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Rund zwei Drittel der LGBT-Jugendlichen gaben an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen werde.
Rund zwei Drittel der LGBT-Jugendlichen gaben an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen werde.

Coming-out und dann … ?!: Das lange Leiden junger Homosexueller

Von Diana Sierpinski

Beschimpft und gedemütigt, ignoriert und lächerlich gemacht, ausgeschlossen und verprügelt: Eine Studie zeigt auf, wie schwer ein Coming-out für junge Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle auch heute noch ist.

"Mama, Papa, ich bin homosexuell." Ein Satz, den auszusprechen vielen Jugendlichen immer noch schwerfällt. Die meisten befürchten, dass sich Eltern, Freunde und Schulkameraden dann von ihnen abwenden. Tatsächlich erlebt die Mehrheit der lesbischen, schwulen (englisch Gay), bisexuellen und Trans- (abgekürzt LGBT) Jugendlichen nach dem Coming-out abweisende oder sogar feindselige Reaktionen. Das geht aus einer Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) hervor, die vom Familienministerium gefördert wird. Die ersten Ergebnisse der zweijährigen Untersuchung mit dem Titel "Coming-out - und dann …?!" zeigen, wie schwer der Weg zum Coming-out auch heute noch ist.

Fakten zur Studie

5000 junge Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren nahmen an der Online-Befragung teil. Neben lesbischen, schwulen und bisexuellen zählten auch Trans-Jugendliche, also Menschen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können. Fast die Hälfte der Befragten wohnt in Großstädten. Jeder fünfte Befragte wohnt in Ostdeutschland, jeder Sechste hat einen Migrationshintergrund. Zusätzlich wurden 40 Teilnehmer von den Wissenschaftlerinnen Claudia Krell und Kerstin Oldemeier interviewt.

Das innere Coming-out, also der Prozess der Bewusstwerdung und die Auseinandersetzung mit der eigenen sexuellen Orientierung, dauert demnach häufig mehrere Jahre und wird oft als belastend erlebt. Für die meisten Befragten begann die Bewusstwerdung im Alter zwischen 13 und 16 Jahren. Knapp 16 Prozent gaben an: "Ich wusste es schon immer." Dieser Anteil liegt bei Trans-Jugendlichen deutlich größer. Knapp ein Drittel wussten in dieser Gruppe schon immer, dass ihre geschlechtliche Identität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht.

"Die Unsicherheit über das zu Beginn des inneren Coming-out als nicht-passend wahrgenommene sexuelle oder geschlechtliche Erleben führt vielfach zu Belastungen, Entbehrungen und Ängsten", schreiben die Wissenschaftlerinnen. Aus Sorge vor negativen Reaktionen ihrer Eltern und Geschwister, im Freundeskreis, in der Schule oder in der Ausbildung verheimlichen viele LGBT-Jugendliche ihre "wahren Gefühle". Dabei entwickelten sich bei einigen "therapierelevante psychische und psychosomatische Symptome". "Das ging halt so weit, bis ich wirklich so kaputt war und Depressionen hatte und dann habe ich angefangen, mich auch selbst zu verletzen und so was", wird die 21 Jahre alte Fiona in der Studie zitiert.

Beleidigt, beschimpft, nicht ernst genommen

Tatsächlich berichten viele der teilnehmenden Jugendlichen noch immer von Diskriminierungserfahrungen bis hin zu körperlicher Gewalt. So gaben rund zwei Drittel an, dass in ihrem engeren Familienkreis ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht ernst genommen worden sei. Knapp 17 Prozent erklärten in der Studie, sie seien von Familienmitgliedern beleidigt, beschimpft oder lächerlich gemacht worden.

Drei Prozent berichteten sogar von Gewalt aufgrund ihres Coming-outs. An Bildungs- oder Arbeitsstätten ist sogar jeder zehnte Jugendliche nach dem Coming-out körperlich angegriffen oder verprügelt worden. Allerdings berichten auch viele Jugendliche, ihre Eltern hätten sich nach einer gewissen Zeit an die LGBT-Lebensweise ihres Kindes gewöhnt und akzeptierten diese auch.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass Lehrer sehr oft keine große Hilfe für die Jugendlichen sind. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, ihre Lehrer hätten nie gezeigt, dass sie Schimpfwörter wie Schwuchtel, Transe oder Lesbe nicht dulden. An Schulen werde das Thema LGBT kaum je besprochen, schon gar nicht mit positiven Beispielen, schreiben die Autorinnen. So berichtet die 27-jährige Henrike: "Wir hatten Sexualkunde, da ging es nur um Mann und Frau. Wir hatten in Ethik das Thema Liebe und Partnerschaft, da ging es nur um Mann und Frau."

Zu intim und detailliert

Ein weiteres Problem sei, dass Jugendliche, die eine Angleichung an die empfundene Geschlechtsidentität anstreben, zusätzlich noch mit Ämtern und Ärzten ringen müssen. Insbesondere der erste Kontakt mit einem Arzt oder Therapeut bietet vor allem für jüngere Trans-Jugendliche nicht die erwartete Hilfe. Die für die Anpassung des Personenstandes vorgeschriebene psychologische Begutachtung erlebte fast die Hälfte der Befragten als belastend. Fast alle fanden die Fragen "stellenweise zu intim und detailliert".

Haben Jugendliche den Prozess der rechtlichen und medizinischen Transition abgeschlossen, erleben sie das oft als große Erleichterung: "Erstgeburt sage ich dazu, ich habe zuvor eigentlich nicht gelebt, ich habe vegetiert", beschreibt etwa die 19-jährige Evelyn ihre Erfahrung.

Die Wissenschaftlerinnen empfehlen in ihrer Studie, die Vielfalt von Lebensentwürfen abseits medialer Inszenierungen und Klischees sichtbar zu machen. Im Unterricht müsse die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt stärker berücksichtigt werden. Im Rahmen von Projekttagen oder Aufklärungsprojekten sollten sich Schüler und Lehrer mit dem Thema auseinandersetzen. Lehrer müssten sich entsprechend weiterbilden. Dann könnten Schulen und Ausbildungsstätten "angenehmere Orte für junge Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans- und queere Jugendliche werden".

Quelle: n-tv.de

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