Sind Gebete nur Selbstgespräche ohne Auswirkung?
(Foto: REUTERS)
Freitag, 29. Januar 2010
Religionspsychologie: Die Wirkung des Gebets
Fabian Maysenhölder
Über das Gebet wird viel spekuliert. Wirkt es oder ist es reines Selbstgespräch? Ein US-Forscherteam hat nun einen Aspekt des Betens untersucht - mit erstaunlichem Ergebnis.Die Psychologen wollten wissen, ob Gebete Auswirkungen auf unser Verhalten gegenüber Mitmenschen haben. Das Team um Nathaniel Lambert von der Florida State University untersuchte, ob es einen Zusammenhang zwischen Gebet und dem Willen zur Vergebung gibt. Ist es möglich, dass zielgerichtete Gebete für diejenigen, die uns Schaden zugefügt haben, die Bereitschaft zur Vergebung in uns aufkeimen lässt? Oder macht es keinen Unterschied, ob ich "nur" positiv über eine Person nachdenke oder ob ich für sie bete?
Lambert und seine Kollegen untersuchten dies durch zwei verschiedene wissenschaftliche Experimente, die im US-Magazin "Psychological Science" veröffentlicht wurden. "Für die Versuche wurden nur Probanden akzeptiert, die vorher angegeben hatten, zumindest gelegentlich zu beten", sagt Lambert.
Gebet für Lebenspartner
Im ersten Versuch betete eine Gruppe von Männern und Frauen ein einzelnes Gebet für das Wohlbefinden ihres jeweiligen Lebenspartners. Die Probanten der Kontrollgruppe beteten nicht, sondern sprachen lediglich eine emotionale Beschreibung ihres jeweiligen Partners auf Tonband. Dabei mussten sie möglichst positiv von ihm reden, als beschrieben sie ihn einem imaginären Elternteil.
Daraufhin untersuchten die Wissenschaftler die Bereitschaft der Teilnehmer, ihrem Partner zu vergeben. "Vergebung" definierten sie dabei als die Abnahme der anfänglich negativen Gefühle, die die Probanden gegenüber ihren Lebenspartnern hatten. Ihre Ergebnisse zeigten, dass diejenigen, die für ihren Partner gebetet hatten, weniger rachsüchtige Gedanken und Gefühle hegten. Sie waren eher bereit, zu vergeben, als die Probanden der Kontrollgruppe.
Dauerhaftes Gebet
Wenn ein einzelnes Gebet eine solche Veränderung in den Gefühlen hervorrufen kann, was kann Gebet über einen längeren Zeitraum für eine Beziehung bewirken? Die Forscher starteten einen zweiten Versuch. Dieses Mal wiesen die Wissenschaftler eine Gruppe von Männern und Frauen an, vier Wochen lang täglich für einen guten Freund zu beten.
Wer regelmäßig für den Partner betet, tut der Beziehung offenbar Gutes.
(Foto: REUTERS)
Es gab zwei Kontrollgruppen: Die erste sollte ebenfalls einmal täglich beten – allerdings nur für allgemeine Dinge, nicht zielgerichtet. Die zweite Gruppe sollte einmal täglich eine Zeit lang positiv über ihren Freund nachdenken. Das Ergebnis war auch hier eindeutig. Diejenigen, die gezielt für ihren Freund beteten, waren danach eher bereit, dieser Person zu vergeben, als die Probanden der beiden Kontrollgruppen.
Zudem stellten die Forscher fest, dass die Gruppe, die gezielt für einen Freund betete, nach den Gebeten mehr Selbstlosigkeit empfand. Die Probanden in dieser Gruppe machten sich also mehr um andere Menschen Sorgen. Dies trug wiederum zu deren Vergebungsbereitschaft bei.
Gebet setzt Fokus
Doch wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Die Psychologen äußern eine Vermutung: Die meiste Zeit verfolgen Paare gemeinsame Ziele. Aber wenn sie Schwierigkeiten in ihrer Beziehung begegnen, treten Gefühle wie Ärger oder gar Rache als neue Ziele zwischen sie. Diese Ziele, die auf Gegensätzen beruhen, verschieben den Gedankenfokus hin zu dem eigenen Ich.
Lambert und sein Team kommen zu dem Schluss, dass das gezielte Gebet die Aufmerksamkeit vom eigenen Ich offenbar wieder zurück zu anderen legt. Und zwar in einem größeren Ausmaß als allgemeines Gebet oder nur "positives Denken".
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