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Auftragsänderungen durch den Kunden sind bisher bis etwa eine Woche vor Produktionsbeginn möglich.
Auftragsänderungen durch den Kunden sind bisher bis etwa eine Woche vor Produktionsbeginn möglich.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Selbstgesteuerte Produktion: Auto-Teile entscheiden selbst

Die Bauteile fahren auf Plattformen durch die Produktionsanlage. Elektronik, Gummidichtung, Blende - nach und nach steuern sie die Montagestationen an. Am Ende steht ein fertiges Auto-Rücklicht. Doch plötzlich fällt eine Maschine aus. Normalerweise käme es jetzt zum Stau. Aber die Werkstücke ändern sofort ihre Route und das ganz von allein. Denn in dieser Fabrik denken die Produkte mit.

Zurzeit ist das zwar noch Zukunftsmusik. Eine Demonstrationsanlage am Institut für Produktion und Logistik an der Universität Bremen zeigt aber schon heute, dass das funktionieren kann. "Die Voraussetzung ist, dass die einzelnen Bauteile einen Transponder oder ein anderes System zur eindeutigen Identifizierung wie einen Barcode tragen und dezentral Entscheidungen treffen können", erläutert Institutsleiter Prof. Bernd Scholz-Reiter.

Änderungswünsche spontan umsetzbar

Mit Hilfe der Transponder wissen die Rücklichter jederzeit, wo sie sich in der Anlage befinden. An allen wichtigen Stellen passieren sie eine Antenne, über die sie Informationen mit dem System austauschen. Eine spezielle Software sorgt dafür, dass die einzelnen Rücklichter für sich selbst entscheiden und miteinander kommunizieren können. Dadurch können sie flexibel reagieren, wenn zum Beispiel Kunden ihre Aufträge kurzfristig ändern oder stornieren.

Besonders für die Autoindustrie wäre das interessant. Wer heute ein Auto kauft, hat die Qual der Wahl: Neben zig Varianten eines Modells gibt es zahlreiche Farben und ganz unterschiedliche Ausstattungen. Eine Entscheidung fällt da schwer. "Heute sind Änderungen noch etwa eine Woche vor Beginn der Produktion möglich, aber nicht mehr während diese läuft", sagt Scholz-Reiter.

20 Jahre dauert es noch

Auch wenn Mitarbeiter plötzlich ausfallen oder eine Maschine gestört ist, könnten die Bauteile schnell einen anderen Produktionsschritt wählen. Die Montage müsste nicht gestoppt werden - was meist hohe Summen kostet. Wenn Produkte selbst entscheiden, spart das Zeit und Geld. Eine Effizienzsteigerung von 10 bis 15 Prozent konnten die Wissenschaftler eigenen Angaben nach in ihren Simulationen an der Demonstrationsanlage bisher erreichen.

Bis die Industrie sich auf die selbststeuernden Produkte umgestellt hat, werden nach Ansicht von Scholz-Reiter allerdings noch 15 bis 20 Jahren vergehen. Die "intelligenten Fabriken" werden aber kommen, da ist er sich sicher. "Die Dynamik und Komplexität in der Produktion ist stark angestiegen und wird noch weiter zunehmen", erläutert der Experte.

Dezentralisierte Entscheidung

Aus diesem Grund geht auch Prof. Michael ten Hompel vom Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik davon aus, dass Zentralrechner irgendwann nicht mehr alle Aufgaben bewältigen können. "Wir brauchen in Zukunft viele dezentrale Entscheidungsstrukturen."

Am Bremer Sonderforschungsbereich "Selbststeuerung logistischer Prozesse" arbeiten deshalb Produktions- und Elektrotechniker, Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker der Universität in mehreren Projekten an der Frage, wie sich unter anderem die Herstellung und der Transport von Waren künftig dezentral steuern lässt. An der 2009 errichteten Demonstrationsanlage können sie ihre Ideen und Methoden testen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt ihre Arbeit seit acht Jahren mit 16 Millionen Euro.

Quelle: n-tv.de

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