worden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die in der renommierten Wissenschaftszeitung "Nature" veröffentlicht wurde. Anlass für das Umdenken ist die Entdeckung eines gefiederten Sauriers von der Größe eines Huhns in der nordostchinesischen Provinz Lianoning. Identifiziert wurde er vom bekannten Paläontologen an der Chinesischen Akademie für Wissenschaften, Xing Xu, auf Grundlage eines Fossils.

Archaeopteryx fällt vom Ast

Die neu entdeckte Spezies namens Xiaotingia zhengi sei mit dem Archaeopteryx zwar eng verwandt, gehöre aufgrund ihres Körperbaus aber zweifelsohne zu einem parallelen Zweig der Avialae (Vögel), den Deinonychosauriern, erläutert Xu. Die chinesischen Wissenschaftler berechneten mit den Charakteristika des Xiaotingia mithilfe einer Software den sogenannten phylogenetischen Baum neu, der die evolutionären Beziehungen zwischen verschiedenen verwandten Arten darstellt. Dabei erlebten sie eine Überraschung: Der Archaeopteryx fiel sozusagen vom Ast, es ließ sich demnach nicht mehr die Entwicklung aller Vögel auf ihn zurückführen.

"Vielleicht muss sich die Wissenschaft an die Idee gewöhnen, dass der Archaeopteryx nur einer von vielen kleinen, fleischfressenden und gefiederten Dinosauriern war."
"Vielleicht muss sich die Wissenschaft an die Idee gewöhnen, dass der Archaeopteryx nur einer von vielen kleinen, fleischfressenden und gefiederten Dinosauriern war."(Foto: dpa)

"Mit anderen Worten, der Archaeopteryx hat aufgehört, ein Vogel zu sein", erläutert der US-Biologe Lawrence Witmer. Der Paläontologe Xu bleibt zunächst zurückhaltend: Noch gebe es nicht genügend Elemente, die seine Hypothese untermauerten, erklärte er. Die Studie gibt aber Zweifeln neue Nahrung, die mehrere Fossilienfunde in den vergangenen Jahren hochkommen ließen. Vielleicht müsse sich die Wissenschaft an die Idee gewöhnen, dass der Archaeopteryx nur einer von vielen kleinen, fleischfressenden und gefiederten Dinosauriern war, die vor 145 bis 200 Millionen Jahren herumspazierten, erklärt Witmer.

Zur rechten Zeit für Darwins Thesen

Sollte dem Archaeopteryx der Rang des Urvogels aberkannt werden, wäre dies laut Witmer eine kleine wissenschaftliche Revolution. Zahlreiche Forscher - darunter er selbst - hätten auf diese Spezies ihre Hypothesen von der Evolution der Vögel gestützt. Entdeckt wurden die ersten Fossilien des Archaeopteryx 1861 in der fränkischen Alb in Bayern - zwei Jahre, nachdem Darwin seine umstrittene These von der Evolution der Arten veröffentlicht hatte. Das Urtier, eine Art Mischung aus Reptil und Vogel, kam gerade recht, um Darwins Thesen zu untermauern. So beeinflusste es 150 Jahre lang die Forschung.

Um sicher festzustellen, welches Tier der Urahn aller Vögel ist, sollten sich die Forscher laut Xu nun auf erst kürzlich entdeckte Arten von Urvögeln und kleinen Dinosauriern konzentrieren - den Epidexipteryx, den Jeholornis und den Sapeornis. Sie seien noch "Neuland, selbst für Spezialisten", räumte sein Kollege Witmer ein.

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Quelle: n-tv.de

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