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Ist hochkomplex und basiert stark auf Intuition: Das Brettspiel Go ist für Computer eine besondere Herausforderung.
Ist hochkomplex und basiert stark auf Intuition: Das Brettspiel Go ist für Computer eine besondere Herausforderung.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Künstliche Intelligenz: Computer werden klüger als Menschen

Von Nina Jerzy

Dieses Brettspiel geht womöglich in die Geschichte ein: Ein Go-Spieler misst sich mit einem Computerhirn. Sollte die Maschine siegen, wäre das ein Durchbruch für die Künstliche Intelligenz. Auf unseren Smartphones hat die längst Einzug gehalten.

Fast möchte man meinen, die Menschheit hat so oder so ein Problem - egal, wie dieses Spiel ausgeht. Ab Mittwoch misst ein Mensch im südkoreanischen Seoul seine geistigen Fähigkeiten mit der Rechenkraft eines Computers. Das ist zwar nichts Neues, doch so ein Match hat es noch nie gegeben. Gespielt wird Go, ein Brettspiel, bei dem die Zahl der Spielzüge angeblich jene der Atome im Universum übertrifft. Bislang war nur der menschliche Geist diesem Ausmaß an Komplexität gewachsen. Jetzt aber schicken sich Maschinen an, ihre Schöpfer einzuholen und sogar zu überflügeln.

Go wurde vor mehr als 2500 Jahren in China erfunden und gilt in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz nicht umsonst als einer der Meilensteine. Während der Supercomputer Deep Blue bereits 1997 den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow zu schlagen vermochte, stellt das Brettspiel mit weißen und schwarzen Kieseln für Maschinenprogramme eine völlig andere Dimension der Herausforderung dar. Jedenfalls bis Oktober 2015. Da schlug das Computerhirn AlphaGo der zu Google gehörenden Computerschmiede DeepMind den Go-Europameister Fan Hui, was allerdings erst Ende Januar verkündet wurde. Es war das erste Mal, dass eine Künstliche Intelligenz unter gleichen Bedingungen einen Menschen besiegen konnte. Experten hatten einen solchen Durchbruch erst in etwa zehn Jahren erwartet.

Wer ist Mensch, was ist Maschine?

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Nun steht in Seoul das ultimative Kräftemessen zwischen Schaltkreisen und menschlichem Gehirn an. AlphaGo misst sich vom 9. bis 15. März in fünf Runden mit Lee Sedol. Der Südkoreaner zählt zu den weltweit besten Go-Spielern. Er hat den höchsten Meisterrang 9. Dang inne, während Fan Hui nur über den 5. Dang verfügt. "Ich bin zuversichtlich, dass ich gewinnen kann", ließ der Herausgeforderte vor dem Match ausrichten - fügte aber vorsichtshalber hinzu: "zumindest dieses Mal". Viele Experten sind sich mittlerweile hingegen nicht mehr so sicher, dass der Südkoreaner den Computer bezwingen wird.

Toby Manning war Schiedsrichter beim Match zwischen Fan und AlphaGo und hatte klar mit einem Sieg des Europameisters gerechnet. "Mich hat verblüfft, dass man nicht sagen konnte, wer der Mensch war und wer der Computer", sagte Manning dem Wissenschaftsmagazin "Nature" nach dem Turnier. Auch Fan vermochte keinen Unterschied zwischen AlphaGo und einem menschlichen Kontrahenten zu erkennen. "Ich dachte, ich würde gewinnen. Nach dem ersten Spiel habe ich meine Strategie geändert und stärker gekämpft, aber ich habe verloren."

