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Psychosomatische Störungen: Die Rebellion der Seele

"Bei einem Viertel aller Patienten werden keine oder keine ausreichenden organischen Ursachen gefunden", schreibt der Linzer Psychologe Hans Morschitzky in seinem Buch "Wenn die Seele durch den Körper spricht". Doch die Leiden und Schmerzen der Hilfesuchenden halten an. Diese fühlten sich dann oft unverstanden, als Simulanten abgestempelt und suchen den nächsten Arzt auf.

Lange wurden in der Medizin nur die körperlichen Faktoren bedacht. Doch ist es eine alte Volksweisheit, dass die Seele durch den Körper spricht. Und wer nicht auf sie hört, bekommt Sodbrennen, einen Kloß im Hals, Rückenschmerzen oder knirscht mit den Zähnen. Auch Kopfschmerzen, hoher Blutdruck, ständiger Harndrang, Schwindelgefühl oder Tinnitus sind Ausdrucksformen der Psyche, wenn sie auf sich aufmerksam machen will.

Mittlerweile werden darum neben den organischen Ursachen einer Krankheit immer stärker auch krank machende Lebensbedingungen und Denk- und Verhaltensweisen eines Patienten berücksichtigt.

Unbefriedigte Bedürfnisse

Zwischen Körper und Seele herrscht ein Wechselspiel. Wer zum Beispiel Schmerzen hat, ist für gewöhnlich schlecht gelaunt. Und so löst auch jeder andere körperliche Vorgang bestimmte Gefühle aus. Und umgekehrt führt jedes Gefühl zu einer körperlichen Reaktionen: wer sich erleichtert fühlt, atmet auf. Wer verlegen ist, errötet. Wer gerührt ist, dem kommen die Tränen.

Dieses Wechselspiel bezeichnet man als "Psychosomatik", bestehend aus den griechischen Wörtern "Psyche" für Seele und "Soma" für Körper. Der enge Zusammenhang zwischen Körper und Seele zeigt sich auch in Redewendungen wie "Etwas auf dem Herzen haben", "Wut im Bauch haben" oder "Ich habe die Schnauze voll".

In der Regel besteht bei psychosomatischen Krankheiten ein unbewusster psychischer Konflikt zwischen Bedürfnissen, die nicht befriedigt werden. Wenn etwa Aggressionen nicht ausgelebt werden, wird das Nervensystem daueraktiviert und es können sich je nach Veranlagung eine Entzündung der Magenschleimhaut, Bluthochdruck, Migräne oder auch Arthritis entwickeln.

Herzschmerz

Viele Organe, bis hin zur Haut, reagieren auf die Psyche. Neben Magen- und Kopfschmerzen werden vor allem Herzbeschwerden auf psychische Ursachen zurückgeführt. Das Herz ist nach Morschitzky das psychosomatische Organ schlechthin. Denn das Herz ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional das Zentrum unseres Körpers. Es gilt als der Sitz unserer stärksten Gefühle – der Liebe, des Mitgefühls und der Warmherzigkeit.

Bei jeder seelischen Belastung, sei es Stress jeglicher Art, Ärger oder Angst beschleunigt sich der Herzschlag. Es kann zu Herzklopfen, -rasen oder –stolpern, aber auch zu Schmerzen oder einem Engegefühl in der Brust kommen. Stiche in der Herzgegend können aber übrigens auch auf Verspannungen im Bereich der Wirbelsäule zurückzuführen sein.

Herzinfarkt ist die Todesursache Nummer eins in Deutschland und die Angst davor weit verbreitet. Herzrasen, Herzschmerzen oder Stiche im Brustkorb müssen aber nicht gleich einen Herzinfarkt ankündigen. Herzprobleme treten besonders häufig bei psychischen Störungen wie Panikattacken oder Depressionen auf. Das Herzrasen wird dann oft als lebensbedrohlich empfunden. Die Konzentration auf das Herz kann zudem in einen Teufelskreis führen, weil bereits die erhöhte Aufmerksamkeit die Herzfrequenz erhöht.

Stress allein ist nicht das Problem

Stress und emotionale Faktoren allein können keinen Infarkt auslösen. Ist aber bereits eine Herzerkrankung vorhanden, können viele psychosoziale Faktoren das Infarktrisiko verstärken. Dazu gehören eine feindselige Haltung, Ärger, akuter oder chronischer Stress, mangelnder emotionaler Rückhalt, hohe berufliche Beanspruchung oder ein niedriger sozioökonomischer Status.

Die Zusammenhänge der Einflussfaktoren bei Herzproblemen sind sehr komplex. Deshalb sollten, selbst wenn psychische Ursachen offensichtlich sind, zunächst organische Ursachen ausgeschlossen werden. Erst dann sollte man einen Psychologen oder Psychotherapeuten aufsuchen, um mit ihm die Sprache der Seele zu entschlüsseln. Und am besten nicht erst, wenn sie brüllt.

Judith Jensen

Weitere Informationen und andere Beispiele für psychosomatische Krankheiten finden Sie in dem Buch "Wenn die Seele durch den Körper spricht – Psychosomatische Störungen verstehen und heilen" von Hans Morschitzky und Sigrid Sator, erschienen im Walter-Verlag.

Quelle: n-tv.de

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