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In neuem HirnbereichEine Sonde gegen Depression

18.01.2010, 14:27 Uhr

Oft kann schwer depressiven Patienten nicht adäquat geholfen werden. Mit der Platzierung einer Sonde in einer bisher nicht angesteuerten Hirnregion verbuchen Medizinier nun einen Erfolg.

Mit einer rund acht Zentimeter tief ins Hirn geschobenen elektrischen Sonde haben Ärzte aus Mannheim und Heidelberg eine schwerst depressive Patientin mit Erfolg behandelt. Die 64 Jahre alte Frau kann daraufhin ein weitgehend normales Leben führen - zuvor war sie über lange Zeit völlig antriebslos, berichtet Professor Andreas Unterberg von der Abteilung für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die Studie ist im Journal "Biological Psychiatry" nachzulesen (Bd. 67, Nr. 2).

Die Frau litt seit rund 40 Jahren an einer schweren Depression, beschreibt der Mediziner. Ziel des nun weltweit erstmals vorgenommenen Eingriffes war eine tief im Hirn liegende Struktur des Zwischenhirns namens Habenula (lateinisch: Zügelchen). Aus Tierversuchen war bekannt, dass dieser nur wenige Millimeter große Bereich eine Rolle bei schweren Depressionen spielt. Untersuchungen hatten gezeigt, dass die Habenula bei einer Depression hyperaktiv ist und dadurch die Balance der Nervenübertragungsstoffe im Hirnstamm gestört wird.

Die Habenula, der neue Zielpunkt, ist weit entfernt von anderen bislang angesteuerten Regionen im Hirn. Depressive Patienten konnten mit Hilfe der Elektrostimulation bereits zuvor mit einigem Erfolg behandelt werden. Allerdings wurden hier zwei andere Hirnregionen stimuliert, die im Bereich des Großhirns liegen. Die Habenula hingegen findet sich weiter unten in Richtung Hirnstamm.

"Wirklich tief drin im Hirn"

Der Gruppe gehören auch Karl Kiening, Sektionsleiter für Stereotaktische Neurochirurgie der Uniklinik Heidelberg und Alexander Sartorius vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim an. Nachdem eine Heidelberger Ethikkommission dem Eingriff zugestimmt hatte, schob das Team die feine Sonde auf exakt geplantem Weg durch ein Loch im Kopf bis zum Ziel vor. Es war trotz aller Überlegungen und Vorarbeiten eine belastende Entscheidung für die Ärzte, berichtet Unterberg: "Das ist wirklich richtig tief drin im Hirn."

Der Frau, die bereits zwei Suizidversuche hinter sich hatte, konnte zuvor auch durch eine sogenannte Elektrokrampftherapie, bei der beim narkotisierten Patienten durch Strom ein epileptischer Anfall ausgelöst wird, nicht dauerhaft geholfen werden, berichten die Ärzte. "Seit dem Eingriff am 3. Juni 2008 ist die Frau ohne zusätzliche Elektrokrampftherapie beschwerdefrei", heißt es in einer Mitteilung des Teams. Die Frau trägt den "Hirnschrittmacher" unter der Brusthaut, von wo aus die Elektrode mit Strom versorgt wird und damit zum Aufheben der Depression führt. "Dieser Fall war das schwarze Ende des Spektrums, das von hellgrau bis tiefschwarz reicht", erinnert sich der Heidelberger Mediziner.

Abschalten der Sonde bestätigt Erfolg

Der Erfolg des Eingriffes wurde durch ein vorübergehendes unfreiwilliges Abschalten der Elektrode aufgrund einer notwendigen OP bestätigt, berichten die Mediziner - die Depression kehrte zurück. Erst nach erneuter Aktivierung habe sich der Zustand der Patientin wieder verbessert. "Das war ein toller Beweis, dass wirklich die Elektrostimulation dazu geführt hat, dass die Depression ,abgestellt‘ war", sagte Unterberg.

Die Mediziner planen bereits, weitere Patienten zu behandeln. An mehreren Zentren sollen Psychiater und Neurochirurgen zusammenarbeiten. "Dabei wird man sich sicher an die besonders schwer betroffene Gruppe halten, von der es in Deutschland rund 100 Patienten gibt. Es kann später sein, dass dieses Gebiet eine Ausweitung erfährt und dann womöglich auch weniger schwer Betroffene behandelt werden."

Was ist Stress?Erst im vergangenen Dezember hatten Mediziner der Unikliniken Bonn und Köln insgesamt zehn Patienten mit einer anderen Variante der tiefen Hirnstimulation behandelt. Dafür implantierten sie Elektroden in den sogenannten Nucleus accumbens ihrer Patienten. Darüber konnten sie diesen wichtigen Teil des Belohnungssystems stimulieren, bei der Hälfte der Probanden besserte sich das Befinden daraufhin deutlich, berichteten die Ärzte. Alle Patienten hatten jahrelang schwerste Depressionen, die sich durch andere Therapien nicht in den Griff bekommen ließen.

Quelle: Thilo Resenhoeft, dpa (gekürzt)