Diese Maschinen denken mit

Damit hat AlphaGo schon eine Art Turing-Test bestanden, der die Ähnlichkeit von Künstlicher Intelligenz zu Menschen misst. AlphaGo ist aber nicht einfach eine Fortentwicklung bestehender Technologie, sondern repräsentiert einen Paradigmenwechsel. Der Schlüsselbegriff lautet "tiefe neuronale Netzwerke". Diese Verbindungen aus Hard- und Software ahmen quasi das Wirkprinzip menschlicher Nervenzellen nach. Sie sind zu selbständigem Lernen fähig, erkennen Sinnzusammenhänge und Muster in riesigen Datenmengen. Wird einem solchen System Künstlicher Intelligenz beispielsweise genug Schadsoftware gezeigt, kann es schließlich eigenständig Computerviren erkennen.

Sämtliche Internetriesen, allen voran auch Facebook, investieren viel Geld in die Erforschung Künstlicher Intelligenz. Zum einen wächst durch mobile Anwendungen das Anfragevolumen, das etwa Googles bislang so zuverlässiger Suchalgorithmus zu bewältigen hat. Und wer mal das Übersetzungsprogramm von Google ausprobiert hat, wird erstaunt festgestellt haben, wie selbst simple Satzkonstruktionen den Code immer noch überfordern. 

Dennoch hat Google lange gezögert, sich nicht nur in den Bereichen Video und Übersetzung, sondern auch im Kernsegment Suche vollständig auf Künstliche Intelligenz einzulassen. Dafür sorgte auch der interne Widerstand unter den Programmierern, die an dem von ihnen gepflegten und bislang so wunderbar funktionierenden Such-Algorithmus festhielten. Nun aber scheint der Paradigmenwechsel unumkehrbar zu sein. Das wurde durch eine Personalie deutlich: Der bisherige Search-Guru Amit Singhal ist Ende Februar zurückgetreten. Zu seinem Nachfolger wurde Googles Spezialist für Künstliche Intelligenz, John Giannandrea, ernannt.

Kein Weg mehr zurück

Wer meint, Künstliche Intelligenz sei bei allem Fortschritt ein Problem für die nächste Generation, der irrt. Seit vergangenem Jahr wird bei Google bereits etwa jede siebte der Millionen von Suchanfragen pro Sekunde von einer Künstlichen Intelligenz mit dem Spitznamen RankBrain beantwortet. Sie kommt bei noch nie gestellten Anfragen zum Einsatz und versucht, einen Sinnzusammenhang herzustellen. Für die Kundenzufriedenheit ist RankBrain innerhalb kurzer Zeit unverzichtbar geworden. Sie bei der Suche abzuschalten, wäre vergleichbar mit dem Ignorieren der Hälfte der Einträge des Internetlexikons Wikipedia, sagte ein Google-Mitarbeiter.

Noch ist Künstliche Intelligenz in ihrer Anwendung stark eingeschränkt und ein "Aufstand der Maschinen" pure Hollywood-Erfindung. Schon jetzt allerdings können die "Denkprozesse" der Maschinen von ihren Erbauern teils nicht mehr nachvollzogen werden. Größen wie Physiker Stephen Hawking halten Schreckensszenarien à la "Matrix" oder "Terminator" nicht für bloße Fantasie und sehen die Menschheit in realer Gefahr durch intelligente Maschinen. Zu den Mahnern gehört auch Tech-Pionier Elon Musk. Sein Motto lautet: Wenn man Künstliche Intelligenz schon nicht aufhalten kann, soll die Technik wenigstens jedermann offen stehen und so hoffentlich kontrollierbar bleiben. Zu diesem Zweck hat der Gründer von PayPal, Tesla und SpaceX im Dezember 2015 das Open-Source-Projekt OpenAI ins Leben gerufen.

Bei dem Turnier zwischen Lee und AlphaGo steht also sehr viel mehr auf dem Spiel als das Preisgeld von einer Million US-Dollar. Scheitert die Künstliche Intelligenz auf ganzer Linie, ist die Forschung womöglich doch noch nicht so weit wie gedacht. Unterliegt aber Lee, ist dies tatsächlich ein Ereignis für die Geschichtsbücher.

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Quelle: n-tv.de

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